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Fachbereich
Deutsch
Drama
Georg Büchner
Leonce und Lena
Hinweise zu den Personen
Valerio
Valerio stammt aus der Familie der Diener in der Commedia
dell'arte und der Shakespeareschen Narren. Mit seiner
auf das Diesseits orientierten und materialistischen Einstellung steht
er teils im Gegensatz zu dem spirituellen Leonce, gleicht ihm andererseits
in manchen Zügen. Zwar ist er Diener, aber im Verlauf des Stücks
gewinnt er ein immer stärkeres Gewicht als Motor der Handlung.
Seine Sprache ist witzig, seine bevorzugte Äußerungsform
das Wortspiel.
Seine Probleme mit der Wirklichkeit sind nicht spiritueller
Art wie bei Leonce, sondern bestehen darin, ohne Arbeit genug zu essen
und zu trinken zu bekommen. Das zweite Motto des Stücks, das nach
dem Hunger fragt, wird von ihm vertreten.
Seine Stellung zur Natur, von ihm selbst als romantisch ausgegeben,
erweist sich sogleich als Parodie romantischen Naturgefühls: Er rühmt
das Gras und möchte ein Ochse sein, um es zu fressen, und dann wieder
ein Mensch, um den Ochsen zu fressen. Das Motiv der Identität, das
schon bei Leonce angeklungen ist, wird hier auf eine dem Materialisten
gemäße Weise aufgenommen. Von einem Wechsel der Identität
verspricht sich Valerio nicht Minderung des Leidens, sondern erhöhten
Daseinsgenuss.
Nach Leonces Darstellung seiner Lebensprobleme in I,1 kommt Valerio
„halb trunken [...] gelaufen", wie die Regieanweisung
besagt, und führt einen absurden Dialog mit Leonce, in dem sie sich
über etwas Ungenanntes, eigentlich über nichts, verständigen.
In den gedruckten Fassungen bleibt der Hintergrund Valerios
unklar. Aus der Handschrift wissen wir, dass Büchner ursprünglich
beabsichtigte, die Figur stärker in einen sozialen Kontext einzubinden:
Er ist nämlich ein Deserteur, der von zwei Polizeidienern gesucht
wird. Wortspielerisch gibt er Leonce, der seinen Lebenslauf erbaulich findet,
darüber Auskunft:
„Ich habe eigentlich einen läufigen Lebenslauf.
Denn nur mein Laufen hat im Lauf dieses Krieges mein Leben vor einem Lauf
gerettet, der ein Loch in dasselbe machen wollte“.
Die Flucht vor den Bütteln erklärt Valerios (Weg)laufen und
seine Aktivität, um die ihn Leonce beneidet, weil er nichts weiß,
was ihn so antreiben könnte.
Schon in der I,1 ergeben sich weitere
Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Ihr Gebrauch des Wortes „Ideal" stimmt
überein: Beide meinen damit die Realisierung von etwas Unmöglichem,
wie sich selbst einmal auf den Kopf sehen oder von einem „Kirchturm
herunter zu springen, ohne den Hals zu brechen" usw. Gemeinsam ist
ihnen das Anstoßnehmen an der menschlichen Begrenztheit, die sie
überwinden möchten.
Valerio gibt sich als vernünftig und sucht jemanden, der ihm „seine
Narrheit gegen meine Vernunft" eintauscht. Er formuliert sein Ideal von
einem Leben im Irrenhaus: Als Narr könnte er sich dort fühlen
wie ein Fürst, allen Befehle erteilen und bekäme „zu
diesen köstlichen Phantasien [...] gute Suppe, gutes Fleisch, gutes
Brot, ein gutes Bett und das Haar umsonst geschoren".
Diese Beschreibung entspricht, genau besehen, mit allen ihren Einzelheiten
eigentlich der tatsächlichen Situation von Leonce, der damit im Gegensatz
zu Valerio nicht glücklich ist. Dies wirft ein Licht auf ihre unterschiedliche
Art. Wenn Valerio als Narr ein Fürst sein kann, so legt der Umkehrschluss
nahe, dass Leonce als Erbprinz und (potenzieller) Fürst, der dieses
alles hat und nicht schätzt, ein Narr ist.
Einen weiteren gemeinsamen Nenner finden Leonce und Valerio
im Müßiggang, als dessen enthusiastischer Verfechter
sich Valerio bekennt. Wie Leonce hat er „die große
Beschäftigung, müßig zu gehen". Er rühmt paradox
seine „ungemeine Fertigkeit im Nichtstun"
und seine „ungeheure Ausdauer in der Faulheit"
und gewinnt damit des Prinzen überschwängliche Zuneigung, die
freilich gebrochen ist und als rollenhaft verstanden werden kann. Zwei
unterschiedlich Geartete, aber Gleichgesinnte haben sich gefunden.
Weil aber die Komödie das Leben nicht mehr so ernst nimmt, dass
sie nicht Melancholie und Schmerz, Ungenügen und Konvention jederzeit
ins Gegenteil wandeln könnte, haben die beiden Titel - Gestalten ihre
Kontrastfiguren.
Shakespeares Narren, die bei ihnen Pate standen, haben die Aufgabe,
die hohen Gedanken, Pläne und Selbsttäuschungen auf ihre platte
Ebene der erbarmungslosen, alltäglichen Wirklichkeit zurückzuführen.
Sie tun es in spielerischer Verkehrung der erhabenen Weit der Hochgestellten
in die nüchterne Welt des sachlichen und praktischen Denkens. Für
Leonce besorgt das Valerio, der mit dem praktischen Alltagsdenken eine
märchenhafte Faulheit paart. Er hat vom Blickpunkt des hohen Herrn
aus, der sich nicht abgewöhnen kann, seine Gedanken in höhere
Regionen zu schicken, „eine himmlische Unverschämtheit“.
Valerios Wünsche angesichts des hohen Grases beschränken
sich darauf: „dass man ein Ochse sein möchte,
um es fressen zu können, und dann wieder ein Mensch, um den Ochsen
zu essen, der solches Gras gefressen“. Die recht materialistisch
gesehenen Unmöglichkeiten des menschlichen Lebens, die er sieht, parodieren
die Wunschträume des Prinzen. Leonce befürchtet über dem
Unsinn des unaufhörlichen, in hessischer Mundart eingereihten Liedes:
„Hei, da sitzt e Flieg an der Wand“ selbst
zum Narren zu werden, was hier nichts anderes bedeutet als die Dinge unvoreingenommen
und vorurteilslos zu sehen.
Valerio_did.doc
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