|
Sie
[die Schrift: Dialog über die Weltsysteme] hatte in der Tat gefährliche
Mängel. In der Vorrede führt Galilei, den Wünschen des Papstes
entsprechend, aus, dass die Argumente für das kopernikanische System
nur zusammengestellt seien, um der Welt zu zeigen, dass das Dekret von
1616 nicht aus Unwissenheit, sondern in voller Kenntnis dieser Beweisführung
erlassen worden sei. [...] Trotz dieser zweifellos geschickten Einleitung
sind aber dann die Argumente für das kopernikanische System so dominierend
und so eindeutig den zwei geistig gewichtigeren Gesprächsteilnehmern
in den Mund gelegt, dass man das Werk nur als ein leidenschaftliches Bekenntnis
zu Kopernikus lesen konnte. Hinzu kam ein formaler Missgriff. Die „Dialoge
über die beiden Weltsysteme" wurden von drei Personen geführt:
dem die Position Galileis vertretenden Gelehrten Salviati, dem gebildeten
und urteilsfähigen Laien Sagredo und dem die ptolemäisch - aristotelische
Schule repräsentierenden Simplicio. Dieser Simplicio wurde von Galilei
nicht nur sehr kläglich mit Geist und Beredsamkeit ausgestattet, sondern
auch ausersehen, die vom Papst gewünschte und selbst formulierte Erklärung
über die Allmacht Gottes vorzutragen: "Wenn ach das kopernikanische
System richtiger zu sein scheint als das ptolemäische, so darf doch
der Schluss auf die Wahrheit des kopernikanischen Systems noch nicht gezogen
werden; denn ein solcher Schluss würde bedeuten, Gott einen Zwang
aufzuerlegen." Es muss für die Gegner Galileis ein leichtes gewesen
sein, mit dem Hinweis auf diese Stelle den Papst davon zu überzeugen,
dass in der Figur des einfältigen Simplicio er selbst gemeint und
verhöhnt worden sei. Vielleicht wäre ein erneutes Verfahren auch
ohne dieses Faktum in Gang gekommen; es ist jedoch wahrscheinlich, dass
Urban dann nicht in dem Maße die Verfolgung Galileis zu seiner persönlichen
Sache gemacht hätte.
(Gerhard Szczesny: Das Leben
des Galilei und der Fall Bertold Brecht; Ullstein Taschenbuch, Nr. 3905,
Frankfurt / M. / Berlin, 1966, S. 32f.) |
|