| "... die Dialektik bestimmt
auch die Gestaltung der handelnden Personen. Sie äußert sich
als Relation von Individuellem und Typischem... Die Begeisterung des Mannes
Galilei wiederholt sich in der leidenschaftlichen Hingabe und dem Zugetansein
des Knaben an die neue Sache. Das Ingenium spiegelt sich wider als Flamme
der geistigen Mannbarwerdung des Adepten. Andrea besitzt keinen alternierenden,
sondern einen alternativen Charakter. Dem Meister folgend, zeigt er die
Folgen. Um so viel jünger als Galilei, will er uns doch älter
scheinen. Geleitet, zeigt er sich als der Verleitete, geführt als
der Verführte! Das Ergebnis der Ergebenheit: der Prototyp des zu jeder
Abschwörung, zu jeder Leugnung und Verleugnung, zu jedem Gehorsam
bereiten Wissenschaftlers, dem das Verhalten Galileis schon nicht mehr
problematisch, sondern selbstverständlich erscheint, wenn es einen
Beitrag für die Wissenschaft einschließt. Galilei belehrt ihn
eines Besseren. Wir verlassen ihn als einen nicht nur gelehrigen, sondern
belehrten Schüler. Aber während wir uns bei jeder anderen Gestalt
des Stückes damit zufriedengeben können, sie vom Ende des Stückes
her zu sehen und zu beurteilen, zwingt uns die Gestalt Andreas, sie von
ihrer Zukunft her zu beurteilen. Und da hat sie nicht nur den rosigen Hauch
der Jugend, sondern die Gräue des ältesten Alters: der intellektuellen
Verantwortungslosigkeit gegenüber der Menschheit. Wir sehen da die
verderbte Unschuld, die zerstörte Hoffnung, die nicht eingehaltene
Versprechung. Das "Willkommen in der Gosse, Bruder in der Wissenschaft
und Vetter im Verrat!" hallt schrecklich in uns nach. Andrea macht sich
zum Schluss den richtigen Reim, aber wir wissen, dass es nicht der Schluss
des Verses ist, dessen zynischer Sinn uns klar geworden ist. Der geglückte
Weg über die Grenze kann uns die folgende Grenzgängerei nicht
vergessen machen. "Wir stehen wirklich erst am Beginn", versichert uns
Andrea tröstlich am Ende des Stückes. Wie wahr im Guten - aber
auch im Bösen. Galilei sieht sich selber als dünnen Stamm, aber
das "grüne Holz" Andrea ist nicht frei von Fäulnis und Mispeln.
Wir können Andrea als Verführtem und Verleitetem ebensowenig
bedingungslos folgen wie Galilei: Wir müssen eigene, bessere Wege
suchen."
[Aus: Brauneck, M., Das deutsche Drama vom Expressionismus bis zur Gegenwart, Bamberg 1970, S. 165f.] |