| Hans Mayer:
(1946)
Die Grundstimmung, die Büchner ein „Lustspiel“ schaffen lässt,
ist nicht fröhlicher Mutwillen oder heiter lächelnder Spott,
sondern Hass. Das klingt seltsam. Hass mag die Gestaltung des Satirikers
und Pamphletisten leiten, der nicht so sehr lachen machen, als treffen
und verletzen will. Aber der Lustspieldichter? Man sollte denken, dass
ihm solcher Mangel des Abstandes zum Gegenstand der Heiterkeit, wie ihn
der Hass notwendig mit sich bringt, nur schlecht zu Gesicht stehe. In der
Tat sind weite Stellen des „Leonce“ weder romantisches Lustspiel noch Lustspiel
überhaupt, sondern ganz einfach Satire: alle Szenen des spinozisierenden
Königs Peter und der höfischen Hegelinge um ihn her. Auch die
grausam - traurige Bauernszene, jenes Spalier der vivatschreienden Sozialstatisten
bei der Durchfahrt hoher Herrschaften, dem jedes Bewusstsein der Erbärmlichkeit
seiner Lage fehlt und das nichts anderes verkörpert als eine Paraphrase
von Büchners Urteil über das fronende Volk, von dem „bei aller
parteiischen Vorliebe“ eben doch gesagt werden müsse, dass es „eine
ziemlich niederträchtige Gesinnung“ besitze. Dies alles ist unter
anderem und vor allem echte Satire, gespeist aus Hass, nicht aus Spott
und Laune. Doch ist solche bittere Lustigkeit des Satirikers nicht die
einzige Grundsubstanz des Werks: der Hass, der dieses sonderbare Lustspiel
entstehen ließ, grub tiefer.
[. . .]
Eine in sich sinnlos gewordene Gesellschaft, eine Ordnung ohne Funktion
und ohne Gnade, ohne Entwicklungsmöglichkeit und Willen zur Umänderung
soll dargestellt werden.
Zwei Möglichkeiten zu solcher Darstellung konnte es geben: konkrete
Aufzeichnung eines sinnlosen Getriebes der höchst geschäftigen
und doch so mittelpunktslosen deutschen Herrscherschicht der Zeit; oder
allgemeine Fassung der konkreten Zustände als Darstellung einer sinnlosen
Lebensweise an sich, vorgeführt an einer Welt, die sich scheinbar
„nie und nirgends“ begeben hat, in Wirklichkeit aber in Deutschland lag.
[. ..]
Wie sieht es in einer Gesellschaft aus, die sich insgeheim durchaus
des Nichts und der eigenen Nichtigkeit bewusst ist, diese geheime Ahnung
aber unter rasender äußerlicher Hatz und Geschäftigkeit
zu verstecken sucht? Das eben soll im „Leonce“ gezeigt werden. Dass das
Grundgefühl einer solchen Gesellschaft die Langeweile und, dank ihrer,
die Konsumtionswut, die Gier nach immer neuen Sensationen sein müsse,
war eine der entscheidenden Erkenntnisse Büchners. [. . .]
Die ganze Gesellschaft krankt an leerer Geschäftigkeit; längst
hat ihr Dasein allen Sinn verloren. Die einzige wirklich neue Erfahrung
könnte ihr nur noch ihr eigener Untergang sein, so wie manche Roués
des Ancien régime noch die Fahrt auf die Guillotine in untadeliger
Haltung vollführt und nicht ganz des geheimen Reizes entbehrend empfunden
hatten. Was die Figuren des „Leonce“ treibt, den Prinzen, Valerio, Lena,
ist Auflehnung gegen das formale Dasein und seine Etikette und die Bereitschaft
zur Flucht.
Die Teufelei liegt darin, dass Leonce wie Lena einem Geschick zu entfliehen
suchen, das sie gerade dadurch nur um so sicherer ereilt. Es ist eine Haltung,
die doch niemals zu einer neuen Wirklichkeit vorstößt, die sich
in Assoziationen, Stimmungen, Klängen auswirkt, immer neuen, raffinierten
Formen des Müßiggangs - um schließlich mit einem Hohelied
auf den Müßiggang abzutanzen, das ausklingt in die Verherrlichung
eines Daseins ohne Ziel und Sorgen, da ihm alles ohne Anstrengung wird:
„Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalische Kehlen, klassische Leiber
und eine kommode Religion!“
Spürt man die bittere und tiefe Verzweiflung, die völlige
Ausweglosigkeit? Hier ist nichts - da Italien anklingt - von Verdis lächelnder
Heiterkeit, von der Weisheit jener Schlussfuge des „Falstaff“, die verkündet:
„Alles ist Spaß im Leben!“ Die bürgerliche Kritik am Adel, die
für sich selbst durchaus von der eigenen Nützlichkeit überzeugt
ist, liegt unendlich fern. Die scheinbar so frohe Hymne auf Müßiggang
und Langeweile entstammt bei Büchner dem Hass und der Verzweiflung.
Wäre wenigstens ein Gegengewicht vorhanden, das man voller Hoffnung
und Sicherheit der morschen und sinnlos agierenden Gesellschaft entgegensetzen
könnte; gäbe es nur eine Klasse, die man von Herzen bejahen und
als Träger der Zukunft ansprechen könnte, um nur desto gründlicher
und entschiedener an solchem Maßstab das Bestehende zu messen und
zu verdammen! Allein solche Zuversicht besitzt Büchner nicht. Die
Bauernszene zeigt einen Zustand in der Tiefe der Gesellschaft an, der zwar
in allem der geschäftigen Langeweile der Herrschenden entgegengesetzt
ist: ebenso dumpf ist wie jene aufgeklärt sind, ebenso unbeweglich
wie jene agil, aber Hoffnung und Zukunft gibt es auch dort nicht. Zu stark
ist der Druck von oben, zu sehr mangelt es seit Jahrhunderten an aller
Erleuchtung und Erziehung. Zwar hatte Büchner in seinem Brief an Gutzkow
trotz allem die Möglichkeit angedeutet, „die Bildung eines neuen geistigen
Lebens im Volke zu suchen“, aber sehr fest hatte er an diesen Ausweg nicht
geglaubt. Der Gedanke ist da, ist ausgesprochen, doch sehr feste Gestalt
gewann er nicht, und Trost vermochte er nicht zu spenden. Gerade das Fehlen
jenes Gegengewichts von unten her bestimmt den Grundcharakter des ,,Leonce“:
alles beginnt in Langeweile und Müßiggang und endet in Langeweile
und Müßiggang; ein Ende ist nicht abzusehen, denn ein Ende gäbe
es für diese Welt nur, wenn jemand da wäre, der ein Ende machte.
So geht es auch im „Leonce“ wieder um Büchners wichtigste Gedanken
und Einsichten. Das Lustspiel gibt Antwort auf die Frage, wie eine Welt
aussieht, die ihren Sinn verloren hat, richtungslos agiert und doch nicht
zu sterben vermag, da sie nicht an Erschöpfung, am Versagen des élan
vital verenden kann wie ein menschlicher Organismus, sondern getötet
werden muss, ohne dass sich jemand fände, der ihr den Gnadenstoß
gäbe. [...]
[Hans Mayer: Romantisch - ironisches
Zwischenspiel (Leonce und Lena). Aus: Georg Büchner und seine Zeit.
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1972, S. 307 - 330. Ausschnitte.]
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