Fachbereich Deutsch
Drama

Georg Büchner
Leonce und Lena

PARALIPOMENA
Szene 1 und 2 

[Randbemerkungen, Ergänzungen, Nachträge zu einem literarischen Werk.]

Zu „Leonce und Lena“
A. [Ausführlicherer handschriftlicher Entwurf zu den ersten beiden Szenen]

Vorrede.
Alfieri: e la fama?
Gozzi: e la fame?

Personen.
[Freier Raum]

I. ACT.

O wär' ich doch ein Narr!
Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke.
( Wie es Euch gefällt.)

I. SZENE.
EIN GARTEN.
Der Prinz, halb ruhend auf einer Bank, der Hofmeister.

PRINZ. Mein Herr, was wollen Sie von mir? Mich auf meinen Beruf vorbereiten? Ich habe alle Hände voll zu tun, ich weiß mir vor Arbeit nicht zu helfen.   Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier dreihundertfünfundsechzigmal hintereinander zu spucken. Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es, es gewährt eine ganz eigne Unterhaltung. Dann   sehen Sie dieße Hand voll Sand?   er nimmt Sand auf, wirft ihn in die Höhe und fängt ihn mit dem Rücken der Hand wieder auf   jetzt werf' ich sie in die Höhe. Wollen wir wetten? Wieviel Körnchen hab' ich jetzt auf dem Handrücken? Grad oder ungrad?   Wie, Sie wol-len nicht wetten? Sind Sie ein Heide? Glauben Sie an Gott? Ich wette gewöhnlich mit mir selbst und kann es tagelang so treiben. Wenn Sie einen Menschen aufzutreiben wissen, der Lust hätte, als mit mir zu wetten, so werden Sie mich sehr verbinden. Dann   habe ich nachzudenken, wie es wohl angehn mag, dass ich mir auf den Kopf sehe.   O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! Das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen! Und dann   und dann noch unendlich viel der Art.   Bin ich ein Müßiggänger? Habe ich jetzt keine Beschäftigung?   Ja, es ist traurig . . .
HOFMEISTER. Sehr traurig, Euer Hoheit.
PRINZ. Dass die Wolken schon seit drei Wochen von Westen nach Osten ziehen. Es macht mich ganz melancholisch.
HOFMEISTER. Eine sehr gegründete Melancholie.
PRINZ. Mensch, warum widersprechen Sie mir nicht? Sie sind pressiert, nicht wahr? Es ist mir leid, dass ich Sie so lange aufgehalten habe. Der Hofmeister entfernt sich mit einer tiefen Verbeugung. Mein Herr, ich gratuliere Ihnen zu der schönen Parenthese, die Ihre Beine machen, wenn Sie sich verbeugen.
PRINZ allein, streckt sich auf der Bank aus. Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang.   Müßiggang ist aller Laster Anfang.   Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben; sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheuraten und ver-mehren sich aus Langeweile und sterben endlich an der Langeweile und   und das ist der Humor davon   alles mit den ernsthaftesten Gesichtern, ohne zu merken warum und meinen Gott weiß was dabei. Alle dieße Helden, dieße Genies, dieße Dummköpfe, dieße Sünder, dieße Heiligen, dieße Familienväter sind im Grunde nichts als raffinierte Müßig-gänger.   Warum muss ich es grade wissen? Ich bin ein elender Spaßmacher. Warum kann ich meinen Spaß nicht auch mit einem ernsthaften Gesicht vorbringen?   Der Mann, der eben von mir ging, ich beneidete ihn, ich hätte ihn aus Neid prügeln mögen. O, wer einmal jemand anders sein könnte! Nur 'ne Minute lang.

Valerio, halb trunken, kommt gelaufen.

