GEORG BÜCHNER

* 17.10.1813 in Goddelau (= Riedstadt) bai Darmstadt, 
+ 19.02.1837 in Zürich

Die neuere Geschichte der deutschen Exilliteratur beginnt mit Georg Büchner. Autoren wie Börne und Heine hatten das restaurative Deutschland mehr oder weniger freiwillig verlassen, Büchner jedoch war, als er nach Frankreich floh, politisch verfolgt; ein am 13. 06.1835 datierter Steckbrief bezichtigte ihn der "Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen". Nach seinem Tod vergingen mehr als fünfzig Jahre, bis eine Gesamtausgabe seiner Werke erschien, und erst zu Beginn des 20 Jh.s, zur Zeit des Naturalismus und des Expressionismus, gewann das Schafen des Dramatikers und Erzählers seine nun allerdings unauslöschliche Wirkung.
Der Sohn eines Amtsarztes wuchs in Darmstadt, der Residenzstadt des Großherzogtums Hessen - Darmstadt, auf. Sein Vater hatte lange als Militärarzt unter Napoleon gedient, blieb auch Zeit seines Lebens ein Anhänger Napoleons (wodurch Büchner schon früh auf die Revolutionsgeschichte hingewiesen wurde), hielt aber im Übrigen streng loyal zu seinem Staat. In Darmstadt erhielt der junge Büchner auch seine Schulausbildung in einer Privatschule und ab 1825 im Gymnasium.
1831 begann er in Straßburg, also im französischen Ausland, mit einem Medizinstudium. Hier machte er Bekanntschaft mit den demokratischen Kräften, die im Vorjahr den Sturz Karls X. erreicht hatten, und mit den Anfängen der sozialistischen Opposition gegen die bourgeoisie - freundliche Politik des 'Bürgerkönigs' Louis Philippe. Hier, auf französischem Boden schien etwas von der Idee der Freiheit verwirklicht, die man in den deutschen Ländern kaum laut beim Namen zu nennen wagte. Straßburg war ein Refugium der politisch unzufriedenen akademischen Jugend. Aus der jugendlichen Begeisterungsfähigkeit erwuchs eine politische Schwärmerei, die sich an dem damaligen Freiheitskampf der Polen gegen die Unterdrückung durch den Zaren immer neu entzünden konnte. Als am 4.12.1831 der polnische General Ramorino in Straßburg empfangen wurde, war Büchner mitten im Triumphzug, der den Freiheitskämpfer in die Stadt geleitete. "So ziehen wir in die Stadt, begleitet von einer ungeheuren Volksmenge unter Absingung der Marseillaise und der Carmagnole; überall erschallt der Ruf: Vive la liberté! Vive Ramorino! à bas les ministres! á bas le juste milieu!" (Brief an die Familie). Schon im folgenden Brief ist er bereit, den "Schießprügel" in die Hand zu nehmen, falls die Russen über die Oder gingen, und sein Urteil über die reaktionären Fürsten ist nicht weniger radikal, wenn er sie "allerdurchlauchtigste und gesalbte Schaftsköpfe" nennt, die "auf der Erde [...] hoffentlich keine Gnade mehr finden". Auf der gleichen Linie wird ein Vortrag Büchners gelegen haben, den er am 24.05.1832 in der Straßburger Studentenverbindung 'Eugenia' gehalten hat und in dem er laut Protokoll "... in etwas zu grellen Farben von der Verderbtheit der deutschen Regierungen und der Roheit der Studenten auf vielen Universitäten, namentlich in Gießen und auch in Heidelberg gesprochen hat". Seine Briefe aus dieser Zeit bezeugen lebhaftes politisches Interesse. Die politische Haltung des knapp 20jährigen Büchner zeigt ein Brief an die Eltern, in dem er über den gescheiterten "Frankfurter Putsch" (3.04.1833) schreibt: "Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es die Gewalt.[...]Was nennt Ihr den gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unterstützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten, ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann." Für ihn war dieser Putschversuch ein bedauerlicher Irrtum, weil die Beteiligten sich über die Ungunst des Zeitpunktes getäuscht hatten und in der Verblendung befangen waren, "...in den -deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk [zu] finden" (Straßburg, 5.04.1833). Diese kritische Haltung wird auch die Ursache dafür sein, dass Büchner sich nie der "Burschenschaft", der politisch engagierten Studentenbewegung seiner Zeit, angeschlossen hat.
