Goethes Opfer

Johann Heinrich Merck

Nicht eben eine glanzvolle Karriere hat Johann Heinrich Merck gemacht: er wurde Kriegsrat bei Herzog Ludwig von Darmstadt. Um so erstaunlicher ist es, dass er zum Kenner der bildenden Künste, zum strengen Kritiker und Wohltäter wurde, der nach Kräften Maler und Poeten förderte. So auch Goethe.
Er wurde die Integrationsfigur eines "himmlichen Freundschaftszirkels" in Darmstadt, deren Mitglieder die Schönheit der freien Natur besangen, dem Nacktbaden frönten und sich die Darmstädter Empfindsamen nannten.
Hier hatten sich auch Goethe und Merck kennen gelernt. Ohne Aussicht auf Gewinn hatte Merck 1772 Goethes Schrift Von deutscher Baukunst verlegt, ein Jahr später den Druck des Götz finanziert, als der Jungautor 1775 nach Weimar ging, hat er ihm das Fahr- und Zehrgeld vorgeschossen. Noch 1782, als die Distanz schon groß geworden war, dient er ihm als diskreter Financier, der "die Sache still traktierte" wie vom Minister gewünscht, obwohl die Summen, die es aufzutreiben galt, bisweilen beträchtlich waren. 
Als Merck dann selbst einmal in Schwierigkeiten gerät, distanziert sich der Olympier. Seinem Eckermann diktiert er 1829 in die Feder, "nicht edel und positiv genug" sei der langjährige Gönner gewesen. 
Nicht edel und positiv genug: Merck war ohne eigene Schuld gestrauchelt. Seine Frau Luise war, während er selbt seinen Fürsten nach Sankt Peterburg hat begleiten müssen, 1773 mit drei (Adelheid, Emanuel und Franz) Kindern zu ihren Eltern an den Genfer See gereist und hatte mit einem Patrizier aus Bern eine Affäre begonnen, die nicht ganz folgenlos blieb. Am 22. Juni 1774 - die Geburt des illigitimen Erdenbürgers steht unmittelbar bevor - ist Merck zu Besuch im Großen Hirschgraben, im September ist Goethe eine ganze Woche auf Gegenbsuch im Haus am Mathildenplatz in Darmstadt. 
Das Kind wird geboren, es wird weggegeben, in Frankfurt getauft und ist Wochen später tot. Die angeordnete Gerichtsuntersuchung kann keine Schuld bei Luise noch bei ihrem Mann entdecken. Das Verfahren wird eingestellt, aber der Fall ist öffentlich. Die Familie ist gesellschaftlich erledigt, Merck zum Gespött bei Hofe geworden, ein Höfling mit Hörnern, bestenfalls von der Muse geküsst.
Es ist ausgeschlossen, dass der Winkeladvokat in seiner 30 Kilometer entfernten Heimatstadt vom gerichtsnotorisch gewordenen Skandal seines Verehrers, ersten Verlegers und Mäzens nichts mitbekommen hat. Er geht, zumindest menschlich, auf Distanz, was ihn aber nicht daran hindert, bevor er Ende Oktober 1775 nach Weimar geht, Merck ohne nähere Begründung um zehn Karolin Bargeld zu bitten.
1777 will auch Merck der trostlosen Lage in Darmstadt, dem "abscheulichen Ton dort" entkommen und den Schnitt mit der traumatischen Vergangenheit wagen, ein neues Glück im Herzogtum Sachsen - Weimar - Eisenach suchen. 
Ein Treffen mit Goethe auf der historischen Wartburg - nicht in Weimar - verläuft unbefriedegend. Goethe schreibt am 27. September ins Tagebuch. "Unbehaglichkeit und Ärger, vermehrt und gereizt durch Mercks Gegenwart". Aber Merck gibt nicht auf. Der Herzog hat Pläne, Merck ein neues Amt, ein neues Zuhause zu schaffen. Goethe hintertreibt sie, obwohl er Mercks Elend aus nächster Nähe kennt. Am 11. Januar schickt er Merck einen Brief, der nach Tilman Jens zum Widerwärtigsten gehört, was er in seinem langen Leben verfasst hat: "Der Herzog hatte etliche Male große Lust, dich als Cammerrat nach Eisenach zu haben, aber ich sagte ihm, alte Bäume verpflanzen sich nicht gut. Leb wohl!" Merck ist gerade 37 Jahre
Warum eigentlich ist des Olympiers charakterliche Diagnose Mercks aus Dichtung und Wahrheit, Merck habe einen mephistophelischen Charakter, so gutgläubig übernommen und tradiert worden. Wer ist hier der Teufel?
1778 ergibt sich eine neue Chance: Im Sommer begleitet Merck Herzogin Anna Amalia auf einer Rheinreise. Am Musenhof in Weimar kursieren Gerüchte, "die Herzogin würde einen neuen schönen Geist, den sie unterwegs aufgegabelt hätte, mitbringen, der sich Marcks nennte und (in Gemäßheit eines so kräftigen Namens) gar ein gewaltiger Kerl wäre" (Wieland). Merck will noch im Spätherbst anreisen. Goethe winkt ab, beißt ihn wieder weg. Allenfalls ein sechwöchiger Aufenthalt 1779 in Eisenach wird genehmigt, in sicherer Entfernung - eine Wegstunde - vom Hof. Merck diagnostiziert und Karl August Böttiger ergänzt:

Mit Merck gehts kontinuierlich bergab: Wohin er auch schaut: Trümmer. Die Ehe, vier tote Kinder, zuletzt stirbt der sechsjährige Karl Anton, der verhasste Hof zu Darmstadt, Bankrott der Textilfabrik für Invaliden und Waisen, die er nach schweizer Vorbild eingerichtet hat und in die er sein ganzes Privatvermögen investiert hat. Er bittet Goethe eindringlich um Hilfe. Der leitet das Gesuch auf dem Dienstweg weiter an den Herzog. Er selbst hilft nicht. 
Der Herzog hilft durch eine Bürgschaft von 4000 Talern. Als die Dokumente beim frankfurter Bankier Willemer eintreffen, hat Darmstadts Erbprinz dem verdienten Untertan seine Schulden schon erlassen. Pikant , dass der Minister 1814 während seiner Reise an den Rhein und die Main - Neckar - Gegend in Wiesbaden von eben diesem Bankier begrüßt wird und mit dessen Pflegetochter und späterer Frau Marianane Jung (Willemer) eine ausführliche Affäre beginnt, die er in den Suleikaliedern des West - östlichen Divan veredelt.
Aber Merck steht nun vor dem Nichts. So tröstet Goethe ihn am 10. November 1788: "Lebe wohl, ich bin zufrieden und vergnügt." Ein letzter Fußtritt. Merck nimmt sich 1791 mit 50 Jahren das Leben. Am frühen Morgen des 27. Juni 1791, einem Montag, reitet er von seinem Haus in Arheilgen nach Darmstadt, nimmt den angestammten Platz am Schreibtisch ein und gibt sich die Kugel. Doktor Reulings stellt drei Tage später im Obduktionsbericht fest, "dass sich der Verstorbene diese durchaus tödtliche und unheilbare Schusswunde in einem heftigen Anfall der Melancholie zugefügt habe"Goethe verliert über den Toten kein Wort. Nicht an die Witwe, nicht an die drei Kinder, die nun Waisen sind, kein Eintrag ins Tagebuch. Endlich ist Schweigen.

Biographie


Auf der Grundlage von: Tilamn Jens, Goethe und seine Opfer. Eine Schmähschrift. Düsseldoref (Patmos), 1999, S. 38 - 53