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Büchner,Georg
(1813-1837)
Literarisches Schaffen
Danton’s Tod
Nach der Verhaftung Ludwig
Minnigerodes, der am 1. 8. 1834 mit 139 Exemplaren des „Landboten“
abgefangen wurde, nach strapaziösen Tagesmärschen Büchners,
um die Beteiligten zu warnen, und einer mit beispielloser Unerschrockenheit
vorgetragenen Verteidigung vor dem Universitätsrichter Georgi beorderte
ihn der Vater im September 1834 nach Darmstadt zurück.
Dort schrieb er, während
er gleichzeitig die „Darmstädter Gesellschaft der Menschenrechte“
reorganisierte und geheime Vorbereitungen zur Gefangenenbefreiung unternahm,
„in höchstens fünf Wochen“ das Drama „Danton's Tod“, das nicht
als melancholischer Rückzug vom revolutionären Handeln missdeutet
werden darf. Es ist ein Drama der Verabschiedung von Illusionen.
Im Ineinanderspiegeln der Situation
von 1794 und der von 1834 gestaltet es die „babylonische Verwirrung“ revolutionärer
Politik. Büchner wählt einen auf sechs Tage komprimierten Zeitraum
aus der Niedergangsphase jakobinischer Herrschaft; er greift, gestützt
auf präzise historische Kenntnisse, die er sich durch das Studium
der Französischen Revolution angeeignet hatte, eine geschichtliche
Konstellation heraus.
Rücksichtslos enthüllt das
Drama den ideologischen Selbstbetrug der verschiedenen Akteure angesichts
des Machbarkeitsanspruchs von Revolution und der Unkorrigierbarkeit des
revolutionären Gewaltprozesses. Nicht nur politische Phrasen, abstraktes
Pathos, revolutionäre Attitüden und stoische Gesten werden durchsichtig,
auch der durch die Kunst verstellte Blick auf die Wirklichkeit. Der große
Weltriss der Französischen Revolution steigert sich zum „Riss
in der Schöpfung“ angesichts des allgegenwärtigen Leids. Danton's
Tod verschärft Beides: das Bewusstsein für das unveränderte
soziale Elend und für den individuellen Schmerz. Das Drama stellt
die Französische Revolution als eine von Menschen zu verantwortende,
gottlose und unmenschliche Geschichte bloß, die selbst ihre Akteure
entmächtigt.
Ehe noch - durch Vermittlung
Karl Gutzkows - ein gekürzter
Vorabdruck von Danton's Tod im Hauptblatt des Frankfurter „Phönix“
Ende März 1835 zu erscheinen begann, floh Büchner von
Darmstadt nach Straßburg. Der um den
10. 7. 1835 erschienene Buchdruck passierte mit dem verharmlosenden Untertitel
(„Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft“
) unbehelligt die Zensur.
Die ständige Sorge um seine in
Gefangenschaft geratenen Freunde und um die eigene Sicherheit belasteten
sein Leben in Straßburg und später in Zürich. Büchner
verwarf die Existenzmöglichkeit des freien Schriftstellers. Die ihm
von Gutzkow angebotene Mitarbeit an der „Deutschen
Revue“, vor dem Verbot des Jungen Deutschland, akzeptierte er
nur als Nebentätigkeit - aus Rücksicht auf die Eltern, aber auch
aus Skepsis gegenüber dem begrenzten Wirkungsradius der Jungdeutschen
(„Sie werden nie über den Riss zwischen der
gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen.“). Büchner
unterwarf sich einer extremen Doppelbelastung. Mit ausdrücklichem
Verweis auf sein Vorbild Shakespeare, der „den Tag über“ Schreiber
war und des „Nachts dichten“ musste, widmete er sich tagsüber dem
Studium der Medizin, Naturwissenschaften (vgl. seine Abhandlung Sur le
système nerveux du barbeau. Straßburg 1836) und Philosophie,
nachts der poetischen Produktion.
Leonce und
Lena
Der zufällige Entstehungsanlass
des Lustspiels „Leonce und Lena“, ein Preisausschreiben der Cottaischen
Verlagsbuchhandlung, führte bisweilen dazu, es innerhalb des Œuvres
herabzusetzen als Gelegenheitsarbeit, geprägt durch Anpassungszwänge
an die Gattungsvorgaben. Verharmlost zu einem „romantisch - ironischen
Zwischenspiel“ (Hans Mayer), erschien
es als spätromantische Abweichung von der Linie des Frührealisten
Büchner. In der neueren Forschung wird dagegen der kritische Gehalt
akzentuiert: als Literatur - Komödie getarnte Satire bzw. als Überbietungsform
romantischer Ironie. Martin Walser
pries die „geniale Genauigkeit“, Walter Jens
die anatomische Präzision von Büchners Sprache; das gilt v. a.
für Woyzeck und Lenz. Leonce und Lena hingegen prägt eine „zynische
Kraftausdrücke“ nicht scheuende, „fast noch knabenhaft plaudernde
Verbalität, die Einfälle in der Luft entstehen lässt“ (Robert
Musil).
