„So
wollen wir Genies werden“
„So wollen wir nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft
werden“, fährt Valerio fort. Darauf kann Le-once nur anworten: „Lieber
möchte ich meine Demission als Mensch geben.“
„So wollen wir Genies werden“ Dieser Ausruf des Müßiggängers
Valerio formuliert ein gänzlich uner-reichbares Ziel. Er, wie auch
Leonce, wollen und können sich nicht verändern. Ihre zentralen
Themen sind die Langeweile und der Lebensüberdruss.
Der zweiundzwanzigjährige Büchner schrieb das Lustspiel LEONCE
UND LENA 1836, ein Jahr vor seinem Tod. Aufgrund politischer Flugschriften,
die er in seiner Heimat Hessen publizierte, war Büchner durch die
Ver-folgung der Behörden gezwungen das Land zu verlassen. Der ,Hessische
Landbote’, eine der revolutionären Flugschriften, bot Büchner
das Forum seine politischen Ansichten unter das Volk zu bringen.
So schreibt Büchner im Juli des Jahres 1834: „Die Justiz ist in
Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten . .
. Ihr dürft euren Nachbar verklagen, der euch eine Kartoffel stiehlt;
aber klagt einmal ü-ber den Diebstahl, der von Staatswegen unter dem
Namen von Abgabe und Steuern jeden Tag an eurem Ei-gentum begangen wird,
damit eine Legion unnützer Beamten sich von eurem Schweiße mästen:
klagt einmal, daß ihr der Willkür einiger Fettwänste überlassen
seid und daß diese Willkür Gesetz heißt, klagt, daß
ihr die Ackergäule des Staates seid, klagt über eure verlorenen
Menschenrechte . . . Und will endlich ein Richter oder ein andrer Beamte
von den Wenigen, welche das Recht und das gemeine Wohl lieber ist, als
ihr Bauch und der Mammon, ein Volksrat und kein Volksschinder sein, so
wird er von den obersten Räten des Fürsten selbst geschunden.“
Hier tritt Büchners Weltsicht am deutlichsten hervor. Er, der
erfüllt ist von Zerissenheit und Widersinnigkeit der ihn umgebenden
Welt hat mit LEONCE UND LENA kein Lustspiel geschrieben. Das Handlungsgerüst
ü-bernahm er aus Clemens Brentanos Lustspiel PONCE DE LEON und Alfred
Mussets Komödie FANTASIO. Darüber hinaus beeinflussten ihn die
Komödien Shakespeares, wie auch Chamisso, Tieck und Cervantes.
Es präsentiert sich ein kunstvolles Kaleidoskop literarischer
Anspielungen, eine Aneinanderreihung von Zi-taten, die fast aphoristisch
wirken. Nichts scheint ,originell’ zu sein, vieles ist sogar eindeutig
entlehnt und montiert. Figuren und Gespräche sind nicht der Realität,
sondern Büchern entnommen.
Dadurch entsteht der Eindruck einer virtuellen Welt. Die Figuren leben
in einer eigenen, selbsternannten Realität, deren wesentliche Grundlage
Leonce bestimmt: „. . . wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder,
und ein Selbstmörder ist ein Verbrecher, und ein Verbrecher ist ein
Schuft, also, wer arbeitet, ist ein Schuft.“
Indem Büchner hier eine der wichtigsten Bedingungen gesellschaftlicher
Ordnung thematisiert, stellt er den Sinn der Beschäftigung des Einzelnen
und somit seinen Nutzen in Frage. So verbirgt sich hinter dem Lustspiel
die Satire, die beißende Gesellschaftskritik, mit der er immer wieder
das System grundsätzlich in Zweifel zieht. Selbst wenn er gegen Ende
durch Valerio die Utopie ausrufen lässt: „ . . .daß jeder, der
sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen,
für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich
erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott
um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musika-lische Kehlen, klassische Leiber
und eine commode Religion“, tut dies Büchner nur, weil er keine Alternative
sieht. Es gibt keine Klasse, die man bejahen könnte und die der morschen
und sinnlos handelnden Gesell-schaft etwas zu entgegnen hätte. Das
Lustspiel wirft Fragen auf, wie sich eine Welt darstellt, die ihren Sinn
verloren hat. Der Gipfel ist erreicht, wenn König Peter fragt: „Was
bedeutet der Knopf im Schnupftuch? . . . Ja, das ist's, das ist's: Ich
wollte mich an mein Volk erinnern.“
Regie: Reinhard Göber,
Bühne: Nicola Reichert,
Kostüme: Dagmar Fabisch.
Es spielen:
Rebekka C. Burckhardt (Lena),
Elfie Elsner (Gouvernante),
Dominika Szymanska (Rosetta)
Gunter Cremer (König Peter),
Bernhard Stengele (Valerio),
Klaus Zwick (Leonce).
L.V.
Premiere ist am Samstag, dem 29. April 2000, um 19.30 Uhr in der Alten
Feuerwache.
[Saarl. Staatstheater: Theater Zeit, April
2000, Beilage zur Saarbrücker Zeitung, 17.3.00]
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