Fachbereich Deutsch
Drama

Georg Büchner
Leonce und Lena

Arbeitsblatt zur Untersuchung der Wortfelder und Wortspiele
S. 13, 6ff.:

LEONCE. Das schmatzt! Der Kerl verursacht mir ganz idyllische Empfindungen; ich könnte wieder mit dem Einfachsten anfangen, ich könnte Käs essen, Bier trinken, Tabak rauchen. Mach fort, grunze nicht so mit deinem Rüssel, und klappre mit deinen Hauern nicht so!
VALERIO. Wertester Adonis, sind Sie in Angst um Ihre Schenkel? Sein Sie unbesorgt, ich bin weder ein Besenbinder noch ein Schulmeister; ich brauche keine Gerten zu Ruten.
LEONCE. Du bleibst nichts schuldig.
VALERIO. Ich wollte, es ginge meinem Herrn ebenso.
LEONCE. Meinst du, damit du zu deinen Prügeln kämst? Bist du so besorgt um deine Erziehung?
VALERIO. O Himmel, man kömmt leichter zu seiner Erzeugung als zu seiner Erziehung. Es ist traurig, in welche Umstände einen anderer Umstände versetzen können! Was für Wochen hab ich erlebt, seit meine Mutter in die Wochen kam! Wie viel Gutes hab ich empfangen, das ich meiner Empfängnis zu danken hätte?
LEONCE. Was deine Empfänglichkeit betrifft, so könnte sie es nicht besser treffen, um getroffen zu werden. Drück dich besser aus, oder willst du den unangenehmsten Eindruck von meinem Nachdruck haben.
VALERIO. Als meine Mutter um das Vorgebirg der guten Hoffnung schiffte . . .
LEONCE. Und dein Vater am Kap Horn Schiffbruch litt . . .
VALERIO. Richtig, denn er war Nachtwächter. Doch setzte er das Horn nicht so oft an die Lippen als die Väter edler Söhne an die Stirn.
LEONCE. Mensch, du besitzest eine himmlische Unverschämtheit. Ich fühle ein gewisses Bedürfnis, mich in nähere Berührung mit ihr zu setzen. Ich habe eine große Passion, dich zu prügeln.
VALERIO. Das ist eine schlagende Antwort und ein triftiger Beweis.
LEONCE geht auf ihn los. Oder du bist eine geschlagene Antwort. Denn du bekommst Prügel für deine Antwort.
VALERIO läuft weg, Leonce stolpert und fällt. Und Sie sind ein Beweis, der noch geführt werden muss; denn er fällt über seine eigenen Beine, die im Grund genommen selbst noch zu beweisen sind. Es sind höchst unwahrscheinliche Waden und sehr problematische Schenkel.
 Der Staatsrat tritt auf. Leonce bleibt auf dem Boden sitzen. Valerio.

S. 15, 31ff.:

LEONCE. Sagen Sie einem höchsten Willen, dass ich alles tun werde, das ausgenommen, was ich werde bleiben lassen, was aber jedenfalls nicht so viel sein wird, als wenn es noch einmal so viel wäre.   Meine Herren, Sie entschuldigen, dass ich Sie nicht begleite, ich habe gerade die Passion zu sitzen, aber meine Gnade ist so groß, dass ich sie mit den Beinen kaum ausmessen kann. Er spreizt die Beine auseinander. Herr Präsident, nehmen Sie doch das Maß, damit Sie mich später daran erinnern. Valerio, gib den Herren das Geleite!
VALERIO. Das Geläute? Soll ich dem Herrn Präsidenten eine Schelle anhängen? Soll ich sie führen, als ob sie auf allen Vieren gingen?
LEONCE. Mensch, du bist nichts als ein schlechtes Wortspiel. Du hast weder Vater noch Mutter, sondern die fünf Vokale haben dich miteinander erzeugt.
VALERIO. Und Sie, Prinz, sind ein Buch ohne Buchstaben, mit nichts als Gedankenstrichen.   Kommen Sie jetzt, meine Herren! Es ist eine traurige Sache um das Wort kommen. Will man ein Einkommen, so muss man stehlen; an ein Aufkommen ist nicht zu denken, als wenn man sich hängen lässt; ein Unterkommen findet man erst, wenn man begraben wird, und ein Auskommen hat man jeden Augenblick mit seinem Witz, wenn man nichts mehr zu sagen weiß, wie ich zum Beispiel eben, und Sie, ehe Sie noch etwas gesagt haben. Ihr Abkommen haben Sie gefunden, und Ihr Fortkommen werden Sie jetzt zu suchen ersucht. Staatsrat und Valerio ab.

