Fachbereich Deutsch
Drama

Georg Büchner
Leonce und Lena

Hinweise zu den Personen
Leonce 

Melancholiker, Ästhet, ’synthetischer’ Held

Leonce ist die zentrale Figur des Spiels, in sich sehr widersprüchlich, ein gebrochener Charakter. 
Seine Hauptzüge Melancholie, Gelangweiltheit und Desinteresse stehen einem Tätigkeitsdrang gegenüber, der sich aber auf nichts Bestimmtes richtet. „Valerio! Valerio! Wir müssen was anderes treiben" .
In der Szene I, 1 wird Leonce als problematischer Charakter vorgestellt. „Bin ich ein Müßiggänger?" fragt er und simuliert Beschäftigtsein mit sinnlosen Tätigkeiten wie auf einen Stein spucken und Sandkörner zählen. Den Hofmeister, der offenbar irgend etwas von ihm will, lässt er mit seinem Anliegen gar nicht erst zu Wort kommen, sondern macht ihn zum bloßen Ja - Sager und Bestätiger um ihn dann noch zu beschimpfen, weil er nicht widerspricht. 
Mehrfach fallen die wesentlichen, für seine Existenz und das Empfinden der Sinnlosigkeit kennzeichnenden Stichworte: Müßiggang, Langeweile, Melancholie. Sein Gefühl des nutzlosen Daseins ist so stark, dass er es auch in seiner Umgebung, in Natur und Gesellschaft, wiederfindet: „Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang"
Arbeit und Dasein anderer Menschen, was immer sie tun (studieren, beten, heiraten, sich vermehren, sterben) oder sind (Helden, Genies, Dummköpfe, Heilige, Sünder, Familienväter), werden von ihm aus der Wurzel der Langeweile und als raffinierter Müßiggang gedeutet.
Sein Problem liegt unter anderem darin, dass er selbst dazu unfähig ist, sich auf solche Art wichtig zu nehmen und mit Frack und Regenschirm ein rechtliches, nützliches und moralisches, also an bürgerlichen Kategorien orientiertes Leben zu führen, weil er alles zu durchschauen meint. Er leidet an der Determiniertheit seines Daseins und möchte gern einmal seine Identität wechseln: „O wer einmal jemand Anders sein könnte! Nur 'ne Minute lang" . Die Gleichförmigkeit des Verlaufs aller Begebenheiten lässt ihm sein Leben marionettenhaft erscheinen: „Ich stülpe mich jeden Tag vier und zwanzigmal herum wie einen Handschuh [...] ich weiß, was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahr denken und träumen werde" .
Momentane Auswege aus seiner Lage findet er, indem er sich spielerisch und willkürlich zu seiner Umwelt verhält. Er schafft sie um nach eigenen Vorstellungen, so dass sie ihm neue Reize bietet. Die dabei erzeugte Scheinwelt korrespondiert mit der Künstlichkeit der gesamten Hofwelt, nur dass sie bei ihm noch einen besonderen ästhetischen Touch hat: „Sind alle Läden geschlossen? Zündet die Kerzen an! Weg mit dem Tag! Ich will Nacht, tiefe ambrosische Nacht." usw. Das ganze Arrangement mit Lampen unter Kristallglocken, Oleander, Wein als Tautropfen auf Rosenkelchen, dazu Musik und schließlich seine Geliebte Rosetta können ihm dennoch nicht genügen.
Der Dialog mit Rosetta, wortspielhaft kreisend, ist ein Austausch von Namen und kurzen Ausrufen, er führt nicht weiter. Liebe, Arbeit, Beschäftigung, Müßiggang: alles wird von Leonce gleichgesetzt und mündet in die alles beherrschende Langeweile. 
Der nach neuen Reizen hungrige Ästhet und Epikureer findet nun Gefallen an der sterbenden Liebe und gibt Rosetta den Abschied. Das Leid und die damit verbundenen Vorstellungen „goldene Fische" in ihren Todesfarben", das ersterbende Rot auf den Wangen, die Vorstellung von Tränen, die zu Diamanten kristallisieren, die tote Liebe als Leiche mit weißen und roten Rosen auf Wangen und Brust, all dies gibt ihm neue Empfindungen, kann aber schließlich sein Ungenügen nicht beenden . [Gerade weil hier Romantik parodiert wird?]
Man hat in ihm eine Faust -, Hamlet- und Werther - Parodie gesehen. Wenn man die vielen Zitate betrachtet, aus denen sich sein Reden zusammensetzt, dann erweist sich sein sozusagen synthetischer Charakter. Statt persönlicher Eigenschaften hat er angenommene Attitüden; seine Äußerungen und Aktionen sind aus der Literatur zitierte Klischees
Solange der Grund für die Zusammengesetztheit Leonces aus Anspielungen und Zitaten nicht einsichtig war, glaubte man es mit einer bloßen Romantikparodie zu tun zu haben. Die Ableitung aus der Literatur sagt aber noch nicht genug über die Komödie Büchners, zu fragen wäre noch nach der Funktion einer solchen Figur.
Langeweile und Lebensekel sind aber nicht unbedingt anthropologische Konstanten, sie haben vielmehr durchaus sozialgeschichtlich fassbare Gründe. Sie sind eine gesellschaftliche Bewusstseinsform zwischen 1815 und 1848 (s. Langeweile*.*,sowie IAkt_1Exkurs.doc und Melancholie*.*). Sie deutet auf Bewegungslosigkeit und Erstarrung hin, auf den Mangel an einer als sinnvoll empfundenen Tätigkeit, wie er bei Leuten vorkommen kann, die nicht um die Erhaltung ihres täglichen Lebens bemüht sein müssen.
Die gesellschaftliche Situierung des Leonce als Erbprinz des Kleinstaates Popo bringt es mit sich, dass er keine materiellen Sorgen zu haben braucht und nichts zu tun hat. Diese Funktionslosigkeit macht ihn für Phänomene wie Selbstentfremdung und Identitätsverlust anfällig. Sein Vater zeigt dasselbe Syndrom in einem schon fortgeschritteneren Stadium. 

Die Erfahrung des Mechanischen im Leben, der Entfremdung, der Sinnlosigkeit und des Zweifels an der Identität fügen sich so in den gleichen Zusammenhang. Verbildlicht werden sie durch die Motive der Automaten und Puppen, der abgenommenen Masken, hinter denen immer neue Masken erscheinen.
[s. IAkt_1Szene_did.doc und IAkt_1Szene_taf.doc]

leonce_did.doc

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