Johann Wolfgang von Goethe
Aus dem Tagebuch der Reise in die Schweiz

 
  Ursprüngliche Fassung
15. Junius 1775, aufm Zürichersee.

Ich saug' an meiner Nabelschnur 
Nun Nahrung aus der Welt. 
Und herrlich rings ist die Natur, 
Die mich am Busen hält. 
Die Welle wieget unsern Kahn 
Im Rudertakt hinauf, 
Und Berge wolkenangetan 
Entgegnen unserm Lauf.

Aug' mein Aug', was sinkst du nieder? 
Goldne Träume, kommt ihr wieder? 
Weg, du Traum, so gold du bist, 
Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken 
Tausend schwebende Sterne, 
Liebe Nebel trinken 
Rings die türmende Ferne, 
Morgenwind umflügelt 
Die beschattete Bucht, 
Und im See bespiegelt 
Sich die reifende Frucht.

Spätere Fassung
Auf dem See

Und frische Nahrung, neues Blut 
Saug' ich aus freier Welt; 
Wie ist Natur so hold und gut, 
Die mich am Busen hält! 
Die Welle wieget unsern Kahn 
Im Rudertakt hinauf, 
Und Berge, wolkig himmelan, 
Begegnen unserm Lauf.

Aug' mein Aug', was sinkst du nieder? 
Goldne Träume, kommt ihr wieder? 
Weg, du Traum, so gold du bist, 
Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken 
Tausend schwebende Sterne, 
Liebe Nebel trinken 
Rings die türmende Ferne, 
Morgenwind umflügelt 
Die beschattete Bucht, 
Und im See bespiegelt 
Sich die reifende Frucht.


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