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Laokoon-Gruppe (1. Jahrhundert v. Chr.),
Vatikanische Museen
Die sogenannte Laokoon-Gruppe aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., die den
trojanischen Priester und seine beiden Söhne im Kampf mit zwei Seeschlangen
zeigt, befand sich einst im Besitz des Papstes Julius II. und gehört
heute zu den Höhepunkten der Vatikanischen Sammlungen. Wie kaum ein
anderes Werk der Antike beeinflusste es die bildende Kunst des Klassizismus
und die Gedankenwelt Lessings, Winckelmanns und Goethes. |
Zeitgenossen Goethes
Winckelmann,
Johann Joachim
(1717-1768)
Edle Einfalt
und stille Größe
Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen
der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und
eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke.
So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag
noch so wüten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen
bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele. Diese Seele
schildert sich in dem Gesicht des Laokoons, und nicht in dem Gesichte allein,
bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln
und Sehnen des Körpers entdecket, und den man ganz allein, ohne das
Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen
Unterleibe beinahe selbst zu empfinden glaubet; dieser Schmerz, sage ich,
äußert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der
ganzen Stellung. Er erhebet kein schreckliches Geschrei, wie Vergil von
seinem Laokoons singet: Die Öffnung des Mundes gestattet es nicht;
es ist vielmehr ein ängstliches und beklemmtes Seufzen ... Der Schmerz
des Körpers und die Größe der Seele sind durch den ganzen
Bau der Figur mit gleicher Stärke ausgeteilet und gleichsam abgewogen.
Laokoon leidet, ... sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten,
wie dieser große Mann, das Elend ertragen zu können.
Der Ausdruck einer so großen
Seele gehet weit über die Bildung der schönen Natur: Der
Künstler musste die Stärke des Geistes in sich selbst fühlen,
welche er seinem Marmor einprägete. Griechenland hatte Künstler
und Weltweisen in einer Person ... . Die Weisheit reichte der Kunst die
Hand, und blies den Figuren derselben mehr als gemeine Seelen ein.
Unter einem Gewande, welches der Künstler
dem Laokoon als einem Priester hätte geben sollen, würde uns
sein Schmerz nur halb so sinnlich gewesen sein. Bernini
hat sogar den Anfang der Wirkung des Gifts der Schlange in dem Schenkel
des Laokoons an der Erstarrung desselben entdecken wollen.
Alle Handlungen und Stellungen der griechischen
Figuren, die mit diesem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, sondern
gar zu feurig und zu wild waren, verfielen in einen Fehler, den die alten
Künstler Parenthyrsis (= übertriebenes, unpassendes
Pathos - d.V.) nannten.
Je ruhiger der Stand des Körpers
ist, desto geschickter ist er, den wahren Charakter der Seele zu schildern:
in allen Stellungen, die von dem Stande der Ruhe zu sehr abweichen, befindet
sich die Seele nicht in einem gewaltsamen und erzwungenen Zustande. Kenntlicher
und bezeichnender wird die Seele in heftigen Leidenschaften; groß
aber und edel ist sie in dem Stande der Einheit, in dem Stande der Ruhe.
Im Laokoon würde der Schmerz, allein gebildet, Parenthyrsis gewesen
sein; der Künstler gab ihm daher, um das Bezeichnende und das Edle
der Seele in eins zu vereinigen, eine Aktion, die dem Stande der Ruhe in
solchem Schmerze der nächste war. Aber in dieser Ruhe muss die Seele
durch Züge, die ihr und keiner andern Seele eigen sind, bezeichnet
werden, um sie ruhig, aber zugleich wirksam, stille, aber nicht gleichgültig
oder schläfrig zu bilden.
Aus: Gedanken über die Nachahmung
der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst von Johann
Joachim Winckelmann |