Der Name Johann
Peter Eckermanns ist gleichsam symbiotisch mit jenem Johann
Wolfgang von Goethes verbunden. Als Verfasser der „Gespräche
mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens" und literarischer
Nachlassverwalter des Dichterfürsten scheint sein Lebenswerk ganz
in dem Goethes aufzugehen.
Eckermann entstammte ärmlichen Verhältnissen.
Sein Vater betrieb zeitweise einen Hausiererhandel,
in dem auch der Sohn eingebunden wurde. So besuchte der Junge nur unregelmäßig
die Schule, konnte gleichwohl mit 14 Jahren die Stelle eines Privatschreibers
beim örtlichen Justizbeamten bekleiden.
Eckermann nahm 1813/14 als Freiwilliger
an den Befreiungskriegen teil, arbeitete
nach seiner Rückkehr als Registrator bei der Militärverwaltung
in Hannover und trieb nebenher, meist autodidaktisch, literarische Studien.
Theodor
Körner, der Dichter der Befreiungskriege,
Klopstock
und Schiller zogen seine Aufmerksamkeit
und Bewunderung auf sich, Goethe aber
wird für ihn zu einem wahren Erweckungserlebnis. Hier fand er ein
„Glück, das keine Worte schildern", außer vielleicht seine eigenen:
„Es war mir, als fange ich erst an aufzuwachen
und zum eigentlichen Bewusstsein zu gelangen."
Durch ein Stipendium seiner Arbeitgeber wurde ihm 1821
ein Studium der Jurisprudenz in Göttingenmöglich,
welches er aber in Ermangelung konsequenterer Freigebigkeit seiner Gönner
bereits 1822 beendete. Stattdessen ging er nun seiner eigentlichen Passion,
der Literatur nach, und ließ einer bereits 1821 verfassten Gedichtsammlung
im Frühjahr 1823 seine „Beiträge zur
Poesie mit besonderer Hinweisung auf Goethe" folgen. Der Mut,
diesen literaturkritischen Versuch an Goethe zu schicken, wurde mit dessen
gesteigerter Aufmerksamkeit belohnt. Goethe empfahl dem Verleger Cotta
das Werk zur Veröffentlichung und äußerte sich dabei vor
allem in eigener Sache hoffnungsvoll über den jungen Verehrer: Eckermann
schien ihm geeignet, die Redaktion von Papieren zu übernehmen, „welche
selbst zu leisten man wohl die Hoffnung aufgeben muss" (11.6.1823). Entsprechend
freundlich war der Empfang, den man Eckermann
in
Weimar
bereitete, als dieser sich kurz darauf persönlich bei Goethe einfand.
Dem Dichter gelang es, Eckermann als Mitarbeiter zu gewinnen und in
der Folge an sich zu binden. Der Zugang zu seinem bewunderten Meister aber
entschädigte den Assistenten für die Verhinderung einer eigenen
Karriere, die ihm womöglich beschieden gewesen wäre. Für
die Tätigkeit als Assistent erhielt er kein Honorar, so dass er sich
weiter mit gelegentlichen Arbeiten über Wasser halten musste. Er gab
den Engländern in Weimar Unterricht, und war von
1829 bis 1835 für die literarische
und sprachliche Erziehung des späteren Großherzogs Carl Alexander
zuständig.
Obgleich es ihm an äußeren Ehren nicht fehlte - 1827
erhielt er auf Goethes Betreiben die Doktorwürde der Jenaer
Philosophischen Fakultät, 1842 verlieh
man ihm den Hofratstitel - eine sichere Lebensstellung konnte er
sich nicht erwerben und auch der einflussreiche Goethe hat sie ihm nie
verschafft. Die Gründung einer Familie erschien Eckermann aufgrund
dieser desolaten Situation erst 1831 möglich. Er heiratete
Johanna
Bertram aus Hannover, mit der er 13 Jahre verlobt gewesen war,
und die bereits 1834 an den Folgen der Geburt eines Sohnes starb.
