| Friedrich Gundolf:
(1929)
„Leonce und Lena“, neuerdings im Guten wie im Argen überschätzt,
ist ein Rückfall in die bloße Literaturkomödie der Romantik
nach Shakespeares Muster. [. . .] An einzelnen guten Scherzen, lustigen
Fratzen und zumal an der phantastisch glaubwürdigen Lokalmalerei fehlt
es nicht, an schnurrigen Einfällen aus der deutschen Kleinstaaterei
und über sie. Doch das Ganze kommt aus der literarischen Nachahmung
Brentanos, Tiecks, Shakespeares, aus gewollter und darum unwirksamer Laune,
aus schwitzendem Willen zum beschwingten Witz, aus fleißigem Leichtsinn.
Es waltet darin eine Pedanterie der Komik, die kein wirkliches Lachen oder
Lächeln aufkommen lässt, und die zarte Grenze zwischen der überlegenen
Heiterkeit des tiefsinnigen Ironikers und dem stumpfen Spaß des Hanswursts
wird beständig verletzt. Doch der eigentliche Mangel ist die papierne
Herkunft des Lustspiels: die sämtlichen Gestalten und Motive sind
nicht spontane Einfälle, sondern aufgeputze Literaturschablonen. [
. . .] Nicht nur ihren Stoff, sondern ihren Gehalt und ihre Form, ihre
ganze Witzart und Ulktechnik schon finden wir in Tiecks Zerbino, in Brentanos
Ponce de Leon oder Lustigen Musikanten. Was Büchner aus Eigenem dazugegeben,
einige politische Bosheiten und besonders die Zoten, genügt doch nicht,
um dem Versuch mehr zu sichern, als den Beifall literarischer Modegecken
oder Altertumsforscher. Zur lebendigen deutschen Dichtung gehört es
nicht, auch der Ärger der Spießbürger kann es auf die Dauer
nicht beleben. Es gehört nicht einmal zu den ursprünglichen Zeugnissen
von Büchners Art - es ist ein literarischer Abweg in die verlassene
Romantik. [.. .]
[Friedrich Gundolf: Georg Büchner.
In: Friedrich Gundolf: Rornantiker. Heinrich Keller, Berlin 1930, S. 375
-395;hierS. 390f Ausschnitte.]
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