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Goethes Frauen
Levetzow,
Ulrike Theodore Sophie
(1804 - 1899)
Jahr für Jahr erholt sich Goethe in
den böhmischen Bädern, seit 1821 im gemütlichen Marienbad.
Da trifft er nun Frau von Levetzow
wieder, die er 1806 in Karlsbad kennen gelernt. Sie kurt hier mit ihren
drei Töchtern: Ulrike, Amalie und Bertha.
Ulrike
ist frisch aus Straßburg angereist. Sehr schmal, sehr fein, mit blauen
Augen und blondem Haar. Wehmütige Gedanken steigen in Goethe auf.
Straßburg, Friederike Brion ... Und Ulrike, das hübsche Kind
von 17 Jahren, das nie eine Zeile von Goethe
gelesen, plaudert ganz unbefangen daher, sitzt neben dem 72-jährigen
Geheimrat auf der Gartenbank vor der Pension und beschwört längst
vergessene Träume:
Ich ging, du
standest und sahst zur Erden,
und sahst mir
nach mit nassem Blick
... eine Ewigkeit ist das her.
Aber alt? Ist er denn zu alt? Ziehen nicht
morgens schon an seinem Fenster junge Damen vorbei, wenn er noch im Schlafrock
ist? Was hatte Napoleons kluge Feindin, Madame de Stael, einmal zu ihm
gesagt: Sie brauchen die Verführung! So ist es. Und weil die kleine
Ulrike von selbst nicht darauf kommt, auch nicht im nächsten und übernächsten
Jahr, hilft Goethe ein bisschen nach.
Er liest ihr vor, er schaut ihr zu, wenn
sie auf Bällen an ihm vorbeiwirbelt, doch, das macht die Kleine stolz.
Sie sieht ja, wie alle sich um Goethes Gesellschaft reißen, wenn
er tags am Brunnen promeniert.
Sie besucht ihn also auf der Terrasse,
sie verjüngt ihn noch einmal, verführt ihn mit Blicken zu einem
ganz und gar verrückten Traum: Er will sie heiraten. Doch,
das will er. Er geht zu einem Arzt, fragt, ob das in seinem Alter schaden
könne. Nein, kann es nicht. Dann der nächste Schritt: Ein Brautwerber
muss her, ein herrschaftlicher, der Großherzog Carl August. Der kurt
1823
auch in Marienbad. Der soll für ihn um Ulrikes Hand anhalten. Der
Herzog hält seinen alten Freund für übergeschnappt und lacht
ihn aus. Aber Goethe ist nicht zum Lachen zumute. Na gut, dann in Gottes
Namen.
Die Witwe von Levetzow ist sprachlos.
Was soll sie dazu sagen. Und fragt, was wohl Goethes Familie sagen wird?
Der Sohn? Die Schwiegertochter? Der Herzog bietet für Ulrike eine
hohe Pension an, falls Goethe, was wohl anzunehmen sei, vor ihr stürbe.
Und er würde dem Brautpaar auch ein neues Haus am Schloss spendieren.
Frau von Levetzow ist das ungemein ehrenvoll,
wie sie sagt, aber in Wahrheit ist es ihr nur peinlich. Ihre Tochter ist
neunzehn. Goethe ist ein Greis. Wenn auch ein ansehnlicher. Also, sie müsse
das mit ihrer Tochter bereden, sagt sie, man dürfe da nichts übereilen.
Dann packt sie die Koffer und fährt mit den Töchtern erst mal
nach Karlsbad.
Es dauert nicht lang, da reist Goethe
hinterdrein. Also gut. Sie feiern seinen Geburtstag. Alle drei Levetzow-Töchter
tragen kleine Verse vor. Fortgesetzte Lustigkeit, schreibt Goethe im Tagebuch.
Dann der Abschied. Ein Küsschen von Ulrike. Und Goethe hofft noch
immer.
Natürlich hat sich alles in Weimar
rumgesprochen. Wer auch immer geplaudert haben mag, die Witwe, der Herzog,
der Arzt. August und Ottilie toben am Frauenplan. Sie sehen ihr Erbe davonfliegen.
Sie werden wegziehen, wenn das junge Ding ja sagt. Goethe versteinert.
Das junge Ding sagt nicht ja. Und Goethe,
unendlich unglücklich, verzweifelt, enttäuscht, wird mal wieder
krank. Mag nicht mehr. Es ist ja doch alles aus. Freund Zelter
eilt aus Berlin zu Hilfe. Er klingelt. Niemand macht auf. Er rüttelt
an der Tür. Trübe Augen gucken aus einem Fenster. Wohnt hier
der Tod? Wo ist der Herr? So beschreibt der resolute Musiker die Szene
in seinem Tagebuch.
August kommt: Vater ist nicht wohl, krank,
recht krank. - Er ist tot! - Nein, nicht tot, aber sehr krank.
Zelter stürmt hoch zum Patienten.
Was finde ich? Einen, der aussieht, als hätte er Liebe im Leibe. Er
verabreicht dem Hypochonder Naturheilmittel und befehligt ihm, gesund zu
werden. Und er wird. Und schreibt die 'Marienbader
Elegie',
die für den greisen Götterliebling düster endet:
Sie drängen
mich zum grabeseligen Munde,
Sie trennen mich
- und richten mich zu Grunde.
[Bearbeitet nach: Birgit
Lahann/Ute Mahler: Der alte Mann und das Heer der Fans; In: Stern Nr. 37
vom 9. September 1999]
Ulrike, die mit 95 Jahren unverehelicht starb, hat im Alter auf Befragen
immer wieder nur antworten können: "Keine
Liebe war es nicht". |