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Goethes Frauen
Goethe und Christiane (eigentlich
Johanna Christiane Sophie) Vulpius / von Goethe
( 1765 - 1816 )
Sie läuft über die Wiese, dass
die Locken tanzen, rennt, rafft das Sommerkleid mit der Rechten, hält
den Brief in der Linken, den Bittbrief vom Bruder. Der ist für Goethe.
Sie passt ihn ab im Park, als er aus seinem Gartenhaus kommt. Braungebrannt
noch von Italien. Er ist ja erst seit drei Wochen
wieder in Weimar. Und sie rennt direkt auf ihn zu: Christiane Vulpius,
die herbe Schöne mit den hohen Backenknochen und der Kerbe in den
Lippen und den Haaren, die sich wild ums Gesicht ringeln [Bild].
Sie knickst und bittet für den Bruder,
einen begabten Romanschreiber, der in finanzieller Notlage ist. Sie tut
das nicht demütig, nicht kniefällig, sie bittet ernst und plaudert
drauflos und lächelt ihn an aus braunen Augen. Ihr Blick schlägt
ein bei ihm.
Endlich ein offenes Gesicht! Wie ist er
denn empfangen worden im kleinkarierten Weimar? Kalt und steif. Und Frau
von Stein war schwer beleidigt. Seine
flehentlichen, fußfälligen Bitten, ihm die Rückkehr aus
dem römischen Paradies doch zu erleichtern, hatte sie ohne Herz beantwortet.
Goethe sei sinnlich geworden, sagt sie angewidert. Und sinnlich heißt
bei ihr, die das Asexuelle zum Ideal erhoben, so viel wie aussätzig.
Und nun dieses Mädchen. Ein Naturwesen.
Frisch, lachend, leicht erhitzt. Goethe ist bezaubert und beglückt.
Sie werden noch am selben Tag miteinander schlafen. Es ist der 12. Juli
1788.
Ein Tag mit Folgen. Denn die 23-Jährige
ist ein Mädchen aus dem Volk. Für den Hof unterste Kiste. Proletarierin.
Arbeitet in der Fabrik. Näht Seidenblumen. Die Eltern tot. Der Bruder
ohne Geld in Nürnberg. Tante und Halbschwester leben von dem, was
Christiane verdient. Und nun ist sie die heimliche Geliebte von Goethe.
Und der igelt sich oft für Stunden mit ihr im Gartenhaus ein.
Was macht der da bloß?, fragen die
Herrschaften vom Hofe. Sie werden es bald in Hexametern lesen können,
wie Christiane: Wie sie des Tags mich erfreut,
wie sie des Nachts mich beglückt.
Aber noch weiß es niemand, Frau
Herder
tuschelt nur, und Frau von Stein ist äußerst irritiert und misstrauisch.
Sie will wieder umworben werden. Natürlich. Sie zitiert Goethe auf
ihr Gut nach Kochberg. Freundlich-kühl. Er kommt und kommt das nächste
Mal nicht. "Die Witterung macht mich ganz unglücklich",
schreibt er an sie. Er möchte in seinem Stübchen bleiben, ein
Kaminfeuer anmachen, und dann mag es regnen wie es will. Und überhaupt:
Wie kann man leben, wenn das Barometer tief steht?
Außreden. Alles Ausreden. Es geht
ihm prächtig. Er liegt warm bei seinem Bettschatz, mit dem er aufzuholen
scheint, was er Jahre versäumt. Schlosser Spangenberg jedenfalls schickt
eine Rechnung nach der anderen: Bett beschlagen, 6 Paar zerbrochene Bänder
dazu mit Nägeln... ein Neu gebrochenes Bette beschlagen... Noch ein
Neu Bette beschlagen zum Unterschieben. Damit das obere besser hält.
Denn:
Uns ergötzen
die Freuden des echten nacketen Amors
Und des geschaukelten
Betts lieblicher knarrender Ton.
Fast neun Monate bleibt die Liaison verborgen.
Dann steht plötzlich der junge Fritz von Stein
im Gartenhaus. Er sucht Goethe, seinen Ziehvater, und findet Christiane.
Goethe hat eine Geliebte! Der Satz rast
durch Weimar. Vulpius? Ja. Die aus der Fabrik? E un bel pezzo di carne,
ein herrliches Frauenzimmer. Nein. Ein Blumenmädchen. Wie bitte? "Die
ist eine allgemeine H. vorher gewesen", sagt Herders Frau entrüstet.
Hure, so ein Wort nimmt sie natürlich nur abgekürzt in den Mund.
Er hat also die junge Vulpius zu seinem Klärchen gemacht. Charlotte
von Stein ist wie vor den Kopf geschlagen. Sie erinnert sich an ihren Streit
mit Goethe um dieses Bürgerkind im 'Egmont'.
Degoutant, so eine Figur. Und er hatte ihr vorgeworfen, die Nuance zwischen
Dirne und Göttin nicht zu kennen. Nun ist das Wirklichkeit. Sie ist
gelähmt, gekränkt, verbittert, eifersüchtig. Sieht auch
ihr ganzes Erziehungswerk wanken. Und sieht sich selber lächerlich
gemacht vor der Hofgesellschaft.
