| Szene 1 und 2
[Randbemerkungen, Ergänzungen, Nachträge zu einem literarischen
Werk.]
Zu „Leonce und Lena“
A. [Ausführlicherer handschriftlicher Entwurf zu den ersten beiden
Szenen]
Vorrede.
Alfieri: e la fama?
Gozzi: e la fame?
Personen.
[Freier Raum]
I. ACT.
O wär' ich doch ein Narr!
Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke.
( Wie es Euch gefällt.)
I. SZENE.
EIN GARTEN.
Der Prinz, halb ruhend auf einer Bank, der Hofmeister.
PRINZ. Mein Herr, was wollen Sie von mir? Mich auf meinen Beruf vorbereiten?
Ich habe alle Hände voll zu tun, ich weiß mir vor Arbeit nicht
zu helfen. Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier dreihundertfünfundsechzigmal
hintereinander zu spucken. Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es,
es gewährt eine ganz eigne Unterhaltung. Dann sehen Sie
dieße Hand voll Sand? er nimmt Sand auf, wirft ihn in
die Höhe und fängt ihn mit dem Rücken der Hand wieder auf
jetzt werf' ich sie in die Höhe. Wollen wir wetten? Wieviel Körnchen
hab' ich jetzt auf dem Handrücken? Grad oder ungrad? Wie,
Sie wol-len nicht wetten? Sind Sie ein Heide? Glauben Sie an Gott? Ich
wette gewöhnlich mit mir selbst und kann es tagelang so treiben. Wenn
Sie einen Menschen aufzutreiben wissen, der Lust hätte, als mit mir
zu wetten, so werden Sie mich sehr verbinden. Dann habe ich
nachzudenken, wie es wohl angehn mag, dass ich mir auf den Kopf sehe.
O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! Das ist eins von meinen
Idealen. Mir wäre geholfen! Und dann und dann noch unendlich
viel der Art. Bin ich ein Müßiggänger? Habe
ich jetzt keine Beschäftigung? Ja, es ist traurig . .
.
HOFMEISTER. Sehr traurig, Euer Hoheit.
PRINZ. Dass die Wolken schon seit drei Wochen von Westen nach Osten
ziehen. Es macht mich ganz melancholisch.
HOFMEISTER. Eine sehr gegründete Melancholie.
PRINZ. Mensch, warum widersprechen Sie mir nicht? Sie sind pressiert,
nicht wahr? Es ist mir leid, dass ich Sie so lange aufgehalten habe. Der
Hofmeister entfernt sich mit einer tiefen Verbeugung. Mein Herr, ich gratuliere
Ihnen zu der schönen Parenthese, die Ihre Beine machen, wenn Sie sich
verbeugen.
PRINZ allein, streckt sich auf der Bank aus. Die Bienen sitzen so träg
an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Es krassiert
ein entsetzlicher Müßiggang. Müßiggang
ist aller Laster Anfang. Was die Leute nicht alles aus Langeweile
treiben; sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben,
verheuraten und ver-mehren sich aus Langeweile und sterben endlich an der
Langeweile und und das ist der Humor davon alles
mit den ernsthaftesten Gesichtern, ohne zu merken warum und meinen Gott
weiß was dabei. Alle dieße Helden, dieße Genies, dieße
Dummköpfe, dieße Sünder, dieße Heiligen, dieße
Familienväter sind im Grunde nichts als raffinierte Müßig-gänger.
Warum muss ich es grade wissen? Ich bin ein elender Spaßmacher. Warum
kann ich meinen Spaß nicht auch mit einem ernsthaften Gesicht vorbringen?
Der Mann, der eben von mir ging, ich beneidete ihn, ich hätte ihn
aus Neid prügeln mögen. O, wer einmal jemand anders sein könnte!
Nur 'ne Minute lang.
Valerio, halb trunken, kommt gelaufen.
PRINZ fasst ihn am Arm. Kerl, du kannst laufen? Mein Gott, wenn ich
nur etwas unter der Son-ne wüsste, was mich noch könnte laufend
machen.
VALERIO legt den Finger an die Nase und sieht ihn starr an. Ja!
PRINZ ebenso. Richtig!
VALERIO. Haben Sie mich begriffen?
PRINZ. Vollkommen.
VALERIO. Nun so wollen wir von etwas anderm reden.
Ich werde mich indessen in das Gras legen und meine Nase oben zwischen
den Halmen herausblühen lassen und romantische Empfindungen beziehen,
wenn die Bienen und Schmetterlinge sich darauf wiegen wie auf einer Rose.