Im Sommer führte ihn eine Vogesenwanderung vermutlich durchs Steintal, wo der Dichter J.M.R. Lenz 1778 in der Obhut des Pfarrers Oberlin lebte.
In Straßburg wohnte Büchner bei dem protestantischen Pfarrer Jaegelé, mit dessen Tochter Minna (d.i. Wilhelmine) er sich später verlobte (offiziell 1834). 
Büchner studierte zwei Jahre, von 1831 bis 1833, in Straßburg. Diese Zeit galt keineswegs nur der Beschäftigung mit der Politik. Der Medizinstudent entdeckte seine Neigung zu den Naturwissenschaften, denen er sich ernsthaft widmete. 
Um sein Studium abzuschießen, musste Büchner 1833 an die Heimatuniversität Gießen überwechseln (die hessischen Gesetze schrieben jedem Landeskind den Abschluss seiner Studien an einer Landesuniversität vor), wo er unter der bedrückenden Enge und Restaurationsmentalität, aber auch unter der Trennung von der Braut schwer litt. Er geriet in eine seelische Krise, die sich in körperlicher Krankheit offenbarte. Fünf Wochen nach der Immatrikulation in Gießen erkrankt Büchner an einer Gehirnhautentzündung. Im Elternhaus in Darmstadt wird er gesundgepflegt und kehrt Anfang Januar 1834 an die Universität zurück.
- Anfang 1834 trieb er intensive Studien über die Französische Revolution, offenbar um aus deren Analyse Richtlinien für sein eigenes Handeln zu gewinnen; unter dem "zernichtenden" Eindruck dieser Studien steht der 'Fatalismus - Brief' an die Braut (März 1834). Doch trotz dieses deprimierenden Ergebnisses hinsichtlich der Möglichkeiten politischen Handelns begann Büchner ungefähr gleichzeitig eine intensive illegal - revolutionäre Tätigkeit. Die Politik im Großfürstentum Hessen - Darmstadt bot Anlass genug dazu: hier gab es zwar seit 1820 eine Verfassung, aber deren Bestimmungen waren so gefasst, dass die Bürger praktisch keine politischen Rechte besaßen. Selbst Reste des bäuerlichen Frondienstes waren im Norden des Landes nicht beseitigt. Zu der politischen Unfreiheit kam die wirtschaftliche Not, unter der vor allem Bauern und Handwerker als einzige produktive Schichten litten. Sie hatten die Unkosten für die kostspielige Hofhaltung, die Beamten und das Militär zu tragen. Unter dem unmittelbaren Eindruck dieser Missstände gründete Büchner im 1834 nach französischem Vorbild in Gießen und etwas später in Darmstadt eine geheime 'Gesellschaft der Menschenrechte': die erste frühkommunistische Geheimgesellschaft in Deutschland, in der man sich politischer Schulung widmete ("Krieg gegen die Reichen!" und "Alles Vermögen ist Gemeingut" waren Slogans der Gruppe);man unternahm aber durchaus auch Schießübungen.
Bei dem Bemühen, Kontakte zu anderen revolutionären Gruppen zu knüpfen, stieß Büchner auf den Rektor und Pfarrer in Butzbach, Friedrich Ludwig Weidig, eine zentrale Gestalt der hessischen Oppositionsbewegung, der selbst eine mittlere und deshalb auch vermittelnde politische Richtung vertrat. Beide waren einig in dem Ziel, die bestehenden politischen Verhältnisse zu ändern. unterschiedlich waren die Auffassungen von den Methoden, wie dieses Ziel erreicht werden sollte, und darin, wie der zukünftige Staat aussehen sollte. Büchner, in der weit radikaleren Überzeugung, dass eine Revolution von den Massen des Volkes getragen sein müsse ( und das hieß für Hessen: von der bäuerlichen Bevölkerung), hielt es für notwendig, durch Agitation das Bewusstsein der Bauern für ihre Lage zu wecken. Da Weidig geheimen Zugang zu einer Druckpresse in Offenbach hatte, bot sich hier eine Wirkungsmöglichkeit; so verfasste Büchner 1834 die revolutionäre Flugschrift "Der Hessische Landbote", einen Text von ungeheurer agitatorischer Zugkraft, der mit seiner Losung "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" zum Kampf gegen die Reichen aufrief. 
Weidig akzeptierte den "Hessischen Landboten" nur unter der Bedingung einer entschärfenden Bearbeitung; er änderte das Manifest in zweierlei Hinsicht: 

