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Faust
Quellen zu Goethes Faust - Drama / Kindsmörderinnen

Anna Catharina Höhn
In der Weimarer Bevölkerung wird es seit Monaten Gerüchte über das Schicksal der Anna Catharina Höhn gegeben haben. Die Erinnerung an vergangene Hinrichtungen in Weimar wird aufleben. Die alten Richtstätten
  • am Schweinsmarkt und
  • vor den Stadttoren an der Erfurter Straße,
  • das Halsgericht vor dem Frauentor.
    1669 wurde in Weimar Anna Schunckin, "so eine Hexe gewesen ... decolliret und nachmals verbrannt. 1673 Johann Fischer, ein Jäger aus Wickerstedt bürtig gewesen, wegen Oberhurerey und Ehebruchs mit dem Schwerte gerichtet. 1676 den 4. Augusti ist Elisabeth Lauin, wegen verübter Hexerei erstlich enthauptet und nachmals verbrandt worden. 1707 den 4. Marty wurde Martha Elisabeth Elmerin, welche ein unehelich Kind zur Welt geboren und solches erstücket und umgebracht hat, auf hiesigem Schweinsmarkte, nach 10 Uhr mit dem Schwerde vom Leben zum Tode gebracht, deren Cörper Nachmittagen vom Richtplatze auf einen Karren geladen, in zweyn Schütten Stroh gebunden und nach Jena geführet worden. An dieser Exekution that der junge Scharfrichter alhier, Meister Johann Daniel Wittich seine Probe, welche ihm aber Misslungen, dass er 3 - 4 mal Hauen müssen, da die arme Sünderin nach dem ersten Hiebe schon auf der Erde gelegen". Auch von der Hinrichtung des Musquetier Lacree vom Jahr 1723 ist überliefert, "dass der Scharfrichter Wittich ... 2mal gehauen habe."

    1753 den 3. August ist Marie Gertraude Schmidtin von "Rödigsdorf bürtig, welche in der Lottenmühle allhier gedienet, und ihr unehelich erzeugtes Knäblein selbst umgebracht, auf dem Schweinsmarkte durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht worden.
    Dreißig Jahre sind seit der letzten Hinrichtung einer Kindsmörderin vergangen. Die Generation der Großmütter weiß davon zu erzählen. Den Scharfrichter Johann Daniel Wittich hat Christiane Vulpius als Kind mit Sicherheit gesehen. Der Beruf des Scharfrichters, in Weimar auch Nachrichter genannt, ist mit dem des Abdeckers, des Schinders verbunden. Seine Meisterei ist in der Wagnergasse 28, unweit des Hauses von Christianes  Großeltern.  1707 war jener Meister Johann Daniel Wittich als junger Mann aus Ziegenrück nach Weimar gekommen, um das Amt des Scharfrichters zu übernehmen; in der Familie wird es vom Vater auf den Sohn übertragen. Jetzt ist es der Sohn, oder schon der Enkel Wittich, der erstmals mit dem Schwert einen Menschen zum Tode bringen muss.
    Am 18. November tagt der Conseil, am 19., am 24., am 25. November. Goethe ist immer anwesend. Die Einzelheiten der Hinrichtung, die am 28. November stattfinden soll, werden am 24. festgelegt. 
    Vom Herzog wird verfügt
    "Zur Erhaltung guter Ordnung bey der bevorstehenden Hinrichtung der Kindesmörderin Höhnin hierselbst werden 100 Mann Militz bey dem Halsgerichte auf dem Markte sowohl, als auch bey dem Richtplatze am Gerichte, formiret, und dass durch ein Kommando von Husaren das etwaige Zudrängen des Volks abgehalten werden solle, die erforderliche Ordre gestellt."
    Am Hinrichtungstag selbst verlässt Carl August, wie die Herzoglichen Fourierbücher ausweisen, die Stadt. Goethe bestätigt sich, dass sein Erziehungswerk am Herzog gelungen sei. "Der Herzog ist recht brav", schreibt er an diesem Tag. Die achtzehnjährige Christiane Vulpius in der Zuschauermenge am Markt, am Rabenstein.
    NACHT, OFFENES FELD
    Faust, Mephistopheles, auf schwarzen Pferden daherrasend
    FAUST Was weben sie dort um den Rabenstein?
    MEPHISTOPHELES Weiß nicht, was sie kochen und schaffen
    FAUST Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.