PRINZ. Aber Bester, schnaufen Sie nicht so stark, oder die Bienen und
Schmetterlinge müssen verhungern über den ungeheuren Prisen,
die Sie aus den Blumen ziehen.
VALERIO. Ach, Herr, was ich ein Gefühl für die Natur habe.
Das Gras steht so schön, dass man ein Ochs sein möchte, um es
fressen zu können, und dann wieder ein Mensch, um den Ochsen zu fressen,
der solches Gras gefressen.
PRINZ. Unglücklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren.
VALERIO. O Gott! ich laufe schon seit acht Tagen einem Ideal von Rindfleisch
nach, ohne es irgendwo in der Realität anzutreffen.
Er singt: Frau Wirtin hat 'ne brave Magd,
Sie sitzt im Garten Tag und Nacht.
Sie sitzt in ihrem Garten,
Bis daß das Glöcklein zwölfe schlägt,
Und paßt auf die Solda a ten.
Er setzt sich auf den Boden. Seht dieße Ameisen, liebe Kinder,
es ist bewundernswürdig, wel-cher Instinkt in dießen kleinen
Geschöpfen, Ordnung, Fleiß Herr, es gibt nur drei
Arten, sein Geld auf menschliche Weise zu verdienen: es finden, in der
Lotterie gewinnen, er-ben, oder in Gottes Namen stehlen, wenn man die Geschicklichkeit
hat, keine Gewis-sensbisse zu bekommen.
PRINZ. Du bist mit dießen Prinzipien ziemlich alt geworden, ohne
vor Hunger oder am Galgen zu sterben.
VALERIO ihn immer starr ansehend. Ja, Herr, und das behaupte ich: wer
sein Geld auf eine andere Art erwirbt, ist ein Schuft.
PRINZ. Denn wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder, und ein
Selbstmörder ist ein Verbre-cher, und ein Verbrecher ist ein Schuft,
also, wer arbeitet ist ein Schuft.
VALERIO. Ja. Aber dennoch sind die Ameisen ein sehr nützliches
Ungeziefer; und doch sind sie wieder nicht so nützlich, als wenn sie
gar keinen Schaden täten. Nichts desto weniger, wertestes Ungeziefer,
kann ich mir nicht das Vergnügen versagen, einigen von Ihnen mit der
Ferse auf den Hintern zu schlagen, die Nase zu putzen und die Nägel
zu schneiden.
Zwei Polizeidiener treten auf.
1. P. Halt, wo ist der Kerl?
2. P. Da sind zwei.
1. P. Sieh einmal, ob keiner davon läuft.
2. P. Ich glaube, es läuft keiner.
1. P. So müssen wir sie beide inquirieren. Meine Herren,
wir suchen Jemand, ein Subjekt, ein Individuum, eine Person, einen Delinquenten,
einen Inquisiten, einen Kerl. Zu dem an-dern Pol. Sieh einmal, wird keiner
rot?
2. P. Es ist keiner rot geworden.
1. P. So müssen wir es anders probieren. Wo ist der
Steckbrief, das Signalement, das Certifi-cat? 2. Pol. zieht ein Papier
aus der Tasche und überreicht es ihm. Visiere die Subjekte, ich will
lesen: Ein Mensch
2. P. Paßt nicht, es sind zwei.
1. P. Dummkopf! geht auf zwei Füßen, hat zwei Arme, ferner
einen Mund, eine Nase, zwei Au-gen, zwei Ohren. Besondere Kennzeichen:
ein höchst gefährliches Individuum.
2. P. Das paßt auf beide. Soll ich sie beide arretieren?
1. P. Zwei, das ist gefährlich, wir sind auch nur zwei. Aber ich
will einen Rapport machen. Es ist ein Fall von sehr kriminalischer Verwicklung
oder sehr verwickelter Kriminalität. Denn wenn ich mich betrinke und
mich in mein Bett lege, so ist das meine Sache und geht niemand was an.
Wenn ich aber mein Bett vertrinke, so ist das die Sache von wem, Schlingel?