  • Erstens belegte er Büchners Ausführungen mit Bibelzitaten, da der dadurch eine größere Wirkung auf die Bauern erwartete, 
  • zweitens setzte er überall, wo es ursprünglich die "Reichen" hieß, die Worte die "Vornehmen" ein. Damit hatte er die radikale Tendenz des Verfassers wesentlich abgeschwächt (ersetzte also das soziale Anliegen der Hungernden durch einen Mitbestimmungsanspruch des Bürgertums); eine Änderung, über die Büchner sehr ungehalten sein soll.

  • Der "Hessische Landbote" wurde Ende Juni 1834 in Offenbach gedruckt; das Unternehmen war aber durch einen Spitzel verraten worden, die Bauern, voller Angst, mit einer solchen gefährlichen Schrift in der Tasche gefasst zu werden, lieferten diese der Polizei aus. So wurde Minnigerode mit 150 Exemplaren des "Landboten" verhaftet; die übrigen Beteiligten konnte Büchner noch rechtzeitig warnen.
    - Obwohl die Behörden also einen Teil der Auflage beschlagnahmt hatten und die Verteilung des Rests zu verhindern versuchten, war der "Hessische Landbote" nicht ohne Wirkung. Die Resonanz der Flugschrift veranlasste die Verschwörer zu einer zweiten Auflage noch im gleichen Jahr. 
    Büchners Zimmer in Gießen war in seiner Abwesenheit polizeilich durchsucht worden; doch die Dreistigkeit, mit der der vorgeblich unschuldige Büchner gegen diese Maßnahme protestierte, irritierte den Universitätsrichter so sehr, dass er die bereits angeordnete Verhaftung vorerst nicht zu vollziehen wagte. Wegen verstärkter polizeilicher Untersuchungen in Gießen hielt Büchner sich aber seit September 1834 in Darmstadt bei den Eltern auf, wo er sich im Labor des Vaters auf das Examen vorbereitete, nebenher aber auch an der Organisations- und Aktionsbasis und am politischen Programm der Darmstädter 'Gesellschaft der Menschenrechte' arbeitete; außerdem trieb er erneut Studien zur Französischen Revolution.
    Anfang 1835 weiteten sich die polizeilichen Nachforschungen immer mehr aus, so dass ständig die Gefahr drohte, dass sie auch auf Büchners Spur führen würden; im Januar 1835 wurde Büchner zweimal als Zeuge vor den Untersuchungsrichter des Kriminalgerichtes nach Offenbach geladen.
    In dieser Zeit fortwährenden Bedrohtseins (als im Garten des Büchnerschen Hauses immer eine Leiter bereitstand, die notfalls die Flucht über den Zaun ermöglichen sollte), als die Polizei jede Stunde zuschlagen konnte, schrieb Büchner von Mitte Januar bis Mitte Februar 1835 in fünf Wochen "Dantons Tod"; am 25. Februar schickte er das Manuskript an Karl Gutzkow, den Herausgeber der Literaturzeitschrift "Phönix" mit der Bitte, sein Werk dem Verleger Sauerländer zum Druck zu empfehlen. Gutzkow erkannte die Bedeutung des Werks und gewann die Einwilligung des Verlegers für den Druck. Aber wieder musste sich Büchner eine Überarbeitung gefallen lassen. Die Krassheit der Büchnerschen Sprache fiel dem moralischen Empfinden des Publikums, der revolutionäre politische Gehalt der öffentlichen Zensur zum Opfer. Die Buchausgabe des Stückes erschien im Juli 1835, zum Ärger Büchners mit vielen Änderungen (vor allem zwecks Beseitigung der 'Unanständigkeiten').
     
