| S. 13, 6ff.:
LEONCE. Das schmatzt! Der Kerl verursacht mir ganz idyllische Empfindungen;
ich könnte wieder mit dem Einfachsten anfangen, ich könnte Käs
essen, Bier trinken, Tabak rauchen. Mach fort, grunze nicht so mit deinem
Rüssel, und klappre mit deinen Hauern nicht so!
VALERIO. Wertester Adonis, sind Sie in Angst um Ihre Schenkel? Sein
Sie unbesorgt, ich bin weder ein Besenbinder noch ein Schulmeister; ich
brauche keine Gerten zu Ruten.
LEONCE. Du bleibst nichts schuldig.
VALERIO. Ich wollte, es ginge meinem Herrn ebenso.
LEONCE. Meinst du, damit du zu deinen Prügeln kämst? Bist
du so besorgt um deine Erziehung?
VALERIO. O Himmel, man kömmt leichter zu seiner Erzeugung als
zu seiner Erziehung. Es ist traurig, in welche Umstände einen anderer
Umstände versetzen können! Was für Wochen hab ich erlebt,
seit meine Mutter in die Wochen kam! Wie viel Gutes hab ich empfangen,
das ich meiner Empfängnis zu danken hätte?
LEONCE. Was deine Empfänglichkeit betrifft, so könnte sie
es nicht besser treffen, um getroffen zu werden. Drück dich besser
aus, oder willst du den unangenehmsten Eindruck von meinem Nachdruck haben.
VALERIO. Als meine Mutter um das Vorgebirg der guten Hoffnung schiffte
. . .
LEONCE. Und dein Vater am Kap Horn Schiffbruch litt . . .
VALERIO. Richtig, denn er war Nachtwächter. Doch setzte er das
Horn nicht so oft an die Lippen als die Väter edler Söhne an
die Stirn.
LEONCE. Mensch, du besitzest eine himmlische Unverschämtheit.
Ich fühle ein gewisses Bedürfnis, mich in nähere Berührung
mit ihr zu setzen. Ich habe eine große Passion, dich zu prügeln.
VALERIO. Das ist eine schlagende Antwort und ein triftiger Beweis.
LEONCE geht auf ihn los. Oder du bist eine geschlagene Antwort. Denn
du bekommst Prügel für deine Antwort.
VALERIO läuft weg, Leonce stolpert und fällt. Und Sie sind
ein Beweis, der noch geführt werden muss; denn er fällt über
seine eigenen Beine, die im Grund genommen selbst noch zu beweisen sind.
Es sind höchst unwahrscheinliche Waden und sehr problematische Schenkel.
Der Staatsrat tritt auf. Leonce bleibt auf dem Boden sitzen.
Valerio.
S. 15, 31ff.:
LEONCE. Sagen Sie einem höchsten Willen, dass ich alles tun werde,
das ausgenommen, was ich werde bleiben lassen, was aber jedenfalls nicht
so viel sein wird, als wenn es noch einmal so viel wäre.
Meine Herren, Sie entschuldigen, dass ich Sie nicht begleite, ich habe
gerade die Passion zu sitzen, aber meine Gnade ist so groß, dass
ich sie mit den Beinen kaum ausmessen kann. Er spreizt die Beine auseinander.
Herr Präsident, nehmen Sie doch das Maß, damit Sie mich später
daran erinnern. Valerio, gib den Herren das Geleite!
VALERIO. Das Geläute? Soll ich dem Herrn Präsidenten eine
Schelle anhängen? Soll ich sie führen, als ob sie auf allen Vieren
gingen?
LEONCE. Mensch, du bist nichts als ein schlechtes Wortspiel. Du hast
weder Vater noch Mutter, sondern die fünf Vokale haben dich miteinander
erzeugt.
