Bertolt Brecht:
Leben des Galilei (1938/9)
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Karl Brinkmann

Es ist das Mitleiden mit dem gequälten und verfolgten Individuum, vielleicht gerade das, was Brecht nicht wollte, das er aber groß und überzeugend gestaltet, am eindrucksvollsten vielleicht im "Galilei", der ein wirklich großer Mann und Geist ist. Brecht wollte ihn nur als Exempel für gewisse gesellschaftliche Zustände, die immer wiederkehren können. Aber sein Galilei ist ein vollblütiger Mensch mit all seinen Widersprüchen und Unstimmigkeiten, der sich im Kampf mit den übermächtigen herrschenden zu einer neuen Ethik bekehrt, die alles überkommene Pathos aufgibt und sich selbst im scheinbaren Verzicht die Möglichkeit sichert, das Große gegen das Kleine, den Fortschritt gegen die bequeme Beharrung durchzusetzen. Sein Galilei geht nicht als tragischer Held unter. Er nimmt das Verhängnis auf sich, er opfert sich nicht als leuchtendes Fanal. Er setzt dem Beharren das Ausharren, das Warten auf seine Stunde entgegen. Das Opfer des einzelnen, sein tragischer Untergang, ändert diese komplexe Welt nicht mehr, mögen wir ihn aus gewissen Voraussetzungen auch hoch bewerten. Wahrhaft tragisch ist nur der Untergang im Widerspiel zu großen ethischen, religiösen oder auch gesellschaftlichen Werten. Was gegen Galilei verteidigt werden sollte, war aber keine religiöse Wertewelt, sondern nur eine den herrschenden Kreisen bequeme Ordnung. Die moderne Naturwissenschaft hat von vorübergehenden, längst als irrtümlich entlarvten Fehldeutungen ihrer Ergebnisse abgesehen, das Glaubensgut der Kirche oder das Christentum nicht gefährdet oder gar erschüttert, der Himmel ist nicht abgeschafft, wie Brecht glaubte oder als Materialist hoffte. Darum ist das Leben seines Galilei, wenn die gesellschaftskritische Konstruktion, die Brecht an seine naturwissenschaftlichen Ergebnisse anschloß, als Zeiterscheinung und nicht als letztes Ziel angesehen werden, genauer: wenn die Bindung an die Tagespolitik unberücksichtigt bleibt oder mindestens nicht als eigentliches Thema der Dichtung genommen wird, tragisch in einem ganz modernen Sinn. Das große und begnadete Individuum steht auf gegen Beharrung und Erstarrung für eine Welt der Bewegung und des Wandels. Sein Tod auf dem Scheiterhaufen der Inquisition hätte niemand genützt, weil sein Ziel nur durch Evolution, nicht aber Revolution zu erreichen war.
[Königs Erläuterungen. Band 293. Hollfeld/Obfr.: Bange Verlag, o.J. S.67. ]