| Karl Brinkmann
Es ist das Mitleiden mit
dem gequälten und verfolgten Individuum, vielleicht gerade das, was
Brecht nicht wollte, das er aber groß und überzeugend gestaltet,
am eindrucksvollsten vielleicht im "Galilei", der ein wirklich großer
Mann und Geist ist. Brecht wollte ihn nur als Exempel für gewisse
gesellschaftliche Zustände, die immer wiederkehren können. Aber
sein Galilei ist ein vollblütiger Mensch mit all seinen Widersprüchen
und Unstimmigkeiten, der sich im Kampf mit den übermächtigen
herrschenden zu einer neuen Ethik bekehrt, die alles überkommene Pathos
aufgibt und sich selbst im scheinbaren Verzicht die Möglichkeit sichert,
das Große gegen das Kleine, den Fortschritt gegen die bequeme Beharrung
durchzusetzen. Sein Galilei geht nicht als tragischer Held unter. Er nimmt
das Verhängnis auf sich, er opfert sich nicht als leuchtendes Fanal.
Er setzt dem Beharren das Ausharren, das Warten auf seine Stunde entgegen.
Das Opfer des einzelnen, sein tragischer Untergang, ändert diese komplexe
Welt nicht mehr, mögen wir ihn aus gewissen Voraussetzungen auch hoch
bewerten. Wahrhaft tragisch ist nur der Untergang im Widerspiel zu großen
ethischen, religiösen oder auch gesellschaftlichen Werten. Was gegen
Galilei verteidigt werden sollte, war aber keine religiöse Wertewelt,
sondern nur eine den herrschenden Kreisen bequeme Ordnung. Die moderne
Naturwissenschaft hat von vorübergehenden, längst als irrtümlich
entlarvten Fehldeutungen ihrer Ergebnisse abgesehen, das Glaubensgut der
Kirche oder das Christentum nicht gefährdet oder gar erschüttert,
der Himmel ist nicht abgeschafft, wie Brecht glaubte oder als Materialist
hoffte. Darum ist das Leben seines Galilei, wenn die gesellschaftskritische
Konstruktion, die Brecht an seine naturwissenschaftlichen Ergebnisse anschloß,
als Zeiterscheinung und nicht als letztes Ziel angesehen werden, genauer:
wenn die Bindung an die Tagespolitik unberücksichtigt bleibt oder
mindestens nicht als eigentliches Thema der Dichtung genommen wird, tragisch
in einem ganz modernen Sinn. Das große und begnadete Individuum steht
auf gegen Beharrung und Erstarrung für eine Welt der Bewegung und
des Wandels. Sein Tod auf dem Scheiterhaufen der Inquisition hätte
niemand genützt, weil sein Ziel nur durch Evolution, nicht aber Revolution
zu erreichen war.
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