PRINZ fasst ihn am Arm. Kerl, du kannst laufen? Mein Gott, wenn ich nur etwas unter der Son-ne wüsste, was mich noch könnte laufend machen.
VALERIO legt den Finger an die Nase und sieht ihn starr an. Ja!
PRINZ ebenso. Richtig!
VALERIO. Haben Sie mich begriffen?
PRINZ. Vollkommen.
VALERIO. Nun so wollen wir von etwas anderm reden.    Ich werde mich indessen in das Gras legen und meine Nase oben zwischen den Halmen herausblühen lassen und romantische Empfindungen beziehen, wenn die Bienen und Schmetterlinge sich darauf wiegen wie auf einer Rose.
PRINZ. Aber Bester, schnaufen Sie nicht so stark, oder die Bienen und Schmetterlinge müssen verhungern über den ungeheuren Prisen, die Sie aus den Blumen ziehen.
VALERIO. Ach, Herr, was ich ein Gefühl für die Natur habe. Das Gras steht so schön, dass man ein Ochs sein möchte, um es fressen zu können, und dann wieder ein Mensch, um den Ochsen zu fressen, der solches Gras gefressen.
PRINZ. Unglücklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren.
VALERIO. O Gott! ich laufe schon seit acht Tagen einem Ideal von Rindfleisch nach, ohne es irgendwo in der Realität anzutreffen.
Er singt: Frau Wirtin hat 'ne brave Magd,
Sie sitzt im Garten Tag und Nacht. 
Sie sitzt in ihrem Garten,
Bis daß das Glöcklein zwölfe schlägt, 
Und paßt auf die Solda a ten.
Er setzt sich auf den Boden. Seht dieße Ameisen, liebe Kinder, es ist bewundernswürdig, wel-cher Instinkt in dießen kleinen Geschöpfen, Ordnung, Fleiß   Herr, es gibt nur drei Arten, sein Geld auf menschliche Weise zu verdienen: es finden, in der Lotterie gewinnen, er-ben, oder in Gottes Namen stehlen, wenn man die Geschicklichkeit hat, keine Gewis-sensbisse zu bekommen.
PRINZ. Du bist mit dießen Prinzipien ziemlich alt geworden, ohne vor Hunger oder am Galgen zu sterben.
VALERIO ihn immer starr ansehend. Ja, Herr, und das behaupte ich: wer sein Geld auf eine andere Art erwirbt, ist ein Schuft.
PRINZ. Denn wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder, und ein Selbstmörder ist ein Verbre-cher, und ein Verbrecher ist ein Schuft, also, wer arbeitet ist ein Schuft.
VALERIO. Ja.   Aber dennoch sind die Ameisen ein sehr nützliches Ungeziefer; und doch sind sie wieder nicht so nützlich, als wenn sie gar keinen Schaden täten. Nichts desto weniger, wertestes Ungeziefer, kann ich mir nicht das Vergnügen versagen, einigen von Ihnen mit der Ferse auf den Hintern zu schlagen, die Nase zu putzen und die Nägel zu schneiden.

Zwei Polizeidiener treten auf.

1. P. Halt, wo ist der Kerl? 
2. P. Da sind zwei. 
1. P. Sieh einmal, ob keiner davon läuft. 
2. P. Ich glaube, es läuft keiner. 
1. P. So müssen wir sie beide inquirieren.   Meine Herren, wir suchen Jemand, ein Subjekt, ein Individuum, eine Person, einen Delinquenten, einen Inquisiten, einen Kerl. Zu dem an-dern Pol. Sieh einmal, wird keiner rot?
2. P. Es ist keiner rot geworden.
1. P. So müssen wir es anders probieren.   Wo ist der Steckbrief, das Signalement, das Certifi-cat? 2. Pol. zieht ein Papier aus der Tasche und überreicht es ihm. Visiere die Subjekte, ich will lesen: Ein Mensch  
2. P. Paßt nicht, es sind zwei.
1. P. Dummkopf! geht auf zwei Füßen, hat zwei Arme, ferner einen Mund, eine Nase, zwei Au-gen, zwei Ohren. Besondere Kennzeichen: ein höchst gefährliches Individuum.
2. P. Das paßt auf beide. Soll ich sie beide arretieren?
1. P. Zwei, das ist gefährlich, wir sind auch nur zwei. Aber ich will einen Rapport machen. Es ist ein Fall von sehr kriminalischer Verwicklung oder sehr verwickelter Kriminalität. Denn wenn ich mich betrinke und mich in mein Bett lege, so ist das meine Sache und geht niemand was an. Wenn ich aber mein Bett vertrinke, so ist das die Sache von wem, Schlingel?
2. P. Ja, ich weiß nicht.
1. P. Ja, ich auch nicht, aber das ist der Punkt. Sie gehen ab.
VALERIO. Da leugne einer die Vorsehung. Seht, was man nicht mit einem Floh ausrichten kann! Denn wenn es mich nicht heute Nacht überlaufen hätte, so hätte ich nicht den Morgen mein Bett an die Sonne getragen, und hätte ich es nicht an die Sonne getragen, so wäre ich nicht damit neben das Wirtshaus zum Mond geraten, und wenn Sonne und Mond es nicht beschienen hätten, so hätte ich aus meinem Strohsack keinen Wein keltern und mich daran betrinken können, und wenn das alles nicht geschehen wäre, so wäre ich jetzt nicht in Ihrer Gesellschaft, werteste Ameisen, und würde von Ihnen skelettiert und von der Sonne aufgetrocknet, sondern würde ein Stück Fleisch tranchieren und eine Bou-teille Wein austrocknen   im Spital nämlich.
PRINZ. Ein erbaulicher Lebenslauf.
VALERIO. Ich habe einen läufigen Lebenslauf. Denn nur mein Laufen hat im Lauf dießes Krie-ges mein Leben vor einem Lauf gerettet, der ein Loch in dasselbe machen wollte. Ich be-kam infolge dießer Rettung eines Menschenlebens einen trocknen Husten, welcher den Doktor annehmen ließ, daß mein Laufen ein Galoppieren geworden sei und ich die galop-pierende Auszehrung hätte. Da ich nun zugleich fand, daß ich ohne Zehrung sei, so ver-fiel ich in oder vielmehr auf ein zehrendes Fieber, worin ich täglich, um dem Vaterland einen Verteidiger zu erhalten, gute Suppe, gutes Rindfleisch, gutes Brot essen und guten Wein trinken mußte.
PRINZ. Nun, Edelster, dein Handwerk, dein métier, deine Profession, dein Gewerbe, dein Stand, deine Kunst?
VALERIO. Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit.

