Er wurde die Integrationsfigur eines "himmlichen Freundschaftszirkels" in Darmstadt, deren Mitglieder die Schönheit der freien Natur besangen, dem Nacktbaden frönten und sich die Darmstädter Empfindsamen nannten. Hier hatten sich auch Goethe und Merck kennen gelernt. Ohne Aussicht auf Gewinn hatte Merck 1772 Goethes Schrift Von deutscher Baukunst verlegt, ein Jahr später den Druck des Götz finanziert, als der Jungautor 1775 nach Weimar ging, hat er ihm das Fahr- und Zehrgeld vorgeschossen. Noch 1782, als die Distanz schon groß geworden war, dient er ihm als diskreter Financier, der "die Sache still traktierte" wie vom Minister gewünscht, obwohl die Summen, die es aufzutreiben galt, bisweilen beträchtlich waren. Als Merck dann selbst einmal in Schwierigkeiten gerät, distanziert sich der Olympier. Seinem Eckermann diktiert er 1829 in die Feder, "nicht edel und positiv genug" sei der langjährige Gönner gewesen. Nicht edel und positiv genug: Merck war ohne eigene Schuld gestrauchelt. Seine Frau Luise war, während er selbt seinen Fürsten nach Sankt Peterburg hat begleiten müssen, 1773 mit drei (Adelheid, Emanuel und Franz) Kindern zu ihren Eltern an den Genfer See gereist und hatte mit einem Patrizier aus Bern eine Affäre begonnen, die nicht ganz folgenlos blieb. Am 22. Juni 1774 - die Geburt des illigitimen Erdenbürgers steht unmittelbar bevor - ist Merck zu Besuch im Großen Hirschgraben, im September ist Goethe eine ganze Woche auf Gegenbsuch im Haus am Mathildenplatz in Darmstadt. Das Kind wird geboren, es wird weggegeben, in Frankfurt getauft und ist Wochen später tot. Die angeordnete Gerichtsuntersuchung kann keine Schuld bei Luise noch bei ihrem Mann entdecken. Das Verfahren wird eingestellt, aber der Fall ist öffentlich. Die Familie ist gesellschaftlich erledigt, Merck zum Gespött bei Hofe geworden, ein Höfling mit Hörnern, bestenfalls von der Muse geküsst. Es ist ausgeschlossen, dass der Winkeladvokat in seiner 30 Kilometer entfernten Heimatstadt vom gerichtsnotorisch gewordenen Skandal seines Verehrers, ersten Verlegers und Mäzens nichts mitbekommen hat. Er geht, zumindest menschlich, auf Distanz, was ihn aber nicht daran hindert, bevor er Ende Oktober 1775 nach Weimar geht, Merck ohne nähere Begründung um zehn Karolin Bargeld zu bitten. 1777 will auch Merck der trostlosen Lage in Darmstadt, dem "abscheulichen Ton dort" entkommen und den Schnitt mit der traumatischen Vergangenheit wagen, ein neues Glück im Herzogtum Sachsen - Weimar - Eisenach suchen. Ein Treffen mit Goethe auf der historischen Wartburg - nicht in Weimar - verläuft unbefriedegend. Goethe schreibt am 27. September ins Tagebuch. "Unbehaglichkeit und Ärger, vermehrt und gereizt durch Mercks Gegenwart". Aber Merck gibt nicht auf. Der Herzog hat Pläne, Merck ein neues Amt, ein neues Zuhause zu schaffen. Goethe hintertreibt sie, obwohl er Mercks Elend aus nächster Nähe kennt. Am 11. Januar schickt er Merck einen Brief, der nach Tilman Jens zum Widerwärtigsten gehört, was er in seinem langen Leben verfasst hat: "Der Herzog hatte etliche Male große Lust, dich als Cammerrat nach Eisenach zu haben, aber ich sagte ihm, alte Bäume verpflanzen sich nicht gut. Leb wohl!" Merck ist gerade 37 Jahre. Warum eigentlich ist des Olympiers charakterliche Diagnose Mercks aus Dichtung und Wahrheit, Merck habe einen mephistophelischen Charakter, so gutgläubig übernommen und tradiert worden. Wer ist hier der Teufel? 1778 ergibt sich eine neue Chance: Im Sommer begleitet Merck Herzogin Anna Amalia auf einer Rheinreise. Am Musenhof in Weimar kursieren Gerüchte, "die Herzogin würde einen neuen schönen Geist, den sie unterwegs aufgegabelt hätte, mitbringen, der sich Marcks nennte und (in Gemäßheit eines so kräftigen Namens) gar ein gewaltiger Kerl wäre" (Wieland). Merck will noch im Spätherbst anreisen. Goethe winkt ab, beißt ihn wieder weg. Allenfalls ein sechwöchiger Aufenthalt 1779 in Eisenach wird genehmigt, in sicherer Entfernung - eine Wegstunde - vom Hof. Merck diagnostiziert und Karl August Böttiger ergänzt: Mit Merck gehts kontinuierlich bergab: Wohin er auch schaut: Trümmer.
Die Ehe, vier tote Kinder, zuletzt stirbt der sechsjährige Karl Anton,
der verhasste Hof zu Darmstadt, Bankrott der Textilfabrik für
Invaliden und Waisen, die er nach schweizer Vorbild eingerichtet hat und
in die er sein ganzes Privatvermögen investiert hat. Er bittet Goethe
eindringlich um Hilfe. Der leitet das Gesuch auf dem Dienstweg weiter an
den Herzog. Er selbst hilft nicht.
Auf der Grundlage von: Tilamn Jens, Goethe und seine Opfer. Eine Schmähschrift. Düsseldoref (Patmos), 1999, S. 38 - 53 |