    MEPHISTOPHELES Eine Hexenzunft:
    FAUST Sie streuen und weihen.
    MEPHISTOPHELES Vorbei! Vorbei!
    Auf dem Marktplatz wird das hölzerne Podest für das Halsgericht gezimmert. Das verfallene Mauerwerk des Rabensteins, der Richtstätte vor dem Erfurter Tor, ist vor Jahren "von Grund aus neu aufgebaut und um zwei Schuhe in der Rundung erweitert worden, wieder in vorigen Stand gesetzt, zumalen bei Exekutionen, da arme Sünder decolliret werden, man diesen erhabenen Ort dazu ausersehen pfleget, damit der Nachrichter strenge Hand behalten und die Menschen, eine solche Exekution mitanzusehen, bessere Gelegenheit haben mögen, um die Exempel daran zu nehmen, wird befürwortet, da der Platz bei Vollstreckung für den Scharfrichter und seine Leute und den armen Sünder ausreiche." 
    Der 28. November 1783. Die wartende Menge auf dem Marktplatz. Die Delinquentin Anna Catharina Höhn auf dem Stroh des Schinderkarrens. Zwei Geistliche.
    Das Brettergerüst für das Halsgericht. Ihr Geständnis.
    Danach die Menschenmenge in Richtung Erfurter Tor.
    Die hundert Soldaten, das Husarenregiment, das Hinauszögern, um die Spannung, die abschreckende Wirkung zu erhöhen.
    Der Schwerthieb. 
    Als sich Stunden später die Menge zerstreut hat, wird der Körper der jungen Frau auf den Schinderkarren geladen und von Wittichs Knecht nach Jena gefahren. Er liefert den Körper in der Anatomie bei Professor Loder ab. Justus Christian Loder ist seit fünf Jahren Mediziner in Jena, zu Studienzwecken hat er ein "anatomisches" Theater gegründet. 
    Am 30. November schreibt er an Freiherrn von Fritsch nach Weimar: "Gestern habe ich wieder eine neue Arbeit durch den Körper der Kindsmörderin bekommen; ich wünschte aber nur, sie wäre in ihrem Gefängnis nicht so gut genährt worden, so wäre sie zu meinen Demonstrationen brauchbarer" (GSA, Sign. 20 II, 2,3). 
    Unter der Überschrift Warnungsnachricht veröffentlichen die "Weimarischen Wöchentlichen Anzeigen" Nr. 96 am Sonnabend, dem 29. November 1783
    "Es ist Anna Katharina Höhnin, aus Tannroda gebürtig, wegen begangenen Kindermords, wie bekannt ist, bei dem Fürstlichen Amte Weimar in Untersuchung gekommen und nach geschehenem Eingeständnis ihrer schwarzen Tat gestern den 28sten November 1783, andern zum abschreckenden Beispiel, ihr selbst aber zur wohlverdienten Strafe, von dem Scharfrichter Wittich, welcher sein Amt zum erstenmal verrichtete, auf einen Hieb mit dem Schwerte vom Leben zu Tode gerichtet worden. Vor gehegtem Hochnotpeinlichem Halsgerichte, welches auf einer auf dem Markte dazu errichteten Bühne gehalten wurde, hat die Höhnin den an ihrem Kinde verübten Mord nochmalen öffentlich eingeräumt und die ihr zuerkannte Todesstrafe, nachdem sie zuvor von den hiesigen Herren Stadtgeistlichen auf das beste zubereitet war und von selbigen mit tröstendem Zuspruch bis an ihr Ende begleitet wurde, ausgestanden." 
    Im Weimarer Totenbuch steht: 
    "1783, den 28. November ist Johanna Catharina Höhnin, von Tannroda bürtig, welche in der Niedermühle allhier gedienet und ihr uneheliches Knäblein umgebracht, an dem Gericht vor dem Erfurter Tor durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht worden und ist ihr Körper vom Schinderknecht nach Jena gefahren worden. Die beiden Geistlichen haben vor ihre Bemühungen jeder 1 Rthl., der Kirchner 12 Gr. erhalten". 