S. 25, 20f.:

VALERIO in einiger Entfernung. Es ist eine schöne Sache um die Natur, sie wäre aber doch noch schöner, wenn es keine Schnaken gäbe, die Wirtsbetten etwas reinlicher wären und die Totenuhren nicht so in den Wänden pickten. Drin schnarchen die Menschen, und draußen quaken die Frösche, drin pfeifen die Hausgrillen und draußen die Feldgrillen. Lieber Rasen, dies ist ein rasender Entschluss! Er legt sich auf den Rasen nieder.

S. 26, 26ff.:

VALERIO springt auf und umfasst ihn. Halt, Serenissime! [Vocativ von „Serenissimus“: Durchlaucht, auch scherzhaft: Fürst eines Kleinstaates]
LEONCE. Lass mich!
VALERIO. Ich werde Sie lassen, sobald Sie gelassen sind und das Wasser zu lassen versprechen.
LEONCE. Dummkopf!
VALERIO. Ist denn Eure Hoheit noch nicht über die Leutnantsromantik hinaus: das Glas zum Fenster hinauszuwerfen, womit man die Gesundheit seiner Geliebten getrunken?
LEONCE. Ich glaube halbwegs, du hast Recht.
VALERIO. Trösten Sie sich! Wenn Sie auch nicht heut nacht unter dem Rasen schlafen, so schlafen Sie wenigstens darauf. Es wäre ein ebenso selbstmörderischer Versuch, in eins von den Betten gehn zu wollen. Man liegt auf dem Stroh wie ein Toter und wird von den Flöhen gestochen wie ein Lebendiger.

S. 29f. (Bauernszene):

Der Landrat. Der Schulmeister. Bauern im Sonntagsputz,
Tannenzweige haltend.
LANDRAT. Lieber Herr Schulmeister, wie halten sich Eure Leute?
SCHULMEISTER. Sie halten sich so gut in ihren Leiden, dass sie sich schon seit geraumer Zeit aneinander halten. Sie gießen brav Spiritus in sich, sonst könnten sie sich in der Hitze unmöglich so lange halten. Courage, ihr Leute! Streckt eure Tannenzweige [Shakespeares „Macbeth“: „Forest of Duncinane“] grad vor euch hin, damit man meint, ihr wärt ein Tannenwald [vgl. (später) Dürrenmatt, Besuch der alten Dame], und eure Nasen die Erdbeeren, und eure Dreimaster die Hörner vom Wildbret, und eure hirschledernen Hosen der Mondschein darin. Und merkt's euch: der Hinterste läuft immer wieder vor den Vordersten, damit es aussieht, als wärt ihr ins Quadrat erhoben.
LANDRAT. Und, Schulmeister, Ihr steht vor die Nüchternheit.
SCHULMEISTER. Versteht sich, denn ich kann vor Nüchternheit [mehrdeutig: Nüchternheit – Hunger; für - wegen] kaum noch stehen.
LANDRAT. Gebt acht, Leute, im Programm steht: „Sämtliche Untertanen werden von freien Stücken reinlich gekleidet, wohlgenährt und mit zufriedenen Gesichtern sich längs der Landstraße aufstellen.“ Macht uns keine Schande!
SCHULMEISTER. Seid standhaft! Kratzt euch nicht hinter den Ohren und schnäuzt euch die Nase nicht, solang das hohe Paar vorbeifährt, und zeigt die gehörige Rührung, oder es werden rührende Mittel gebraucht werden. Erkennt, was man für euch tut: man hat euch grade so gestellt, dass der Wind von der Küche über euch geht und ihr auch einmal in eurem Leben einen Braten riecht. Könnt ihr noch eure Lektion? He? Vi!
DIE BAUERN. Vi!
SCHULMEISTER. Vat!
DIE BAUERN. Vat!
SCHULMEISTER. Vivat!
DIE BAUERN. Vivat!
SCHULMEISTER. So, Herr Landrat! Sie sehen, wie die Intelligenz im Steigen ist. Bedenken Sie, es ist Latein! Wir geben aber auch heut Abend einen transparenten Ball mittelst der Löcher in unseren Jacken und Hosen, und schlagen uns mit unseren Fäusten Kokarden an die Köpfe.

