König Peter und sein Staat
Die Betrachtung König Peters als Herrscher, Mensch und Denker kann
von der Analyse der zweiten Szene des ersten Aktes
ausgehen. Sie führt zu bizarren Ergebnissen.
Der König des Kleinstaates Popo
ist die Karikatur eines absoluten Herrschers, er ist durchdrungen
von seinem Amt und hält sich für die Spitze, das Zentrum des
Staates, ohne diesen Anspruch auch nur im geringsten einlösen zu können.
Die von ihm gewollte Ordnung hat das Chaos im Gefolge. Der König erscheint
als philosophierender Narr, der sein System in Wirklichkeit gar
nicht beherrscht.
Zwei konstitutive Elemente des Hoflebens werden in der zweiten
Szene des ersten Akts anspielungsreich vorgeführt:
1. Das Ankleiden König Peters und
2. eine Sitzung mit dem Staatsrat.
Büchner parodiert das klassische ‚Lever' eines Fürsten, wie
es am bekanntesten von Ludwig XIV.
überliefert ist. Die zeremonielle Kleidung als Instrument der Machtrepräsentation
soll den Herrscher vom gewöhnlichen Volk unterscheiden und bei diesem
Eindruck machen.
Der zunächst fast nackt im Zimmer umherlaufende König wird
nach und nach mit den äußeren Kennzeichen seiner Macht bekleidet,
wobei er philosophische Kommentare deklamiert, so dass Handlung und
Reflexion synchron laufen. Die reflexiven Anmerkungen sind zwar einerseits
unsinnig und lediglich philosophischer Jargon, andererseits kann man in
ihnen eine vom König beabsichtigte Rechtfertigung und Statusbestimmung
des absoluten Herrschers herauslesen.
König Peter will für seine Untertanen denken, weil sie es
selbst nicht tun. In philosophischen Kategorien ausgedrückt, ist er
das Zentrum: „Die Substanz ist das ‚an sich', das
bin ich" Man könnte diesen Satz als deutschphilosophische Variante
von der Ludwig XIV. zugeschriebenen Sentenz „L'état
c'est moi" lesen.
Noch ist der König als „Substanz" „fast nackt", nun kommen seine
Kleidungsstücke als „Attribute, Modifikationen, Affektionen und
Akzidenzien" hinzu. Philosophische Überlegungen und Ankleidezeremoniell
werden parallel geführt, indem die hinzukommenden Kleidungsstücke
mit philosophischen Kategorien gleichgesetzt werden:
• der freie Wille mit dem offenen Hosenlatz,
• die Moral mit den Manschetten.
[Eine ähnliche Paralellführung zwischen Wort und Zeremoniell
hat Brecht in seinem „Leben
des Galilei“ im 12. Bild beim Gespräch des Inquisitors mit
Papst Urban VIII. inszeniert. 1)]
Das Ganze endet in Konfusion und mit des Königs Feststellung:
„Mein ganzes System ist ruiniert", die sich
sowohl auf die Philosophie wie auf die Kleidung bezieht.
Mit dieser Überblendungstechnik parodiert Büchner das
steife Hofzeremoniell wie auch philosophische Zeitströmungen,
Kants Philosophie des ‚An - sich' und
Fichtes Ich - Philosophie. Der hatte
zunächst in Jena und ab 1810 in Berlin über das absolute Ich
philosophiert, was auch den in Weimar in politische Geschäfte involvierten
und für die Universität Jena zuständigen Geheimen Rat Goethe
irritierte. 2)
Wie dem Selbstverständnis des Herrschers keine Realität entspricht,
so auch nicht der Absolutsetzung des Ich: Der König verfügt gar
nicht über eine Identität, eher ist er die Verkörperung
der Leere.
Peter sagt: „Wenn ich so laut rede, so weiß
ich nicht, wer es eigentlich ist, ich oder ein Anderer, das ängstigt
mich." Damit stellt er seine Identität, sein Bewusstsein von
sich selbst, in Frage. Das Ergebnis des dadurch ausgelösten Nachdenkens
ist wiederum eine philosophische Formel, mit der die Philosophie Fichtes
parodistisch zitiert wird: „Ich bin ich."
