Zeitgenossen Goethes
Goethes Opfer

Johann Gottlieb Fichte
Friedrich von Schiller

1791 hatte er Königsberg, wo Kant ihm einen Verleger für seine Schrift "Versuch einer Kritik aller
Offenbarung" (1792) verschaffte, die anonym veröffentlicht wurde, besucht. Diese wurde zuerst für das religionsphilosophische Werk Immanuel Kants gehalten, das schon lange erwartet worden war. Als Kant dieses Missverständnis aufdeckte, wurde Fichte auf einen Schlag berühmt und erhielt einen  Lehrstuhl für Philosophie in Jena, den er 1794 antrat.  Im gleichen Jahr 1794 nämlich wendet sich der Professor Friedrich Schiller an den Geheimen Rat in Weimar, sein Projekt Die Horen mit eigenen Beiträgen zu beehren. Der Geheinme Rat sagt zu. Aber die Sache ist nicht unproblematisch s. u.).
Jena ist nich Königsberg, Leipzig oder Paris. Schon 1790 hat der Geheime Rat vermerkt, einst sei ihm Leipzig wie Klein - Paris erschienen, Jena verdiente jetzt wohl eher diesen Namen. 1792 hat er in einem Dossier an seinen Kollegen Voigt - eine Anregung des Herzogs aufgreifend - dafür plädiert, wegen der Jenaischen heimlich fortdauernden Unruhen ... genaue Erkundigunge anzustellen und der Wahrheit auch durch die ein oder andere bare Auslage näher zu kommen. Der Verwaltungsjurist soll also Zuträger einkaufen. Fichte ist noch nicht in Jena. Ist Schiller anvisiert? Bezahlte Kundschafter werden also angeheuert, die dem Geheimen Conseil in ausführlichen Dossiers aus Jena berichten. Studenten, die sich ihren Lebensunterhalt mit Denunziation verdienen, angeheuert von den Pedellen, bezahlt und geführt vom Ministerrat in Weimar. 
Das dunkle Kapitel hat die Goethe - Forschung verschwiegen. 1999 hat sich ein amerkikanischer Germanist, Daniel W. Wilson, an das Goethe - Tabu herangewagt und aufgezeigt, wie sehr Goethe in Spitzelangelegenheiten verwickelt war, in die Einschränkung und Verletzung von Menschenrechten. Wilson hegt nicht die leisesten Zweifel, dass Goethe über die geheimsten Absichten und Pläne der Studenten informiert war
Also auch über den Studenten Hölderlin, der aus seinem Jakobinertum nie einen Hehl gemacht, sich ein Gartenhaus geteilt hat mit dem rovoltierenden Studenten Isaak von Sinclair, der im September 1795 in einem Aufsehen erregenden Verfahren als Rädelsführer der Universität verwiesen wurde und für Fichte, die Seele von Jena geschwärmt hat.
Der konspirative Apparat hat aber nicht nur die renitenten Studenten im Auge. Auch die Herren am Katheder werden von Goethes Leuten kontinuierlich überwacht, auch Schiller, vor allem aber Fichte.
Der junge Geklehrte war beliebt unter den Studenten. Mit reichlich Verve und in einem bis zum letzten Platz gefüllten Hörsaal hat der Philosoph die Subjektivität zum Maßstab erhoben. Er hat für das Selbstbestimmungsrecht des Menschen plädiert, wie ein paar Jahre später die Französische Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. So bleibt es nicht aus, dass der Professor als gefährlicher Verführer des akademischen Nachwuchses angesehen wird. Als ihm Mitglieder einer studentischen Vereinigung - auch in Jena gibt es "vaterländische" - 1795 die Fenster einwerfen, gibt's einen willkommenen Anlass zum Spott: An den Kollegen Voigt schreibt der Geheime Rat: Sie haben also das absolute Ich in großer Verlegenheit gesehen, und freilich ist es den Nicht - Ichs sehr unhöflich durch die Scheiben zu fliegen. Es geht ihm aber wie dem Schöpfer aller Dinge, der auch mit seinen Kreaturen nicht fertig werden kann. Der Professor als Zauberlehrling. 
In Schillers und Fichtes Jena, der zweitgrößten Stadt des kleinen Herzogtumns, ging es also umtriebig her in diesen Jahren. Aufruhr unter den Studenten, blutige Straßenauseinandersetzungen, Frankreich in nuce? Dem muss Einhalt geboten werden!