Den spielerisch - artistischen
Charakter des Lustspiels verstärkt die Rollenhaftigkeit seiner
Figuren und die Fülle literarischer Anspielungen und Zitate.
Das Stück lebt von
den Zwei- und Mehrdeutigkeiten in Witz,
Wortspiel und Anspielung ebenso wie von
dem Zusammenwirken von Märchenhaftem
und Satirischem,
literarischer und politischer Anspielung,
Kritik des Ästhetischen und des Gesellschaftlichen.
So verleiht die kindliche Verkleinerung
des Reichs Peters von Popo zu einem Duodez - Königtum, die kindersprachliche
Herabsetzung der Herrscherfamiliennamen von Popo und von Pipi sowie die
Naivität des Wünschens dem Stück Züge des Märchens.
Gleichwohl ist der satirische Unterton
unverkennbar, so
in der Aufnahme der Tradition des „Dreckprinzen“,
in der Ironisierung der deutschen Kleinstaaterei,
am Ende
in der Decouvrierung der Sozialutopie
als gattungsgerechter Scheinlösung. Satirisch bloßgelegt wird
die höfische Inszenierungskunst des
gesellschaftlichen Lebens und der Politik in der Ästhetik des Zeremoniells.
Doch als Leonce und Lena, ohne voneinander
zu wissen, auf die Nachricht von ihrer bevorstehenden Verheiratung nach
Italien, d.h. ins klassische literarische Land individueller Selbstbefreiung
fliehen, wechseln sie nur in eine andere ästhetische Scheinwelt hinüber,
die sozialutopische wie gesellschaftskritische „Gegenwelt“ Arkadiens. Auf
die Wirklichkeitsverfehlung der höfisch illiteraten Ästhetik
folgt die Ästhetisierung des Lebens durch Literatur. Zur Gesellschaftssatire
hinzu tritt die Literatursatire.
Lenz [Biographie
| Lenz als Goethes Opfer]
Der Aufenthalt in Straßburg regte
den Plan an, „den gestrandeten Poeten“ Jakob Michael
Reinhold Lenz zum Vorwurf einer „Novelle Lenz“ (Gutzkow) zu
machen. Der tagebuchartige Rechtfertigungsbericht des Pfarrers
Oberlin über Lenz' Aufenthalt im Steintal
und dessen Abschiebung von dort vermittelte Büchner die Etappen der
psychischen Erkrankung eines Menschen, an der das im Pietismus wurzelnde
mitleidige Sozialverhalten des Pfarrers scheiterte. Aus Goethes „Dichtung
und Wahrheit“ trat ihm hingegen der Sturm - und - Drang - Literat Lenz
entgegen, ein mutwilliges, kränkelndes Genie, verfallen der Ästhetik
und „Zeitgesinnung“ der Empfindsamkeit, welche Goethe mit seiner „Schilderung
Werthers abgeschlossen“ wissen wollte. Büchner folgte der Erwägung
Goethes, Lenz „anschaulich schildernd“ zu behandeln.
Er schilderte nicht den Lebensweg
des Literaten, sondern des Menschen Lenz von der Zeit ab, wo er aus dem
„Horizont der deutschen Literatur [...] verschwand
[...], ohne im Leben eine Spur zurückzulassen“ (Goethe).
In Auseinandersetzung mit literarischen Vorläufern wie dem Werther
und gestützt auf authentisches Material, entwarf der Spezialist auf
dem Gebiet medizinischer Nervenforschung eine „Anatomie der Lebens-
und Gemütsstörung“ (Gutzkow). Lenz' innerseelische Kämpfe,
Ängste und Schrecken und ihre theologischen Implikationen werden gespiegelt
in seiner Landschaftserfahrung. Seine Kunstreflexionen im sogenannten Kunstmonolog
betreffen die antiklassizistische Wende der Literatur am Ende der Kunstperiode,
die Büchners Text im Ganzen und im Detail vollzieht.
Arnold
Zweig sah in ihm den Beginn der modernen europäischen
Prosa. Lenz überschreitet die Grenze von der Ästhetik zur
Pathologie, vom Idealismus zum Realismus. Wie im Ästhetischen, so
übertritt er auch im Theologischen Grenzen. Lenz fordert einen Gott
der Tat. Mit dem Zweifel an Gottes Mitleid und Allmacht rückt das
Fragment den „Tod Gottes“ in Aussicht, mit der titanenhaften Selbstermächtigung
des Menschen den Atheismus ins Zentrum. Lenz befragt den Atheismus auf
seine existentielle Lebbarkeit.
Woyzeck
Mit Woyzeck, so Elias Canetti,
sei Büchner „der vollkommenste Umsturz in der
Literatur gelungen: die Entdeckung des Geringen“. In der Figur Woyzecks
betritt der Arme, der als Soldat und Bediensteter zu wissenschaftlichen
Demonstrationen missbraucht wird, und der Kranke, von Wahnvorstellungen
Gehetzte, die Bühne. Zugleich wird die hochliterarische Schriftsprachigkeit
der Figurenrede aufgelöst. „In der gleichzeitigen
stilistischen und inhaltlichen Revolution liegt die absolute Einmaligkeit
des Woyzeck - Fragments“ (Sengle).