VALERIO. Und Sie, Prinz, sind ein Buch ohne Buchstaben, mit nichts
als Gedankenstrichen. Kommen Sie jetzt, meine Herren! Es ist
eine traurige Sache um das Wort kommen. Will man ein Einkommen, so muss
man stehlen; an ein Aufkommen ist nicht zu denken, als wenn man sich hängen
lässt; ein Unterkommen findet man erst, wenn man begraben wird, und
ein Auskommen hat man jeden Augenblick mit seinem Witz, wenn man nichts
mehr zu sagen weiß, wie ich zum Beispiel eben, und Sie, ehe Sie noch
etwas gesagt haben. Ihr Abkommen haben Sie gefunden, und Ihr Fortkommen
werden Sie jetzt zu suchen ersucht. Staatsrat und Valerio ab.
S. 25, 20f.:
VALERIO in einiger Entfernung. Es ist eine schöne Sache um die
Natur, sie wäre aber doch noch schöner, wenn es keine Schnaken
gäbe, die Wirtsbetten etwas reinlicher wären und die Totenuhren
nicht so in den Wänden pickten. Drin schnarchen die Menschen, und
draußen quaken die Frösche, drin pfeifen die Hausgrillen und
draußen die Feldgrillen. Lieber Rasen, dies ist ein rasender Entschluss!
Er legt sich auf den Rasen nieder.
S. 26, 26ff.:
VALERIO springt auf und umfasst ihn. Halt, Serenissime! [Vocativ von
„Serenissimus“: Durchlaucht, auch scherzhaft: Fürst eines Kleinstaates]
LEONCE. Lass mich!
VALERIO. Ich werde Sie lassen, sobald Sie gelassen sind und das Wasser
zu lassen versprechen.
LEONCE. Dummkopf!
VALERIO. Ist denn Eure Hoheit noch nicht über die Leutnantsromantik
hinaus: das Glas zum Fenster hinauszuwerfen, womit man die Gesundheit seiner
Geliebten getrunken?
LEONCE. Ich glaube halbwegs, du hast Recht.
VALERIO. Trösten Sie sich! Wenn Sie auch nicht heut nacht unter
dem Rasen schlafen, so schlafen Sie wenigstens darauf. Es wäre ein
ebenso selbstmörderischer Versuch, in eins von den Betten gehn zu
wollen. Man liegt auf dem Stroh wie ein Toter und wird von den Flöhen
gestochen wie ein Lebendiger.
S. 29f. (Bauernszene):
Der Landrat. Der Schulmeister. Bauern im Sonntagsputz,
Tannenzweige haltend.
LANDRAT. Lieber Herr Schulmeister, wie halten sich Eure Leute?
SCHULMEISTER. Sie halten sich so gut in ihren Leiden, dass sie sich
schon seit geraumer Zeit aneinander halten. Sie gießen brav Spiritus
in sich, sonst könnten sie sich in der Hitze unmöglich so lange
halten. Courage, ihr Leute! Streckt eure Tannenzweige [Shakespeares „Macbeth“:
„Forest of Duncinane“] grad vor euch hin, damit man meint, ihr wärt
ein Tannenwald [vgl. (später) Dürrenmatt, Besuch der alten Dame],
und eure Nasen die Erdbeeren, und eure Dreimaster die Hörner vom Wildbret,
und eure hirschledernen Hosen der Mondschein darin. Und merkt's euch: der
Hinterste läuft immer wieder vor den Vordersten, damit es aussieht,
als wärt ihr ins Quadrat erhoben.
LANDRAT. Und, Schulmeister, Ihr steht vor die Nüchternheit.
SCHULMEISTER. Versteht sich, denn ich kann vor Nüchternheit [mehrdeutig:
Nüchternheit – Hunger; für - wegen] kaum noch stehen.
LANDRAT. Gebt acht, Leute, im Programm steht: „Sämtliche Untertanen
werden von freien Stücken reinlich gekleidet, wohlgenährt und
mit zufriedenen Gesichtern sich längs der Landstraße aufstellen.“
Macht uns keine Schande!