Eine Gelegenheit ergibt sich im Spätherbst 1798 und ein Vierteljahr später nochmals: Fichte denkt öffentlich über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltordnung nach. Der im Ausland als Deutschland neuer Luther verehrte Professor sinniert in seinem Aufsatz, ob es dem Glauben zuträglich sei, wenn die Religion und ihre Repräsentanten mit dem Prinzip eines belohnenden und strafenden Gottes arbeiten. Wer einem strengen, strafenden Gott das Wort rede, habe das Verdienst, mangelhaften Policeyanstalten nachzuhelfen. In Königsberg begründet Kant mit derlei Überlegungen seine idealistische Ethik (Kritik der praktischen Vernunft), in Weimar hört man derlei nicht gern. Fichte bekommt seine Entlassungspapiere. Der Geheime Rat triumphiert (sadistisch): Fichtes Lage werde zu seinen übrigen Fratzen noch Bitterkeit hinzufügen. Fichte, seiner Lebensgrundlage beraubt, bittet um Gnade. Da kennt er den Minister nicht! Fichte sei für sich und die Welt verloren, prophezeit er, da er der staatlichen Macht mit töriger Anmaßung begegnet sei. 
Fichte hat aber, wie Klinger, Goethes finstere Prophezeiung überlebt.1805 erhält er den Lehrstuhl für Philosophie in Erlangen und wird 1810 der erste Rektor der neu gegründeten Universität in Berlin. Er besteigt die Rostra der Weltgeschichte, neben der das Jenenser Katheder wie ein Spielzeug verschwindet, bemerkt nicht ohne Bewunderung 100 Jahre später Ernst Bangemann. Auch Goethe muss noch einen Bückling machen: Als ihm Fichte im Sommer 1810 auf der Kurpromenade zu Teplitz begegnet, macht er eine kleine Verbeugung und bemerkt gegenüber Freund Zelter: Da geht der Mann, dem wir alles verdanken.
Pikant, dass sich während dieses Kuraufenthaltes im August 1810 auch die von Bettina von Arnim mitgeteilte Szene abspielt. Ist er so unterwürfig, weil da Anderes im Hintergrund ist?
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Just in Jena doziert auch der in jungen Jahren seinem Landesherren entflohene Schiller. Als Professor wurde er zugelassen (ohne Gehalt), als Dichter ist er in aller Munde: Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller Wonne singen die Studenten aus den Räubern. Ausgerechnet, als die erste Sache Fichte ansteht, meldet der sich und bittet zur Mitarbeit an den Horen. Unter den Herausgebern ist auch der inkriminierte Fichte. Kabinettskollege Voigt schreibt da am 18. Juni: Goethe wird künftig mehr und länger in Jena sein. Den Brief an Schiller, in dem er Schiller seine Mitarbeit an den Horen mitteilte, lässt Goethe von seinem Schreiber noch einmal auf graues Aktenpapier kopieren. Ebenso wie einen Brief an Fichte, den er am gleichen Tag diktiert hat. Für Karl - Heinz Hahn, einst Leiter des Goethe- und Schiller- Archivs zu Weimar, ist die Absicht offensichtlich, zwei gesonderte Aktenvorgänge anzulegen, eine Akte Schiller und eine Akte Fichte, Zeugnis dafür, dass dem Beamten und Staatsminister Goethe jene neue Verbindung mit Jena zunächst und vor allem als ein amtlich zu dokumentierender Geschäftsvorgang erschien
Hier wird - verklausuliert - eine Ungeheuerlichkeit vermeldet: Schiller ausgespäht von IM Goethe. Dass die Akte bald fallen gelassen wurde, macht die Angelegenheit kaum besser. Hätte der Observierte um das vornehmlich operative Ansinnen seines Briefpartners gewusst, vermutlich wäre die Korrespondenz der beiden nie über diese Anfänge hinausgekommen. 
Nun aber stehen sie auf Ritschels Doppelstandbild vor Weimars Schauspielhaus und haben sich als überlebensgroße Lieblinge der Götter, als Fleischwerdung idealischer Freundschaft ins Nationalbewusstsein eingegraben.  Den tieferen Sinn des Denkmals versucht eine Erzplatte am Sockel zu schürfen: 

Dem Dichterpaar 
Goethe und Schiller 
- das Vaterland -

Biogrphie Fichtes
Biographie Schillers
Zum Verhältnis von Goethe und Schiller


Auf der Grundlage von: Tilamn Jens, Goethe und seine Opfer. Eine Schmähschrift. Düsseldoref (Patmos), 1999, S. 93 - 111