Und Goethe? Ist verwirrt. "Wie sehr ich
dich liebe", schreibt er an Charlotte von Stein, "wie sehr ich meine Pflicht
gegen dich und Fritzen kenne, habe ich durch meine Rückkunft aus Italien
bewiesen". Aber sie habe ihn kühl und unfreundlich aufgenommen.
Er schwankt zwischen Wut und Demut. Wird
auch scharf: Sie trinke wohl zu viel Kaffee. Das verstärke ihre Hypochondrie.
Schon vor zehn Jahren hatte er in 'Wilhelm Meisters
theatralischer Sendung' über die verderbliche Bohne geschrieben,
die seinen Helden bis an die Pforten des Todes bringt.
Aber dann buhlt er auch wieder. Er braucht
sie ja. Auch als Fürsprecherin. Die Hofdame von Stein hat schließlich
Einfluss. Und warum nicht zu dritt leben? Die edle Dame für den Geist,
den handfesten Küchenschatz fürs Bett.
Er hat sich diesen Wunschtraum doch vor
Jahren schon erdichtet: 'Stella'
heißt das kleine Drama in fünf Akten. Da nehmen sich am Ende
zwei Frauen, die denselben Mann lieben, schwesterlich in die Arme. Die
eine hochherzig, die andere sinnlich. Und Fernando selig mittendrin.
Ja, das würde ihm wohl so passen!
Verrat. Alles Verrat für Charlotte von Stein. Dieses unzüchtige
Verhältnis soll sie tolerieren? Ihren Dichter mit einer Mamsell Vulpius
teilen? Niemals!
Wo sind die Zeiten, da Goethe ihr aus
Jena süße Trauben in einer Schachtel schickte? Vorbei. Vorbei
auch sein Streben nach Vollkommenheit. Goethe ist für sie unters Gewürme
gegangen.
Jahrelang werden die beiden kaum ein Wort
mehr miteinander wechseln. "Wohl denen, die die
Kraft haben, das Leben wegzuwerfen", schreibt sie an einen Freund.
Es geht ihr nicht gut. Ihr Mann liegt nach einem Schlaganfall zu Hause.
Muss gepflegt werden. Kann nur noch ja und nein sagen. Und Goethe, ihr
ganzes Glück, ist verloren.
Aber Goethe ist im Glück. Er bedichtet
Christiane, sein kleines Erotikon, schreibt ihr die 'Römischen Elegien'
auf den prallen Leib. Und sie kocht für ihn und trinkt mit ihm Champagner
und plappert dabei in breitem Thüringisch, ganz unbefangen, ganz unverbildet,
wirbelt bald auch mit unfrisiertem Lockenkopf durchs Haus am Frauenplan,
wäscht, putzt, pflanzt und tanzt für ihr Leben gern. Nur lesen
mag sie nicht. Liest auch kaum was von Goethe. Nur mal bei üblem Wetter
oder aus Langeweile.
Als sie schwanger ist, steht Goethe fest
zu ihr. Sonst wäre sie verloren. Unehelicher Beischlaf ist Hurerei.
Für eine uneheliche Geburt muss Strafe gezahlt werden. Oberhofprediger
Herder,
der höchste Geistliche im Land, kassiert drei Reichstaler pro Bankert.
Wenn er nicht da ist, steckt seine Frau die Gelder in die Haushaltskasse.
Goethe regelt das also mit der Schwangerschaft. Also keine peinlichen Fragen,
keine Schwurhand - wer war der Vater? Schwören Sie! - Aber Goethe
hält sich nicht an die Spielregeln der Oberschicht. Verhältnisse,
Mätressen, Liebschaften? Alles erlaubt. Aber bitte diskret. Und was
tut Goethe? Lebt vor aller Augen in wilder Ehe. Und das im feinen Haus
am Frauenplan, einen Sprung vom Hof des Herzogs entfernt. Das geht nicht.
Goethe muss umziehen. Muss mit der hochschwangeren
Christiane, deren Schwester und Tante raus vor die Tore Weimars. Ins Jägerhaus.
Zu Hühnern, Frettchen und Fasanen. Die Köchin muss er entlassen,
den Diener auch. Kein Platz mehr. Welch eine Schmach für Goethe. Welch
eine Demütigung. Und als am 25. Dezember 1789
dem 40-jährigen Kindernarr der Sohn August
geboren wird, beginnen Klatsch und Tratsch von vorne. Seht die Hure mit
dem Bankert! Armer Goethe!
Das ist die Zeit, in der Goethe seinen
'Tasso' zu
Ende schreibt. "Tasso ist Bein von meinem Bein",
sagt er, "und Fleisch von meinem Fleisch".
Tasso, der Hofpoet, der für einen kleinen Kreis dichtet, Goethe, der
Dichter bei Hofe, lässt Tasso wahnsinnig werden und rettet so sich
selbst vorm Absturz. Wie damals beim Werther,
dem Goethe auch das eigene Elend in die Schuhe schob. Werther musste sich
erschießen, damit Goethe leben konnte. Und er hört es gern,
dass ein Kritiker schreibt: "Tasso ist der gesteigerte Werther. Tasso ist
vor allem das Genie". Und Genie kann man nicht heilen, nicht retten. Genie
ist ein Zustand. Genie kann mehr als alle. Tasso erklärt es am Ende:
Und wenn der
Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott,
zu sagen, wie ich leide.