SCHULMEISTER. Seid standhaft! Kratzt euch nicht hinter den Ohren und
schnäuzt euch die Nase nicht, solang das hohe Paar vorbeifährt,
und zeigt die gehörige Rührung, oder es werden rührende
Mittel gebraucht werden. Erkennt, was man für euch tut: man hat euch
grade so gestellt, dass der Wind von der Küche über euch geht
und ihr auch einmal in eurem Leben einen Braten riecht. Könnt ihr
noch eure Lektion? He? Vi!
DIE BAUERN. Vi!
SCHULMEISTER. Vat!
DIE BAUERN. Vat!
SCHULMEISTER. Vivat!
DIE BAUERN. Vivat!
SCHULMEISTER. So, Herr Landrat! Sie sehen, wie die Intelligenz im Steigen
ist. Bedenken Sie, es ist Latein! Wir geben aber auch heut Abend einen
transparenten Ball mittelst der Löcher in unseren Jacken und Hosen,
und schlagen uns mit unseren Fäusten Kokarden an die Köpfe.
S. 30f.:
Der Zeremonienmeister mit einigen Bedienten auf dem Vordergrund.
ZEREMONIENMEISTER. Es ist ein Jammer! Alles geht zugrund. Die Braten
schnurren ein. Alle Glückwünsche stehen ab. Alle Vatermörder
legen sich um, wie melancholische Schweinsohren. Den Bauern wachsen die
Nägel und der Bart wieder. [Leichen?!] Den Soldaten gehn die Locken
auf. Von den zwölf Unschuldigen ist keine, die nicht das horizontale
Verhalten dem senkrechten vorzöge.
ERSTER BEDIENTER. Sie sehen in ihren weißen Kleidchen aus wie
erschöpfte Seidenhasen, und der Hofpoet grunzt um sie herum wie ein
bekümmertes Meerschweinchen. Die Herren Offiziere kommen um all ihre
Haltung, und die Hofdamen stehen da wie Gradierbäue; das Salz kristallisiert
sich an ihren Halsketten.
ZWEITER BEDIENTER. Sie machen es sich wenigstens bequem; man kann ihnen
nicht nachsagen, dass sie auf den Schultern trügen. Wenn sie auch
nicht offenherzig sind, so sind sie doch offen bis zum Herzen.
ZEREMONIENMEISTER. Ja, sie sind gute Karten vom türkischen Reich:
man sieht die Dardanellen und das Marmormeer. Fort, ihr Schlingel! An die
Fenster! Da kömmt Ihro Majestät! König Peter und der Staatsrat
treten ein.
PETER. Also auch die Prinzessin ist verschwunden. Hat man noch keine
Spur von unserm geliebten Erbprinzen? Sind meine Befehle befolgt? Werden
die Grenzen beobachtet?
ZEREMONIENMEISTER. Ja, Majestät. Die Aussicht von diesem Saal
gestattet uns die strengste Aufsicht. Zu dem ersten Bedienten: Was hast
du gesehen?
S. 35, 37ff.:
VALERIO. Ich muss lachen, ich muss lachen. Eure Hoheiten sind wahrhaftig
durch den Zufall einander zugefallen; ich hoffe, Sie werden dem Zufall
zu Gefallen Gefallen aneinander finden.
Parlipomena:
I.:
VALERIO. Ich habe einen läufigen Lebenslauf. Denn nur mein Laufen
hat im Lauf dieses Krieges mein Leben vor einem [Ver-]Lauf gerettet, der
ein Loch in dasselbe machen wollte. Ich bekam infolge dieser Rettung eines
Menschenlebens einen trocknen Husten, welcher den Doktor annehmen ließ,
dass mein Laufen ein Galoppieren geworden sei und ich die galoppierende
Auszehrung hätte. Da ich nun zugleich fand, dass ich ohne Zehrung
sei, so verfiel ich in oder vielmehr auf ein zehrendes Fieber, worin ich
täglich, um dem Vaterland einen Verteidiger zu erhalten, gute Suppe,
gutes Rindfleisch, gutes Brot essen und guten Wein trinken musste.
Die
Seiten- und Versangaben beziehen sich auf die Ausgabe: Georg Büchner,
Leonce und Lena mit Materialien, Klett Editionen, Stuttgart 1999 |