Fachbereich Deutsch
Drama

Georg Büchner
Leonce und Lena

Büchners Lustspiel in der Alten Feuerwache
So wollen wir Genies werden“   

„So wollen wir nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden“, fährt Valerio fort. Darauf kann Le-once nur anworten: „Lieber möchte ich meine Demission als Mensch geben.“
 „So wollen wir Genies werden“   Dieser Ausruf des Müßiggängers Valerio formuliert ein gänzlich uner-reichbares Ziel. Er, wie auch Leonce, wollen und können sich nicht verändern. Ihre zentralen Themen sind die Langeweile und der Lebensüberdruss.
Der zweiundzwanzigjährige Büchner schrieb das Lustspiel LEONCE UND LENA 1836, ein Jahr vor seinem Tod. Aufgrund politischer Flugschriften, die er in seiner Heimat Hessen publizierte, war Büchner durch die Ver-folgung der Behörden gezwungen das Land zu verlassen. Der ,Hessische Landbote’, eine der revolutionären Flugschriften, bot Büchner das Forum seine politischen Ansichten unter das Volk zu bringen.
So schreibt Büchner im Juli des Jahres 1834: „Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten . . . Ihr dürft euren Nachbar verklagen, der euch eine Kartoffel stiehlt; aber klagt einmal ü-ber den Diebstahl, der von Staatswegen unter dem Namen von Abgabe und Steuern jeden Tag an eurem Ei-gentum begangen wird, damit eine Legion unnützer Beamten sich von eurem Schweiße mästen: klagt einmal, daß ihr der Willkür einiger Fettwänste überlassen seid und daß diese Willkür Gesetz heißt, klagt, daß ihr die Ackergäule des Staates seid, klagt über eure verlorenen Menschenrechte . . . Und will endlich ein Richter oder ein andrer Beamte von den Wenigen, welche das Recht und das gemeine Wohl lieber ist, als ihr Bauch und der Mammon, ein Volksrat und kein Volksschinder sein, so wird er von den obersten Räten des Fürsten selbst geschunden.“
Hier tritt Büchners Weltsicht am deutlichsten hervor. Er, der erfüllt ist von Zerissenheit und Widersinnigkeit der ihn umgebenden Welt hat mit LEONCE UND LENA kein Lustspiel geschrieben. Das Handlungsgerüst ü-bernahm er aus Clemens Brentanos Lustspiel PONCE DE LEON und Alfred Mussets Komödie FANTASIO. Darüber hinaus beeinflussten ihn die Komödien Shakespeares, wie auch Chamisso, Tieck und Cervantes.
Es präsentiert sich ein kunstvolles Kaleidoskop literarischer Anspielungen, eine Aneinanderreihung von Zi-taten, die fast aphoristisch wirken. Nichts scheint ,originell’ zu sein, vieles ist sogar eindeutig entlehnt und montiert. Figuren und Gespräche sind nicht der Realität, sondern Büchern entnommen.
Dadurch entsteht der Eindruck einer virtuellen Welt. Die Figuren leben in einer eigenen, selbsternannten Realität, deren wesentliche Grundlage Leonce bestimmt: „. . . wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder, und ein Selbstmörder ist ein Verbrecher, und ein Verbrecher ist ein Schuft, also, wer arbeitet, ist ein Schuft.“
Indem Büchner hier eine der wichtigsten Bedingungen gesellschaftlicher Ordnung thematisiert, stellt er den Sinn der Beschäftigung des Einzelnen und somit seinen Nutzen in Frage. So verbirgt sich hinter dem Lustspiel die Satire, die beißende Gesellschaftskritik, mit der er immer wieder das System grundsätzlich in Zweifel zieht. Selbst wenn er gegen Ende durch Valerio die Utopie ausrufen lässt: „ . . .daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musika-lische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion“, tut dies Büchner nur, weil er keine Alternative sieht. Es gibt keine Klasse, die man bejahen könnte und die der morschen und sinnlos handelnden Gesell-schaft etwas zu entgegnen hätte. Das Lustspiel wirft Fragen auf, wie sich eine Welt darstellt, die ihren Sinn verloren hat. Der Gipfel ist erreicht, wenn König Peter fragt: „Was bedeutet der Knopf im Schnupftuch? . . . Ja, das ist's, das ist's: Ich wollte mich an mein Volk erinnern.“

Regie: Reinhard Göber, 
Bühne: Nicola Reichert, 
Kostüme: Dagmar Fabisch. 
Es spielen: 
Rebekka C. Burckhardt (Lena), 
Elfie Elsner (Gouvernante), 
Dominika Szymanska (Rosetta)   
Gunter Cremer (König Peter), 
Bernhard Stengele (Valerio), 
Klaus Zwick (Leonce). 
L.V.

Premiere ist am Samstag, dem 29. April 2000, um 19.30 Uhr in der Alten Feuerwache. 

[Saarl. Staatstheater: Theater Zeit, April 2000, Beilage zur Saarbrücker Zeitung, 17.3.00]


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