Wie die Figuren in Danton's Tod, wie
Lenz, geht auch die Kunstgestalt Woyzeck zurück auf eine historische
Person. Johann Christian Woyzeck
war ein arbeitsloser Pauper und psychisch Kranker, der wegen Mordes an
seiner Geliebten 1824 hingerichtet wurde,
nachdem ihn psychiatrische Gutachten für zurechnungsfähig erklärt
hatten. Büchner eröffnet durch seine Wort - "Kunst" eine eigene
Wahrnehmung des Geringen:
der Arbeitshetze,
der Demütigungen durch Vorgesetzte
und Geliebte,
des körperlichen Verfalls und
der seelischen Verstörungen.
Dantons Überlegung „Was
ist das, was in uns hurt [...] und mordet!“ ibeinhaltet eine fatalistische
Lösung des Problems der Willensfreiheit. Büchners Dramenfragment
spitzt diese Fragestellung zu und führt zur Infragestellung der
Moral, Wissenschaft und der sozialen Verhältnisse, die Woyzeck
zugrunde richten.
Büchner filtert die überkommene
literarische Schriftsprachlichkeit, bis sie der gesprochenen Sprache
nahekommt - als Sprache des Geringen. Er erhöht die Aussagekraft
nichtsprachlicher Zeichen, von Stimmungen, Ahnungen, Körperwahrnehmungen
und -reaktionen. Entsprechend schwindet der dialogische Bezug der Dramenpersonen,
sie vereinzeln, vereinsamen, verstummen: Auch die Sprache wird zu einer
fremden, nicht verfügbaren Macht.
Ausgaben, Rezeption
1842 ‘Leonce und Lena’ erscheint mit
Erklärungen und einem Vorwort von Karl Gutzkow. In: Karl Gutzkow:
Mosaik. Novellen und Skizzen (Text wie im ‘Telegraph’).
1850 Der Bruder Ludwig Büchner
gibt Büchners Schriften als ‘Nachgelassene Schriften’ heraus. Das
‘Woyzeck’ - Fragment ist darin nicht enthalten. Erster vollständiger
Abdruck von ‘Leonce und Lena’.
1879 Karl Emil Franzos publiziert
die erste kritische Gesamtausgabe.
1895 31. Mai: Uraufführung von
‘Leonce und Lena’ in einer Freilichtaufführung des Intimen Theaters
in München mit Max Halbe als Leonce (Regie: Ernst von Wolzogen).
1911 31. Dezember: Erstaufführung
von ‘Leonce und Lena’ im Residenztheater in Wien (Regie: Julius Wolf).
1912 27. Januar: Erstaufführung
von ‘Leonce und Lena’ im Schauspielhaus Düsseldorf (Regie: Gustav
Lindemann).
1913 17. Dezember: Aufführung
von ‘Leonce und Lena’ zusammen mit ‘Woyzeck’ am Lessingtheater in Berlin
(Regie: Victor Barnowsky).
1918 2. Juni: Erstaufführung
von ‘Leonce und Lena’ im Stadttheater Mannheim. Es gibt einen Theaterskandal
wegen der moralischen und politisch - satirischen Tendenzen des Stücks.
1925 7. September: Aufführung
von ‘Leonce und Lena’ in den Kammerspielen Hamburg (Regie: Gustav Gründgens).
1952 29. Oktober: Aufführung
von ‘Leonce und Lena’ in Gießen (Regie: Erwin Piscator).
1963 1. Oktober: Aufführung von
‘Leonce und Lena’ an den Kammerspielen in München (Regie: Fritz Kortner).
1975 12. August: Johannes Schaaf inszeniert
‘Leonce und Lena’ für die Salzburger Festspiele.
1975 6. November: Jérôme
Savary (Regisseur des ‘Grand Magie Circus’ in Paris) inszeniert ‘Leonce
und Lena’ am Hamburger Schauspielhaus.
1978 1. Dezember: Aufführung
von ‘Leonce und Lena’ an der Ostberliner Volksbühne (Regie: Jürgen
Gosch).
1979 November: Uraufführung der
Oper ‘Leonce und Lena’ von Paul Dessau (1894 1979) an der Ostberliner Staatsoper
(Regie: Ruth Berghaus).
2003 27. Dezember: Inszenierung
von 'Leonce und Lena' durch Robert Wilson im Berliner Ensemble, Musik:
Herbert Grönemeyer, Band: "Büchners Erben"
[Auf der
Grundlage von: Autoren- und Werklexikon: Büchner, Georg, S. 1 ff.
Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 2952 (vgl. Killy
Bd. 2, S. 286 ff.) und Klett - Materialien bearbeitet]
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