S. 30f.:

Der Zeremonienmeister mit einigen Bedienten auf dem Vordergrund.
ZEREMONIENMEISTER. Es ist ein Jammer! Alles geht zugrund. Die Braten schnurren ein. Alle Glückwünsche stehen ab. Alle Vatermörder legen sich um, wie melancholische Schweinsohren. Den Bauern wachsen die Nägel und der Bart wieder. [Leichen?!] Den Soldaten gehn die Locken auf. Von den zwölf Unschuldigen ist keine, die nicht das horizontale Verhalten dem senkrechten vorzöge.
ERSTER BEDIENTER. Sie sehen in ihren weißen Kleidchen aus wie erschöpfte Seidenhasen, und der Hofpoet grunzt um sie herum wie ein bekümmertes Meerschweinchen. Die Herren Offiziere kommen um all ihre Haltung, und die Hofdamen stehen da wie Gradierbäue; das Salz kristallisiert sich an ihren Halsketten.
ZWEITER BEDIENTER. Sie machen es sich wenigstens bequem; man kann ihnen nicht nachsagen, dass sie auf den Schultern trügen. Wenn sie auch nicht offenherzig sind, so sind sie doch offen bis zum Herzen.
ZEREMONIENMEISTER. Ja, sie sind gute Karten vom türkischen Reich: man sieht die Dardanellen und das Marmormeer. Fort, ihr Schlingel! An die Fenster! Da kömmt Ihro Majestät! König Peter und der Staatsrat treten ein.
PETER. Also auch die Prinzessin ist verschwunden. Hat man noch keine Spur von unserm geliebten Erbprinzen? Sind meine Befehle befolgt? Werden die Grenzen beobachtet?
ZEREMONIENMEISTER. Ja, Majestät. Die Aussicht von diesem Saal gestattet uns die strengste Aufsicht. Zu dem ersten Bedienten: Was hast du gesehen?

S. 35, 37ff.:

VALERIO. Ich muss lachen, ich muss lachen. Eure Hoheiten sind wahrhaftig durch den Zufall einander zugefallen; ich hoffe, Sie werden dem Zufall zu Gefallen   Gefallen aneinander finden.

Parlipomena:
I.:

VALERIO. Ich habe einen läufigen Lebenslauf. Denn nur mein Laufen hat im Lauf dieses Krieges mein Leben vor einem [Ver-]Lauf gerettet, der ein Loch in dasselbe machen wollte. Ich bekam infolge dieser Rettung eines Menschenlebens einen trocknen Husten, welcher den Doktor annehmen ließ, dass mein Laufen ein Galoppieren geworden sei und ich die galoppierende Auszehrung hätte. Da ich nun zugleich fand, dass ich ohne Zehrung sei, so verfiel ich in oder vielmehr auf ein zehrendes Fieber, worin ich täglich, um dem Vaterland einen Verteidiger zu erhalten, gute Suppe, gutes Rindfleisch, gutes Brot essen und guten Wein trinken musste.
 Die Seiten- und Versangaben beziehen sich auf die Ausgabe: Georg Büchner, Leonce und Lena mit Materialien, Klett Editionen, Stuttgart 1999


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