Zeitgenossen Goethes
Goethe in Wetzlar
Karl Wilhelm Jerusalem und der Wertherroman
 

Karl Wilhelm Jerusalem wurde 1747 als einziger Sohn des Konsistorialvizepräsidenten und herzoglich - braunschweigischen Hofpredigers Friedrich Wilhelm Jerusalem geboren. Er kam mit der Visitation des Reichskammergerichts als Sekretär des braunschweigischen Gesandten Hofrat Johann Jakob von Höfler (1714-1781) nach Wetzlar. Dieser Vorgesetzte erschwerte ihm mit allen Mitteln die ohnehin schon unbefriedigende Arbeit, die er verrichten musste. Denn Jerusalem war von hoher Bildung und Herkunft: Er war befreundet mit Gotthold Ephraim Lessing und interessierte sich für die kritische Richtung der englischen Philosophie, er stammte aus einem kultivierten Elternhaus, das ihn zu Korrektheit in Kleidung und Auftreten erzogen hatte und ihm außerdem das Wohlwollen des braunschweigischen Hofes sicherte. Anfangs wehrte sich Jerusalem gegen die Verunglimpfungen und Diffamierungen von Höflers, mit der Zeit wurde seine Einstellung jedoch immer unerträglicher, was sich auch in seinem Umzug in die Wohnung im Haus des Buchdruckergesellen Ernst Winckler widerspiegelt, der im angrenzenden Haus die erste Druckerei Wetzlars einrichtete. 
Die Probleme Jerusalems mit seinem Vorgesetzten ließ Goethe auch in seinen Werther einfließen: 
"Ich fürchte, mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht mehr lange aus. Der Mann ist ganz und gar unerträglich".
Der unmittelbare Auslöser für Jerusalems Selbstmord war wohl die unerwiderte Liebe zur Ehefrau des pfälzischen Legationssekretärs, Frau Elisabeth Herd. Und so endete das Leben des Gesandtschaftssekretärs Karl Wilhelm Jerusalem, nur kurze Zeit vor einem beruflichen Aufstieg in eine von seinem Vater vermittelte Stelle, der für ihn das Entkommen aus der für ihn nur noch tristen Wetzlarer Welt bedeutet hätte.
Goethe erfuhr von dem Freitod Jerusalems durch Kestner. Dieser hatte Jerusalem tragischerweise die Pistole geliehen, mit der er sich erschoss. 
Um sich näher über die Umstände seines Freitodes zu informieren, kam Goethe Anfang November 1772 für kurze Zeit noch einmal nach Wetzlar. Gespräche mit Personen, die Jerusalem nahegestanden hatten, und eigene Erinnerungen bilden die Grundlage für den Roman "Die Leiden des jungen Werthers". Er übernimmt sogar Passagen aus Kestners Benachrichtigung über Jerusalems Tod wörtlich.
Seine eigenen Erlebnisse des Sommers 1772 veranlassten Goethe diese mit dem Schicksal Jerusalems zu vermischen, das im Werther im zweiten Teil immer mehr in den Vordergrund rückt. [ Zitat (Werther) Zitat (Goethe) ]
Jerusalem wurde auf dem nahegelegenen Friedhof beigesetzt, wo man auch heute noch seinen Grabstein sehen kann. "Kein Geistlicher hat ihn begleitet", (Werther), da der Suizid damals als besonders verwerflich galt.
Letzteres war ein wichtiger Grund für die Kontroversen über Goethes Roman, die zum Beispiel in Leipzig sogar zum Verbot des Romans wegen »Verführung zum Selbstmord« führten. Der Bischof von Derby, Lord Bristol, warf Goethe ebendies vor, und der antwortete sehr zynisch: "Und nun wollt Ihr einen Schriftsteller zur Rechenschaft ziehen und ein Werk verdammen, das, durch einige beschränkte Geister falsch aufgefasst, die Welt höchstens von einem Dutzend Dummköpfen und Taugenichtsen befreit hat, die gar nichts Besseres tun konnten, als den schwachen Rest ihres bisschen Lichtes vollends auszublasen".
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