Aus dem Feldlager vor Verdun
schickt er Christiane verzuckerte Gewürzkörner, die berühmten
Verdun-Dragees. Und bei Regen reitet er los und macht Experimente mit Tonscherben
in Wassertümpeln, erledigt auch die Dienstpost für den Herzog
und schreibt Briefe an sein Erotikon: Ach, mein Liebchen! es ist nichts
besser als beisammen zu sein ... Schreibt auch, dass er eifersüchtig
ist. Stellt sich vor, dass andere ihr besser gefallen könnten, weil
ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst.
Er freut sich, dass sie in seiner Abwesenheit
das Haus am Frauenplan auf Vordermann bringt. "Mache
nur, dass unser Häuschen recht ordentlich wird", schreibt
er. Und klagt: "Wir sind so nah an Champagne und
finden kein gut Glas Wein". Er weiß, das wird am Frauenplan
anders, wenn nur erst mein Liebchen Küche und Keller besorgt. Schon
vor mehr als zwanzig Jahren hat er doch ins Tagebuch geschrieben: Ohne
Wein und ohne Weiber / Hol der Teufel unsre Leiber!
Auf Umwegen
trifft er kurz vor Weihnachten wieder in Weimar ein. Nun wieder am Frauenplan.
Christiane, das Liebchen, hat die Umbauten beaufsichtigt, die große
Treppe mit den flachen Stufen, auf denen es sich so herrschaftlich hochsteigen
lässt, den Kamin, den Umzug, den Einzug mit Tante, Schwester, Dienern.
Alles wie früher. Und was sie inzwischen alles kochen kann! Hahn in
Austernsauce, Krebse mit Anis und Dill, Froschkeulen, Fasane und Gänse
mit Kastanien.
Goethe
wird ein kleines Lehrgedicht für seinen Schatz machen:
Immer
ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen
Häuslicher
Tugend entgegen, den klugen Mann zu beglücken.
Wünscht
sie denn endlich zu lesen, so wählt sie gewisslich ein Kochbuch.
Weil Mainz
mit den französischen Revolutonstruppen paktiert, muss es belagert
werden. Die Belagerung von Mainz dauert. Christiane ist wieder schwanger,
August hat die Blattern, Goethe plagen im Hauptquartier die Wanzen: "Aber
sonst", schreibt er nach Hause, "fehlt es an nichts und es ist viel lustiger
als vor dem Jahre".
Liebesbriefe
gehen hin und her zwischen Goethe und Christiane. "Du Süßer",
schreibt sie, "August redet immer von Dir und lernt fleißig sein
abc". Aber ihre Gurken im Garten seien eingegangen.
"Tröste dich ja über deine Gurken", antwortet Goethe und erzählt,
wie Mainz nach und nach vor ihren Augen verbrennt.
Wieder
aus Mainz zurück hält er Hof. Gibt Soireen, Soupers, Dejeuners.
Die Creme des Stadtadels kommt, und die Creme des Geistes klingelt an,
Hölderlin, Hegel, Kleist, Jean Paul, Schelling, auch Herder und Wieland
natürlich, die Freunde. Und Bertuch kommt, der reichste Fabrikant
von Weimar, bei dem Christiane in der Fabrik Seidenblumen genäht und
dem Goethe und sein Herzog einst mit Peitschen das Mobiliar zerschlagen.
Und Christiane?
Sie kocht und brät und backt und schmückt die Tafel für
die feine Herrschaft. Wenn die Gäste kommen, verschwindet sie. In
die Küche oder in ihr Zimmer. Sie ist noch immer der Makel an Goethe.
Sie nimmt
das hin. Klagt nicht. Klagt nur, wenn ihre Kinder sterben. Und es sterben
vier. Kommen gesund zur Welt und sind ein paar Tage später tot. Steckfluss,
heißt es im Weimarer Totenbuch.
Zu jener
Zeit, als Goethe seine Gesellschaften gibt, ist auch Karl
August Böttiger, Direktor des Weimarer Gymnasiums, Gast
am Frauenplan. Welch himmlisches Idyll beschreibt
er in der wohlgeheizten Stube: Dahin der Apoll aus Italien. Dick sei Goethe
geworden. Seine Augen sitzen im Fett der Backen, und die Haare gehen ihm
aus. Sitzt da im Lehnstuhl, eine weiße Mütze auf dem Kopf, das
Moltumjäckchen über Flauschhosen, die Pantoffeln runtergetreten,
die Strümpfe ziehen Wasser, Klein-August schaukelt auf seinen Knien,
und zu seiner Rechten sitzt Donna Vulpia mit dem Strickstrumpf.
[Bearbeitet nach: Birgit Lahann/Ute Mahler: Der Dichter und die Hure von Weimar. In:
"Stern" Nr. 38 vom 16. September 1999
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