Bertolt Brecht:
Leben des Galilei (1938/9)
Personenprofile
DIE GESTALT DES ANDREA
"... die Dialektik bestimmt auch die Gestaltung der handelnden Personen. Sie äußert sich als Relation von Individuellem und Typischem... Die Begeisterung des Mannes Galilei wiederholt sich in der leidenschaftlichen Hingabe und dem Zugetansein des Knaben an die neue Sache. Das Ingenium spiegelt sich wider als Flamme der geistigen Mannbarwerdung des Adepten. Andrea besitzt keinen alternierenden, sondern einen alternativen Charakter. Dem Meister folgend, zeigt er die Folgen. Um so viel jünger als Galilei, will er uns doch älter scheinen. Geleitet, zeigt er sich als der Verleitete, geführt als der Verführte! Das Ergebnis der Ergebenheit: der Prototyp des zu jeder Abschwörung, zu jeder Leugnung und Verleugnung, zu jedem Gehorsam bereiten Wissenschaftlers, dem das Verhalten Galileis schon nicht mehr problematisch, sondern selbstverständlich erscheint, wenn es einen Beitrag für die Wissenschaft einschließt. Galilei belehrt ihn eines Besseren. Wir verlassen ihn als einen nicht nur gelehrigen, sondern belehrten Schüler. Aber während wir uns bei jeder anderen Gestalt des Stückes damit zufriedengeben können, sie vom Ende des Stückes her zu sehen und zu beurteilen, zwingt uns die Gestalt Andreas, sie von ihrer Zukunft her zu beurteilen. Und da hat sie nicht nur den rosigen Hauch der Jugend, sondern die Gräue des ältesten Alters: der intellektuellen Verantwortungslosigkeit gegenüber der Menschheit. Wir sehen da die verderbte Unschuld, die zerstörte Hoffnung, die nicht eingehaltene Versprechung. Das "Willkommen in der Gosse, Bruder in der Wissenschaft und Vetter im Verrat!" hallt schrecklich in uns nach. Andrea macht sich zum Schluss den richtigen Reim, aber wir wissen, dass es nicht der Schluss des Verses ist, dessen zynischer Sinn uns klar geworden ist. Der geglückte Weg über die Grenze kann uns die folgende Grenzgängerei nicht vergessen machen. "Wir stehen wirklich erst am Beginn", versichert uns Andrea tröstlich am Ende des Stückes. Wie wahr im Guten - aber auch im Bösen. Galilei sieht sich selber als dünnen Stamm, aber das "grüne Holz" Andrea ist nicht frei von Fäulnis und Mispeln. Wir können Andrea als Verführtem und Verleitetem ebensowenig bedingungslos folgen wie Galilei: Wir müssen eigene, bessere Wege suchen."

[Aus: Brauneck, M., Das deutsche Drama vom Expressionismus bis zur Gegenwart, Bamberg 1970, S. 165f.]