| Leonce
Melancholiker, Ästhet, ’synthetischer’ Held
Leonce ist die zentrale Figur des Spiels, in sich sehr widersprüchlich,
ein gebrochener Charakter.
Seine Hauptzüge Melancholie, Gelangweiltheit und Desinteresse
stehen einem Tätigkeitsdrang gegenüber, der sich aber auf nichts
Bestimmtes richtet. „Valerio! Valerio! Wir müssen
was anderes treiben" .
In der Szene I, 1 wird Leonce als problematischer
Charakter vorgestellt. „Bin ich ein Müßiggänger?"
fragt er und simuliert Beschäftigtsein mit sinnlosen Tätigkeiten
wie auf einen Stein spucken und Sandkörner zählen. Den Hofmeister,
der offenbar irgend etwas von ihm will, lässt er mit seinem Anliegen
gar nicht erst zu Wort kommen, sondern macht ihn zum bloßen Ja -
Sager und Bestätiger um ihn dann noch zu beschimpfen, weil er nicht
widerspricht.
Mehrfach fallen die wesentlichen, für seine Existenz und das Empfinden
der Sinnlosigkeit kennzeichnenden Stichworte: Müßiggang,
Langeweile, Melancholie. Sein Gefühl des nutzlosen Daseins ist
so stark, dass er es auch in seiner Umgebung, in Natur und Gesellschaft,
wiederfindet: „Die Bienen sitzen so träg an
den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Es krassiert
ein entsetzlicher Müßiggang".
Arbeit und Dasein anderer Menschen, was immer sie tun (studieren, beten,
heiraten, sich vermehren, sterben) oder sind (Helden, Genies, Dummköpfe,
Heilige, Sünder, Familienväter), werden von ihm aus der Wurzel
der Langeweile und als raffinierter Müßiggang gedeutet.
Sein Problem liegt unter anderem darin, dass er selbst dazu unfähig
ist, sich auf solche Art wichtig zu nehmen und mit Frack und Regenschirm
ein rechtliches, nützliches und moralisches, also an bürgerlichen
Kategorien orientiertes Leben zu führen, weil er alles zu durchschauen
meint. Er leidet an der Determiniertheit seines Daseins und möchte
gern einmal seine Identität wechseln: „O wer
einmal jemand Anders sein könnte! Nur 'ne Minute lang" . Die
Gleichförmigkeit des Verlaufs aller Begebenheiten lässt ihm sein
Leben marionettenhaft erscheinen: „Ich stülpe
mich jeden Tag vier und zwanzigmal herum wie einen Handschuh [...] ich
weiß, was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was
ich in einem Jahr denken und träumen werde" .
Momentane Auswege aus seiner Lage findet er, indem er sich spielerisch
und willkürlich zu seiner Umwelt verhält. Er schafft sie um nach
eigenen Vorstellungen, so dass sie ihm neue Reize bietet. Die dabei erzeugte
Scheinwelt korrespondiert mit der Künstlichkeit der gesamten
Hofwelt, nur dass sie bei ihm noch einen besonderen ästhetischen Touch
hat: „Sind alle Läden geschlossen? Zündet
die Kerzen an! Weg mit dem Tag! Ich will Nacht, tiefe ambrosische Nacht."
usw. Das ganze Arrangement mit Lampen unter Kristallglocken, Oleander,
Wein als Tautropfen auf Rosenkelchen, dazu Musik und schließlich
seine Geliebte Rosetta können ihm dennoch nicht genügen.
Der Dialog mit Rosetta, wortspielhaft kreisend, ist ein Austausch
von Namen und kurzen Ausrufen, er führt nicht weiter. Liebe, Arbeit,
Beschäftigung, Müßiggang: alles wird von Leonce gleichgesetzt
und mündet in die alles beherrschende Langeweile.
Der nach neuen Reizen hungrige Ästhet und Epikureer findet
nun Gefallen an der sterbenden Liebe und gibt Rosetta den Abschied. Das
Leid und die damit verbundenen Vorstellungen „goldene Fische" in ihren
Todesfarben", das ersterbende Rot auf den Wangen, die Vorstellung von Tränen,
die zu Diamanten kristallisieren, die tote Liebe als Leiche mit weißen
und roten Rosen auf Wangen und Brust, all dies gibt ihm neue Empfindungen,
kann aber schließlich sein Ungenügen nicht beenden . [Gerade
weil hier Romantik parodiert wird?]
Man hat in ihm eine Faust -, Hamlet- und Werther - Parodie gesehen.
Wenn man die vielen Zitate betrachtet, aus denen sich sein Reden zusammensetzt,
dann erweist sich sein sozusagen synthetischer Charakter. Statt
persönlicher Eigenschaften hat er angenommene Attitüden;
seine Äußerungen und Aktionen sind aus der Literatur zitierte
Klischees.
Solange der Grund für die Zusammengesetztheit Leonces aus Anspielungen
und Zitaten nicht einsichtig war, glaubte man es mit einer bloßen
Romantikparodie zu tun zu haben. Die Ableitung aus der Literatur sagt aber
noch nicht genug über die Komödie Büchners, zu fragen wäre
noch nach der Funktion einer solchen Figur.
Langeweile und Lebensekel sind aber nicht unbedingt anthropologische
Konstanten, sie haben vielmehr durchaus sozialgeschichtlich fassbare
Gründe. Sie sind eine gesellschaftliche Bewusstseinsform zwischen
1815 und 1848 (s. Langeweile*.*,sowie IAkt_1Exkurs.doc und Melancholie*.*).
Sie deutet auf Bewegungslosigkeit und Erstarrung hin, auf den Mangel an
einer als sinnvoll empfundenen Tätigkeit, wie er bei Leuten vorkommen
kann, die nicht um die Erhaltung ihres täglichen Lebens bemüht
sein müssen.
Die gesellschaftliche Situierung des Leonce als Erbprinz des Kleinstaates
Popo bringt es mit sich, dass er keine materiellen Sorgen zu haben braucht
und nichts zu tun hat. Diese Funktionslosigkeit macht ihn für
Phänomene wie Selbstentfremdung und Identitätsverlust
anfällig. Sein Vater zeigt dasselbe Syndrom in einem schon fortgeschritteneren
Stadium.
Die Erfahrung des Mechanischen im Leben, der Entfremdung, der Sinnlosigkeit
und des Zweifels an der Identität fügen sich so in den gleichen
Zusammenhang. Verbildlicht werden sie durch die Motive der Automaten und
Puppen, der abgenommenen Masken, hinter denen immer neue Masken erscheinen.
[s. IAkt_1Szene_did.doc und IAkt_1Szene_taf.doc]
leonce_did.doc
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