| Julian Schmidt
(1853)
[...] Das Lustspiel „Leonce und Lena“ ist unter Tieck‘schem Einfluss
geschrieben. Leonce ist Prinz Zerbino, König Peter ist König
Gottlieb, auch die Nebenfiguren sind entlehnt. - Lenz war ein -Wahnsinniger,
Leonce leidet an der Modekrankheit des Spleens und der Blasiertheit. [...]
Endlich heiratet er, und das goldene Zeitalter beginnt:
„Es wird ein Decret erlassen, dass, wer sich Schwielen an die Hände
schafft, criminalistisch strafbar ist; das Jeder, der sich rühmt,
sein Brod im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt
und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird; und
dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen
und Feigen, um musikalische Kehlen, classische Leiber und eine kommode
Religion!“
Es ist der Geist des alten Hamlet, der in diesen frostigen Späßen
sein Wesen treibt. Wir Deutschen haben für dies unheimliche Bild stets
die wunderlichsten Sympathien gehegt. Wir schwärmten unsere eigene
stofflose Unendlichkeit an; wir wiegten uns mit einer gewissen schadenfrohen
Selbstzufriedenheit in diesem gemischten Gefühl der Größe
und Erbärmlichkeit. Wir berauschten uns an dem Wahnsinn dieser glaubenlosen
Welt, die von dem Geist nichts wissen will und daher überall Gespenster
sieht. Wir waren hochmüthig in unserm Nichts und bildeten uns etwas
darauf ein, in sophistischer Freiheit mit diesem Erdball und seinen
Mächten spielen zu können, deren Quelle wir nirgend anders sahen,
als in unsern eigenen Gedanken. Es ist ein Spiel der Freiheit, mit dem
unheimlichen Abgrund des eigenen Innern zu scherzen, und darum angenehm;
aber auch gefährlich. Denn wie die Realität sich in Visionen
verliert, so bemächtigen sich die Visionen der Wirklichkeit. Wo das
Leben zu einem blosen Schein herabsinkt, wird es ein Reich des Bösen.
Das zeigt sich sogleich, sobald wir aus der träumerischen Phantastik
in das Gebiet des realen geschichtlichen Lebens übergehen. -
Gutzkow hat ungefähr gleichzeitig (1835) in seinem Nero den Leonce
geschildert, dem das Schicksal einer Welt in die Hände gegeben ist.
Aber Nero hat durch seine Ferne noch immer eine phantastische Färbung;
im „Danton“ hat Büchner denselben Charakter in sehr bestimmte, bewegte
Verhältnisse gesetzt. Danton spricht und benimmt sich gerade wie Leonce,
aber es wird uns viel unheimlicher dabei. [...]
[Julian Schmidt: Geschichte der
Deutschen Literatur im neunzehnten Jahrhundert. Band 3. Leipzig 1856. Dritte,
verbesserte Auflage. S. 51 - 53. Ausschnitte.]
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