2. P. Ja, ich weiß nicht.
1. P. Ja, ich auch nicht, aber das ist der Punkt. Sie gehen ab.
VALERIO. Da leugne einer die Vorsehung. Seht, was man nicht mit einem
Floh ausrichten kann! Denn wenn es mich nicht heute Nacht überlaufen
hätte, so hätte ich nicht den Morgen mein Bett an die Sonne getragen,
und hätte ich es nicht an die Sonne getragen, so wäre ich nicht
damit neben das Wirtshaus zum Mond geraten, und wenn Sonne und Mond es
nicht beschienen hätten, so hätte ich aus meinem Strohsack keinen
Wein keltern und mich daran betrinken können, und wenn das alles nicht
geschehen wäre, so wäre ich jetzt nicht in Ihrer Gesellschaft,
werteste Ameisen, und würde von Ihnen skelettiert und von der Sonne
aufgetrocknet, sondern würde ein Stück Fleisch tranchieren und
eine Bou-teille Wein austrocknen im Spital nämlich.
PRINZ. Ein erbaulicher Lebenslauf.
VALERIO. Ich habe einen läufigen Lebenslauf. Denn nur mein Laufen
hat im Lauf dießes Krie-ges mein Leben vor einem Lauf gerettet, der
ein Loch in dasselbe machen wollte. Ich be-kam infolge dießer Rettung
eines Menschenlebens einen trocknen Husten, welcher den Doktor annehmen
ließ, daß mein Laufen ein Galoppieren geworden sei und ich
die galop-pierende Auszehrung hätte. Da ich nun zugleich fand, daß
ich ohne Zehrung sei, so ver-fiel ich in oder vielmehr auf ein zehrendes
Fieber, worin ich täglich, um dem Vaterland einen Verteidiger zu erhalten,
gute Suppe, gutes Rindfleisch, gutes Brot essen und guten Wein trinken
mußte.
PRINZ. Nun, Edelster, dein Handwerk, dein métier, deine Profession,
dein Gewerbe, dein Stand, deine Kunst?
VALERIO. Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig
zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze
eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit.
B. [Einzelblatt mit Szenenfetzen]
(Vorderseite; vgl. I.,4.]
GOUVERNANTE weint. Lieber Engel, du bist ein wahres Opferlamm.
LENA. Ja wohl, und der Priester hebt schon das Messer.
O Gott, ist es denn wahr, daß wir uns selbst erlösen müssen
mit unserm Schmerz? Ist es denn wahr, die Welt sei ein gekreu-zigter Heiland,
die Sonne seine Dornenkrone und die Sterne die Nägel und Speere in
sei-nen Füßen und Lenden?
GOUVERNANTE. Mein Kind, mein Kind! ich kann dich nicht so sehen.
Vielleicht, wer weiß. Ich habe so etwas im Kopf. Wir wollen sehen.
Komm! sie führt die Prinzessin weg.
(Vorderseite; vgl. II.,4.]
II. ACT
Wie ist mir eine Stimme erklungen im tiefsten Innern,
Und hat
Steh auf in deinem weißen Kleid und schwebe durch die Nacht
und sprich zur Leiche, steh auf und wandle.
LENA. Die heiligen Lippen, die so sprachen, sind längst Staub.
LEONC. O nein, [Fast die Hälfte dieser Seite ist unbeschrieben.]
[Rückseite; vgl. III.,1.]
VAL. Heiraten?
PRINZ. Das heißt Leben und Liebe eins sein lassen, daß
die Liebe das Leben ist, und das Leben die Liebe. Weißt du auch,
Valerio, dass auch der Geringste so groß ist, daß das menschli-che
Leben viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können?
VALERIO. Ja, nur ich denke, daß der Wein noch lange kein Mensch
ist und daß man ihn doch sein ganzes Leben lieben kann. Aber weiß
sie auch, wer Sie sind.
LEONCE. Sie weiß nur, daß sie mich liebt.
VAL. Und wissen Sie auch, wer sie ist?
*Und dann kann ich doch den Leuten das Vergnügen gönnen,
die meinen, daß nichts so schön und heilig sei, daß sie
es nicht noch schöner und heiliger machen müßten. Es liegt
ein gewisser Genuß in d. Meinung, warum sollt' ich ihn ihnen nicht
gönnen.
LEONCE. Dummkopf! Sie ist so Blume, daß sie kaum getauft sein
kann, eine geschlossne Knospe, noch ganz • von Morgentau u. d. Traum d.
Nachtzeder.
VAL. Gut, meinetwegen. Wie soll das gehn? Prinz, bin ich Minister,
wenn Sie heute vor Ihrem Vater mit d. Unaussprechlichen, Namenlosen kopuliert
werden?
LEONNE. Wie ist das möglich?
VAL. Das wird sich finden, bin ich's?
LEONCE. Mein Wort.
VAL. Danke. Kommen Sie.
|