    Der Verfasser hatte sich Anfang März 1835 entschlossen, die Unsicherheit seiner Existenz zu beenden und floh über die Grenze nach Straßburg. Kurz darauf wurden politische Freunde Büchners und auch der Rektor Weiding verhaftet; am 13. Juni erging ein Steckbrief gegen den Landesverräter Georg Büchner. 
    Er lautete:>>>
    In den 1 1/2 Jahren in Straßburg widmete sich Büchner neben seinen Studien weiter der literarischen Tätigkeit: 
    Ende 1835 entstand das Fragment der Erzählung "Lenz",
    1836 das Lustspiel "Leonce und Lena" (ein satirisch - schwermütiges Spiel zwischen marionettenhaft agierenden Personen); und in den 
    Sommer 1836 fällt wohl auch der Beginn der Arbeit am "Woyzeck", den er aber bis zu seinem Tod nicht vollenden konnte.
    Andererseits arbeitete Büchner in Straßburg intensiv am Aufbau einer wissenschaftlichen Karriere auf dem Grenzgebiet zwischen Biologie und Philosophie. Von intensiven philosophischen Studien zeugen umfangreiche Exzerpte und Notizen; die naturwissenschaftlichen Studien führten zu einer (französischen) Dissertation 'Über das Nervensystem der Barben' (einer Karpfenart), für die ihn die Straßburger naturwissenschaftliche Gesellschaft zum korrespondierenden Mitglied machte und für die er im Herbst 1836 von der (erst drei Jahre zuvor gegründeten) Universität Zürich die Doktorwürde erhielt.
    Die Universität Zürich bot ihm auch eine Dozentenstelle. Bei der Übersiedlung in die Schweiz hatte der passlose Emigrant Büchner einige Schwierigkeiten (die liberalen Nachbarn der deutschen Staaten waren ständig in Sorge, wegen der Aufnahme von Asylbewerbern Ärger zu bekommen).
    Im Oktober 1836 konnte er nach einer Probevorlesung 'Über Schädelnerven' seine Tätigkeit in Zürich aufnehmen; er las im Wintersemester über vergleichende Anatomie der Fische und Amphibien und plante für den Sommer eine Philosophie - Vorlesung.
    Doch wenige Monate nach dem Beginn dieser allem Anschein nach glänzenden wissenschaftlichen Laufbahn starb Büchner: 
    am 19.02.1837 erlag er im Alter von nur 23 Jahren einer Typhusinfektion. 
    Vier Tage nach Büchners Tod beging übrigens Weidig, der noch immer unter unmenschlichen Bedingungen in Darmstadt in Untersuchungshaft saß, im Gefängnis Selbstmord.

    Werke in Auswahl:
     
    1834 Der Hessische Landbote
    1835 Dantons Tod
    1838 posthum Lenz
    1838 posthum Leonce und Lena
    1838 posthum Woyzeck

    Wichtige Lebensstation:
    .
    1813 
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    Goddelau 
    bei Darmstadt
    am 17. 10. als Sohn eines Arztes geboren; Gymnasium in Darmstadt
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    1831-1833
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    Straßburg
    Gießen
    Student an den Universitäten in Straßburg und Gießen in den Fächern Medizin und Naturwissenschaften.
    1834
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    Gießen
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    Gründung von Organisationen nach Vorbild der gleichnamigen Straßburger Organisation in Gießen und Darmstadt: "Gesellschaft der Menschenrechte." Mitarbeiter des Butzbacher Rektors F.L. Weidig
    1835 Straßburg Flucht nach Straßburg nach Erhalt einer gerichtlichen Vorladung ; Rückzug aus der Politik
    1836 Zürich Promototion zum Dr. phil. an der Universität Zürich. Habilitation; Privatdozent für vergleichende Anatomie
    1837 Zürich Tod an den Folgen einer Typhusinfektion in Zürich

     LEBEN.doc (ehem. LEBEN.TXT)
    - heker -