ARISTOTELES: POETIK
DIE
KOMÖDIE
| Die KOMÖDIE
ist, wie gesagt, die nachahmende Darstellung niedrigerer
Menschen, ohne dass sie jedoch auf jede Art von Schlechtigkeit einzugehen
brauchte, sondern es fällt in ihren Bereich nur das Hässliche
und Gemeine, soweit es lächerlich ist. Denn lächerlich ist eine
Verfehlung und eine Art von Hässlichkeit und Gemeinheit, die keinen
Schmerz verursacht und nichts Verletzendes
hat, wie ja auch gleich die komische Maske etwas Hässliches und Verzerrtes
hat, das aber niemand weh tut. [...] |
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DAS EPOS
Das EPOS
und die
TRAGÖDIE stimmen darin
miteinander überein, daß beide eine Nachahmung
ernster Handlungen in gebundener Rede sind.
Dagegen unterscheidet sich
das Epos von der Tragödie dadurch, dass
es ein einheitliches Versmaß hat und nur berichtet, und dann auch
durch seinen Umfang.
Denn die Tragödie
versucht eine Handlung darzustellen, die sich innerhalb eines einzigen
Tages abspielt oder doch nicht weit darüber hinausreicht; das Epos
dagegen ist zeitlich unbegrenzt. [...] |
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DIE
TRAGÖDIE
Jetzt aber wollen wir über
die TRAGÖDIE sprechen und aus
dem Gesagten den sich ergebenden Begriff ihres Wesens entnehmen. Es
ist also die TRAGÖDIE die nachahmende Darstellung einer ernsten und
in sich abgeschlossenen Handlung, die eine gewisse Größe hat,
in kunstvollem Stil, der in den einzelnen Teilen sich deren besonderer
Art anpasst, einer Handlung, die nicht bloß erzählt, sondern
durch handelnde Personen vor Augen gestellt wird und die durch Mitleid
und Furcht erregende Vorgänge die Auslösung(Katharsis)
dieser und ähnlicher Gemütsbewegugen bewirkt.
Unter kunstvollem Stil verstehe
ich einen solchen, der sich in Rhythmus und Harmonie, d.h. Melodie bewegt,
und damit, dass er in den einzelnen Teilen sich deren besonderer Art anpasst,
meine ich, dass einige Teile nur in Versmaßen abgefasst, andere wiederum
musikalisch komponiert werden. Da es ferner handelnde Personen sind, die
die Darstellung vorführen, so muss notwendig der auf den Anblick berechnete
Schmuck in der Ausstattung einen Teil der Tragödie bilden, ferner
die musikalische Komposition und der sprachliche Stil: denn das sind die
Mittel zur nachahmenden Darstellung. Unter dem sprachlichen Stil verstehe
ich hier den Bau der Verse; was musikalische Komposition bedeutet, liegt
ja klar am Tage.
[...]
Die Tragödie ist aber
nicht nur die Darstellung einer in sich abgeschlossenen Handlung, sondern
auch einer solchen, in der Mitleid
und Furcht erregende Vorgänge vorkommen. Diese Wirkung wird
am meisten dann eintreten, wenn etwas aus dem inneren
Zusammenhang heraus wider Erwarten geschieht. In diesem Falle wird
das Wunderbare noch mehr Eindruck machen, als wenn es nur von selbst und
zufällig eintritt. Denn auch unter den zufälligen Vorkommnissen
solcher Art, erscheinen diejenigen am wunderbarsten, in denen eine Absicht
zu walten scheint, wie z.B. bei jener Statue des Mitys in Argos, die auf
seinen Mörder fiel und ihn tötete, als er sie gerade betrachtete.
Denn ein solches Geschehen scheint nicht sinnlos zu sein. Deshalb sind
solche Stoffe notwendig für die dichterische Behandlung vorzuziehen.
[...]
Da der Aufbau
einer idealen Tragödie nicht einfach sein darf, sondern verflochten
sein muss und sie, gemäß der ihr eigenen Darstellungsform,
solche Handlungen zur Darstellung zu bringen hat, die Mitleid und Furcht
erregen, so ist fürs erste klar, daß darin weder sittlich besonders
tüchtige
Menschen vorkommen dürfen,
die vom Glück ins Unglück stürzen - denn das erregt weder
Furcht noch Mitleid, sondern ist einfach entsetzlich- , noch Schurken,
die vom Unglück ins Glück kommen: denn das wäre das Alleruntragischste,
und ein solches Motiv ließe alles vermissen, was man hier braucht:
es würde weder menschliche Teilnahme noch Mitleid und Furcht erwecken.
Es dürfen jedoch auch nicht ganz böse Menschen aus dem Glück
ins Unglück geraten. Die menschliche Teilnahme würde das ja zwar
berühren, aber weder Mitleid noch Furcht erregen. Es bleibt also derjenige
Typos übrig, der zwischen diesen Extremen die Mitte hält. Ein
solcher ist, wer sich weder durch Tugend und Gerechtigkeit auszeichnet,
noch infolge von Schlechtigkeit und Schurkerei ins Unglück gerät,
sondern durch irgendeinen Fehltritt. Und zwar werden es Menschen
in hoher Stellung und glücklichen äußeren Verhältnissen
sein, wie Ödipus und Thyestes und andere hervorragende Männer
aus solchen Geschlechtern. |
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[...] Aristoteles: Poetik. In: Aristoteles, Hauptwerke. Übs. v. Nestle,
Stuttgart (Kröner) S. 340ff. (gekürzt) ARISTOT.DOC |