Den Luxus einer unentgeltlichen Arbeit im Dienste seines Vorbildes
rechtfertigte Eckermann mit dem Hinweis auf seine exzeptionelle Stellung
im Umkreis des Dichters. „Mein Verhältnis
zu Goethe war eigentümlicher Art und sehr zarter Natur. Es war das
des Schülers zum Meister, das des Sohnes zum Vater, das des Bildungs-Bedürftigen
zum Bildungs-Reichen. Ich sah ihn oft nur alle acht Tage, (...) oft auch
jeden Tag, wo ich mittags mit ihm, bald in größerer Gesellschaft,
bald tete-à-tete zu Tisch zu sein das Glück hatte. Doch fehlte
es unserem Verhältnis auch nicht an einem praktischen Mittelpunkt.
Ich nahm mich der Redaktion seiner älteren Papiere an."
(5.3.1844 an Heinrich Laube)
Keine Rede also davon, dass Eckermann sich gleich dem langjährigen
goethischen Privatschreiber John als bloßer Sekretär verstanden
hätte. Er gab stattdessen seiner Tätigkeit einen privaten Anstrich,
verstand sie als Ausdruck der gegenseitigen Sympathie und des Respekts.
Die „Gespräche mit Goethe",
auf des Dichters Wunsch erst nach seinem Tod erschienen, sind der Höhepunkt
jener Zweisamkeit und der Grund des Eckermannschen Nachruhms, nicht zuletzt
weil es ihnen gelang, das Goethe-Bild durch die Schilderung seines alltäglichen
Lebens und seiner Persönlichkeit langfristig zu prägen. Das Diktum
Nietzsches, man habe es hier mit dem „besten deutschen Buch" (Menschliches,
Allzumenschliches) zu tun, erhob den Goethe-Verehrer gar in den Olymp deutscher
Prosaliteraten.
Goethe selbst verfolgte Eckermanns Vorhaben mit wohlwollendem, gelegentlich
gar kontrollierendem Blick. Schließlich galten ihm die „Gespräche"
als willkommene Fortführung seiner eigenen Lebenschronik, den „Annalen",
zu deren Bearbeitung er seit 1822 keine Zeit mehr gefunden hatte.
Zwischen 1823 und 1832 also verzeichnete
Eckermann aus dem Gedächtnis die Gespräche über Poesie,
Religion, Politik, Philosophie, Theater, Natur etc. mit dem erklärten
Ziel, ein Kunstwerk zu schaffen. Keineswegs sammelte er mit bloß
antiquarischem Eifer alle nur erinnerbaren Redefetzen, sondern unterzog
sich indessen der schwierigen Arbeit des Auswählens und Anordnens.
Folglich sprengt er häufig die Chronologie der Unterredungen, um die
thematischen Zusammenhänge einzelner Gespräche deutlich werden
zu lassen. Eckermanns Rolle in den Diskussionen ist die des manchmal geistreich,
manchmal naiv, stets aber beharrlich Nachfragenden. Immer wieder spornen
den Dichter die Ansichten und Gedanken seines Adlatus zu neuen Überlegungen,
Verallgemeinerungen und Erklärungen an - letztlich ein Spiegel der
goethischen Produktivität in den letzten Lebensjahren, welche gerade
in Bezug auf die Vollendung des „Faust II"
und des letzten Teils von „Dichtung und Wahrheit"
viel
vom Drängen und Insistieren des jungen Mitarbeiters und Freundes profitiert
hatte.
Bis 1848 beschäftigte Eckermann die
Niederschrift der „Gespräche". Die Aufarbeitung des Nachlasses,
zu dessen Verwalter ihn Goethe testamentarisch bestimmt hatte, und
die Besorgung einer neuen, vierzigbändigen Werkausgabe des
Dichters nahmen Eckermann zusätzlich in Anspruch. Doch auch diese
Tätigkeit gewährleistete nicht die erhoffte Lebenssicherung:
Kränklich und verschuldet blieb der beflissene Goethe-Adept bis zu
seinem Tod auf die spärlichen Zuwendungen des Weimarer Hofes angewiesen.
Literatur:
Heinrich Hubert Houben, Johann Peter Eckermann. Sein Leben mit Goethe,
2 Bde., Leipzig 1925-1928.
K. R. Mandelkow, Das Goethebild Johann Peter Eckermanns, in: Gratulatio.
Festschrift für Ch. Wegener, Hamburg 1963, S. 83-109.
Weitere Quelle: http://www.mdr.de/geschichte/personen/eckermann.htm |