B. [Einzelblatt mit Szenenfetzen]
(Vorderseite; vgl. I.,4.]
GOUVERNANTE weint. Lieber Engel, du bist ein wahres Opferlamm.
LENA. Ja wohl, und der Priester hebt schon das Messer.   O Gott, ist es denn wahr, daß wir uns selbst erlösen müssen mit unserm Schmerz? Ist es denn wahr, die Welt sei ein gekreu-zigter Heiland, die Sonne seine Dornenkrone und die Sterne die Nägel und Speere in sei-nen Füßen und Lenden?
GOUVERNANTE. Mein Kind, mein Kind! ich kann dich nicht so sehen.  Vielleicht, wer weiß. Ich habe so etwas im Kopf. Wir wollen sehen. Komm! sie führt die Prinzessin weg.

(Vorderseite; vgl. II.,4.]
II. ACT
 Wie ist mir eine Stimme erklungen im tiefsten Innern,
Und hat
 Steh auf in deinem weißen Kleid und schwebe durch die Nacht und sprich zur Leiche, steh auf und wandle.
LENA. Die heiligen Lippen, die so sprachen, sind längst Staub.
LEONC. O nein, [Fast die Hälfte dieser Seite ist unbeschrieben.]

[Rückseite; vgl. III.,1.]
VAL. Heiraten?
PRINZ. Das heißt Leben und Liebe eins sein lassen, daß die Liebe das Leben ist, und das Leben die Liebe. Weißt du auch, Valerio, dass auch der Geringste so groß ist, daß das menschli-che Leben viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können? 
VALERIO. Ja, nur ich denke, daß der Wein noch lange kein Mensch ist und daß man ihn doch sein ganzes Leben lieben kann. Aber weiß sie auch, wer Sie sind.
LEONCE. Sie weiß nur, daß sie mich liebt.
VAL. Und wissen Sie auch, wer sie ist?
*Und dann kann ich doch den Leuten das Vergnügen gönnen, die meinen, daß nichts so schön und heilig sei, daß sie es nicht noch schöner und heiliger machen müßten. Es liegt ein gewisser Genuß in d. Meinung, warum sollt' ich ihn ihnen nicht gönnen.
LEONCE. Dummkopf! Sie ist so Blume, daß sie kaum getauft sein  kann, eine geschlossne Knospe, noch ganz • von Morgentau u. d. Traum d. Nachtzeder.
VAL. Gut, meinetwegen. Wie soll das gehn? Prinz, bin ich Minister,  wenn Sie heute vor Ihrem Vater mit d. Unaussprechlichen, Namenlosen kopuliert werden?
LEONNE. Wie ist das möglich?
VAL. Das wird sich finden, bin ich's?
LEONCE. Mein Wort.
VAL. Danke. Kommen Sie.


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