    1929 wird Goethes Beteiligung an dem Todesurteil gegen eine Kindsmörderin erstmals durch Friedrich Luchts Veröffentlichung "Die Strafrechtspflege in Sachsen-Weimar-Eisenach" bekannt. Obgleich in Biographien und Werkgeschichten meist ausgeblendet, ist seither die Debatte darüber immer wieder aufgeflammt. Die Angreifer moralisieren. Die Verteidiger verteidigen. Letztere weisen als Ausdruck eines möglichen Quälens bei der Entscheidung auf Dichtungen hin, die in jenen Monaten entstanden sind, auf "Das Göttliche" mit der Zeile: 
    Edel sei der Mensch
    Hilfreich und gut! 

    Der Dichter Goethe wird gegen den Politiker ausgespielt.
    Dieses Ausspielen aber negiert die Widersprüche, die Goethe für sich selbst gerade in jener Zeit wiederholt konstatiert.
    Im Herbst 1783 schreibt er: "Wie ich mir in meinem Väterlichen Hause nicht einfallen lies die Erscheinungen der (poetischen) Geister und die iuristische Praxin zu verbinden eben so getrennt lass ich ietzt den Geheimderath und mein anderes selbst ... ". Und: "Ich habe mein politisches und gesellschafftliches Leben ganz von meinem moralischen und poetischen getrennt."
    Er anerkennt, ja setzt für sich eine Doppelexistenz. Trennt Geist und Macht. Wiegt sich in der Illusion, Dichter und Politiker, Tasso und Antonio zugleich sein zu können.
    Jahre zuvor, als er 1778 mit Carl August in Berlin am preußischen Königshof weilt, registriert er noch sehr genau psychische und charakterliche Folgen, die Nähe zur Macht und Teilhabe an ihr haben können. Er beobachtet, wie die Großen mit den Menschen, und die Götter mit den Großen spielen. Und schreibt von sich: "Die Blüte des Vertrauens, der Offenheit, der hingebenden Liebe welckt täglich mehr, ... die eisernen Reifen, mit denen mein Herz eingefasst wird, treiben sich täglich fester an, daß endlich gar nichts mehr durchrinnen wird."
    Ist er im Herbst 1783 da angelangt? Eine andere Erklärung für seine Befürwortung der Todesstrafe gegen Kindsmörderinnen scheint  nicht möglich. 
    "So viel kann ich sagen", schloss er 1778 seine Beobachtungen am Königshof, "je größer die Welt desto garstiger wird die Farce ... Ich habe die Götter gebeten, dass Sie mir meinen Muth und grad seyn erhalten wollen bis ans Ende."
    Wie aber das, wenn er sein politisches und gesellschaftliches Leben, wie er 1782 sagt, von seinem moralischen und poetischen trennt? Wann ist er Tasso, wann Antonio? Bringt Nähe zur Macht nicht mit den Jahren Gewöhnung, lässt die Gefährdungen vergessen? 
    Auffällig in jenen Wochen nach den zu den Akten gegebenen Sätzen über das Todesurteil gegen die Kindsmörderin ist sein starkes Fluchtbedürfnis in die Zweisamkeit mit Charlotte. Fünf Tage vor der Hinrichtung schreibt er ihr: "Auch das entfernteste duld ich, weil du bist, und wenn du nicht wärst, hätt ich alles lange abgeschüttelt. Du aber machst mir alles süse." Und: "Liebe mich, das ist warrlich fast das einzige, was mich noch halten mag". Zwei Tage davor, am 26. November, bittet er sie, "den Theil des Atlas, worinne die Carten von Italien sich befinden", zu schicken, am 14. Dezember heißt es: "Diesen Abend komme ich zu dir, wir wollen zusammen in ferne Länder gehn; und zusammen überall glücklich seyn."
    Die Reise nach Italien, vorerst mit dem Finger auf der Landkarte und mit der Geliebten zusammen. 
    Die wirkliche Reise nach Italien wird noch drei Jahre auf sich warten lassen, erst da wird er seine Doppelexistenz in Frage stellen, wird, in eine tiefe Krise stürzend, die Gefährdungen durch seine Nähe zur Macht erkennen. Und er wird ohne die geliebte Frau reisen, weil auch sie Teil dieser Macht und seiner Krise ist.
    1786, im zehnten Jahr nach seiner Ankunft in Weimar, bilanziert Goethe seine politische Tätigkeit, seine Amts- und Regierungsgeschäfte, die er mit Ausdauer und enormem Zeitaufwand betrieben hat. Das Ergebnis ist schockierend. Es ist eingetreten, was Wieland bereits 1776 vorausgesagt hatte, dass "Goethe am Ende doch nicht den 100sten Teil von dem thun kann, was er gern thäte, dass er mit all seinem Willen, aller Kraft doch keine leidliche Welt schaffen kann". 
