Goethes Frauen
Faustina 

Goethe war 1786 ohne ein Sterbenswörtchen gegenüber seinem Dienstherrn von Karlsbad aus nach Italien gereist. Er war beruflich und privat frustriert: Politische Amtspflichten behinderten seine dichterischen Vorhaben, die Beziehung zur verheirateten Charlotte von Stein gestaltete sich kompliziert. So verordnete sich der Dichter eigenmächtig eine Reise nach Italien. Dort - besonders in Rom - hoffte er zu finden, was die meisten Bildungsreisenden damals in Italien suchten: Das Erlebnis der römischen Antike. 
Die 20 Römischen Elegien (sie waren bezeichnenderweise zunächst "Erotica Romana" überschrieben, vier weitere Elegien ließ Goethe unveröffentlicht wegen ihres freizügigen Inhalts) entstanden von 1788 bis 1790, als Goethe bereits wieder zurück in Weimar war. Sie belegen ein Rom - Erlebnis ganz eigener Art: Der Dichter unterhielt offenbar für einige Wochen ein unkompliziertes erotisches Verhältnis zu einer jungen Römerin, die er in der 18. Elegie mit dem erfundenen Namen "Faustine" bezeichnet. 
Was für den normalen Sterblichen ein erotisches Abenteuer geblieben wäre, erfährt bei Goethe eine anspruchsvolle literarische Verarbeitung. Bei ihm fließen das kulturelle und das erotische Rom - Erlebnis ineinander. Während in der ersten Elegie - vor der Liebesbegegnung - die ehrwürdigen Steine und Paläste Roms noch stumm bleiben, entführt die Anwesenheit der Geliebten in der fünften Elegie den Dichter in eine lebendig und gegenwärtig erlebte Antike.
Eine Bildungsreise im Bett, wenn man so will: Der Reisende entspricht seiner Bildungsabsicht, wenn er in einer Ruhepause ein Buch der "Alten" zur Hand nimmt, aber auch, wenn er die Fleisch und Blut gewordene Marmorstatue an seiner Seite betrachtet und auf ihren Rückenwirbeln das antike Versmaß nachzählt. Die antike Götterwelt und der Genius Roms erstehen vor seinem geistigen Auge, wenn er sich seiner höchst aktuellen Liebschaft zuwendet. In der vierten Elegie beschreibt das lyrische Ich, wie es die "Gelegenheit", die ihm zur Göttin wird, beim braungelockten Schopfe fasst. 
Die Unkompliziertheit und die von gesellschaftlichen Zwängen ungestörte sexuelle Erfüllung in seiner Beziehung zu "Faustine" erscheinen Goethe als Sinnbild einer "unschuldigen" Antike, in der Sinnenfreude noch kein Tabu war. ROMA - AMOR, das Wortspiel sagt es bereits: Ohne die Liebe wäre Rom nicht Rom! 
Das Entstehungsdatum der Elegien nach dem Italienaufenthalt lässt im Übrigen den Schluss zu, dass Goethes junge Liebe zu Christiane Vulpius (1788) ebenfalls in den Römischen Elegien ihren Niederschlag gefunden hat. 
Auch das Versmaß ist eine Reverenz an die Antike. Goethe schreibt die Römischen Elegien in so genannten elegischen Distichen, d.h. auf einen Hexameter folgt jeweils ein Pentameter, letzterer zu erkennen an der typischen Sprechpause in der Versmitte. Der Begriff "Elegie" bezeichnet übrigens ursprünglich nur das Versmaß; die Bedeutung "trauriges, wehmütiges Gedicht" kam erst viel später auf. Im Versmaß der Elegie hatten bereits die römischen Dichter Tibull, Properz und Ovid ihre Liebesfreuden und –nöte besungen; Goethe nennt sie scherzhaft die "Triumvirn" der Liebe und knüpft inhaltlich, formal und in der Namensgebung an deren Liebeselegien an.

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