Damit ist das Problem aber noch nicht vom Tisch. Der um Stellungnahme
gebetene Präsident des Staatsrates löst die gewonnene
Gewissheit wieder auf: „[...] vielleicht ist es so,
vielleicht ist es aber auch nicht so" .
Die Interessen des Fürsten liegen in der Beibehaltung des zeremoniellen
Systems und dessen Ausrichtung auf ihn als den Mittelpunkt. Alle müssen
tun, was er vormacht. Das Mechanische, Automatenhafte ist bei ihm
besonders stark ausgeprägt und überträgt sich auf Staat
und Hof. („Kommen Sie meine Herrn! Gehn Sie symmetrisch.
Ist es nicht sehr heiß? Nehmen Sie doch auch Ihre Schnupftücher
und wischen Sie sich das Gesicht." )
Weitere Belege zu diesem Komplex finden sich auch in III,2.
Der König will sich anlässlich der Heirat seines Sohnes „volle
zwölf Stunden" freuen, und die Untertanen „werden aufgefordert, die
Gefühle Ihrer Majestät zu teilen".
Die Ausrichtung auf ihn zeigt sich auch sprachlich in dem, was Diener
und Staatsrat sagen. Ihre Artikulation ist Echo auf oder Imitation
des königlichen Sprechens.
Das Volk spielt für den Herrscher eine so geringe Rolle,
dass der König sich einen Knoten ins Taschentuch machen muss, um sich
gelegentlich an es zu erinnern. Viel wesentlicher ist dagegen die Herrschaftssicherung
durch dynastisch abgestimmte Heirat des Erbprinzen. Die Sitzung des Staatsrates
endet zwar in Konfusion, weil der König wieder philosophiert und sich
dabei unpräzise ausdrückt und am Ende vergessen hat, was er sagen
wollte. Immerhin versteht man, dass der Erbprinz Leonce heiraten soll.
Von König Peter aus stellen sich sehr leicht Verbindungen zur
damaligen politischen Wirklichkeit des Deutschen Bundes her, denn
er ist sowohl Darstellung absolutistischen Anspruchs als auch dessen satirisch
angelegte Kritik.
Peter_did.doc
1) Der symbolische Vorgang des Ankleidens wird bei
B. Brechts „Leben des Galilei“ in der Ankleideszene des Papstes insofern
gesteigert, als der Papst zu Beginn sich „die Rechentafeln nicht zerstören“
lassen will, in vollem Ornat aber zustimmt, Galilei die Folter wenigstens
zu zeigen.
2) Nicht nur die renitenten Studenten in Jena, auch
die Herren am Katheder werden von Goethes Leuten kontinuierlich überwacht,
auch Schiller, vor allem aber Fichte.
Der junge Gelehrte war beliebt unter den Studenten. Mit reichlich Verve
und in einem bis zum letzten Platz gefüllten Hörsaal hat der
Philosoph die Subjektivität zum Maßstab erhoben. Er hat für
das Selbstbestimmungsrecht des Menschen plädiert, wie ein paar Jahre
später die Französische Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
So bleibt es nicht aus, dass der Professor als gefährlicher Verführer
des akademischen Nachwuchses angesehen wird. Als ihm Mitglieder einer studentischen
Vereinigung - auch in Jena gibt es „Vaterländische" - 1795
die Fenster einwerfen, gibt's einen willkommenen Anlass zum Spott: An den
Kollegen Voigt schreibt der Geheime Rat aus Weimar:
Sie haben also das absolute Ich in großer
Verlegenheit gesehen, und freilich ist es den Nicht - Ichs sehr unhöflich
durch die Scheiben zu fliegen. Es geht ihm aber wie dem Schöpfer aller
Dinge, der auch mit seinen Kreaturen nicht fertig werden kann.
Professor Fichte als Zauberlehrling?
|