    Am 9. Juli 1786 gesteht sich Goethe sein Scheitern ein: "Wer sich mit der Administration abgiebt, ohne regierender Herr zu seyn, der muss entweder ein Philister oder ein Schelm oder ein Narr seyn", lautet das Resümee seiner politischen Existenz. 
    Zugleich zieht er die Bilanz seines poetischen Schaffens. 
    Im Sommer 1786 fasst er den Entschluss, sich wieder an ein öffentliches Publikum zu wenden. Zehn Jahre hat er sich mit einem kleinen privaten Kreis am Weimarer Fürstenhof begnügt. Seine Leser in Deutschland haben ihn fast vergessen. Er selbst hat in den ersten Weimarer Jahren davon gesprochen, dass er seine literarische Laufbahn anderen überlasse. Die Verleger erwarten nichts von ihm. Die Freunde sprechen von ihm als einem gewesenen Dichter. In einem Überblick über die zeitgenössische Literaturszene von 1781 heißt es: "Ach, leider, was er gegeben hat, Das hat er gegeben ... Jetzt ist er für's Publikum so unfruchtbar wie eine Sandwüste".
    Nun, 1786, will Goethe seine Werke in acht Bänden veröffentlichen, sie mit einer Zueignung an das deutsche Publikum einleiten. Er stellt fest, die Hälfte der Sachen ist bereits gedruckt, die andere Hälfte sind Fragmente. Egmont, unvollendet. Elpenor zwey Akte. Tasso, zwei Akte. Faust, ein Fragment. Seit Jahren hat er keinem dieser Werke nur ein einziges Wort hinzugefügt. Verzweifelt entschließt er sich, die Fragmente zu veröffentlichen. Im Dezember 1786 schreibt er dem Herzog: Als ich mir vornahm, meine Fragmente drucken zu lassen, hielt ich mich für todt. Das Gefühl seines poetischen Absterbens und zugleich das der Vergeblichkeit seiner administrativen und politischen Geschäfte.
    Antonio hat Tasso verdrängt, der Politiker den Dichter. Er muss sich die Unmöglichkeit seiner Doppelexistenz eingestehen. Nur durch die Rückkehr zur Dichtung, durch Vollendung des angefangenen, kann er sich wieder als lebendig legitimieren.
    Dazu aber ist Weimar nicht der Ort. Das Theatrum mundi, als das Weimar ihm im November 1775 bei seiner Ankunft erschien, auf dem er zu tragiren wünschte, die Herzogtümer Weimar und Eisenach als ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesicht stünde, hat seine Kraft verloren. 1786 spricht er vom engen Weimarischen Horizont.
    Um sich aus der Krise herauszuarbeiten, muss er sich von Weimar losreißen, muss den Ort wechseln. Was er im Winter 1783 zusammen mit der geliebten Frau in der Phantasie vorweggenommen hatte, das führt er nun wirklich aus. Sein verzweifelter Entschluss, seine Werke als Fragmente zu drucken, und sein Entschluss, nach Italien zu gehen, sich von einem neuen Theatrum mundi wiederbeleben zu lassen, fallen zeitlich zusammen.
    Ob in dieser existentiellen Krise seine Beteiligung an dem Todesurteil gegen die Kindsmörderin einen Gedankenraum, wenn auch nur den geringsten, eingenommen hat, lässt sich nicht nachweisen. 
    [Quelle: Sigrid Damm: Christiane und Goethe. Eine Recherche, Frankfurt a. M. (Insel-Verlag) 1999; S. 90-95]


  • Am 4. November 1783 schreibt der Dichter der Gretchen - Tragödie, es möge räthlicher seyn, die Todesstrafe beyzubehalten.  24 Tage später wird Anna Catharina Höhn durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht. Hundert Husaren werden abgestellt, die öffentliche Sicherheit aufrechtzuerhalten angesichts der Köpferey, die den weimarer Publizisten Christoph Bode zur Flucht aus der Stadt veranlasst, weil ihm die Hinrichtung nicht als eine Strafe, sondern als Staatsmord vorkommt. Immer noch klagt FAUST in allen Sprachen der Welt:
    O wär ich nie geboren!(Faust. Der Tragödie erster Teil V. 4596)