Johann Wolfgang von Goethe
West - östlicher Divan
Gedichtzyklus von Johann Wolfgang von Goethe, erschienen 1819, erweitert 1827.
Wie die Hinwendung zur klassischen Antike Goethes ersten großen Gedichtzyklus, die Römischen Elegien, bestimmt hatte, so gab ihm die Begegnung mit der orientalischen Poesie, vor allem die Lektüre des Divan des persischen Dichters Hafez (1317/25 bis 1389/90), den er im Juni 1814 kennenlernte, den geistigen Anstoß zu seinem West - östlichen Divan. Goethe behielt die persische Bezeichnung »Divan« für die Gedichtsammlung bei, während er mit »west-östlich« die Begegnung zweier Kulturen und zweier Literaturen, das Bekenntnis des westlichen zu einem östlichen Dichter, charakterisieren wollte. Goethe empfand er vor allem die für die orientalische Dichtung charakteristische Verbindung von Leidenschaft und Geist, den Wechsel von mystischem Ergriffensein und Ironie, die hohe Bewusstheit eines geistreichen Spiels als seinem eigenen Altersstil verwandt. 
Zu der geistigen Anregung durch die Hafis - Lektüre kam das Gefühl körperlicher und geistiger Verjüngung, einer »wiederholten Pubertät«. Seit der Erstarrung nach F. Schillers Tod im Jahre 1805, da er sein dichterisches Werk als abgeschlossen ansah, empfand er zum erstenmal ein Wiederaufleben seiner schöpferischen Kräfte. Er entschloss sich im Juli 1814 zu einer Reise in die Gegend um Rhein, Main und Neckar, wie sie nach dem Pariser Frieden wieder möglich geworden war. So ging dem geistigen Aufbruch des Dichters in den Osten seine Reise in den Westen, in die Landschaften seiner Jugend, parallel. Schon während der Fahrt entstanden die ersten Divan - Gedichte. Dabei nahm Goethe in der Phantasie bereits das Liebeserlebnis vorweg, das später im Buch Suleika zur beherrschenden Mitte des Zyklus wurde: 
»So sollst du, muntrer Greis, 
Dich nicht betrüben, 
Sind gleich die Haare weiß, 
Doch wirst du lieben« . 
Im August begegnete er zum erstenmal der »Suleika« seiner Divan - Gedichte, Marianne Jung, der künftigen Gattin eines alten Freundes, des Frankfurter Bankiers J. J. v. Willemer. Dieser hatte die vielseitig begabte Frau im Jahre 1800 als junge Tänzerin von der Frankfurter Bühne zu sich in sein Haus genommen. Aus der Leidenschaft zwischen Goethe und Marianne von Willemer, die vor allem im Herbst 1815, während eines zweiten Aufenthalts des Dichters auf der »Gerbermühle«, dem Landsitz Willemers bei Frankfurt, und während der letzten gemeinsamen Tage in Heidelberg Ende September voll zur Entfaltung kam, erwuchs ein großer Teil der Divan - Gedichte. 
In östlicher Verhüllung, in den Masken von »Hatem«, dem »sich Verschenkenden« und dem »Gegenliebe geschenkt wird«, und »Suleika«, der schönsten und zugleich geistreichsten Liebenden der islamischen Dichtung, wurde ein Liebesdialog in Gedichten geführt, die sich streng auf Motive aus dem Divan des Hafis bezogen und an dem Marianne von Willemer sich mit eigenen Gedichten beteiligte. So stammen einige der schönsten Gedichte aus dem Buch Suleika, wie die Lieder an den Ostwind und an den Westwind, von ihr. Goethe nahm sie mit nur geringfügigen Änderungen in seinen Zyklus auf, und die Autorschaft der Dichterin wurde erst 1869 durch eine Veröffentlichung von H. Grimm bekannt. Nach dem endgültigen Abschied von Marianne entstanden noch einige der düstersten Gedichte des Divan wie Hochbild und Nachklang, dann wandte sich Goethe vor allem der umfangreichen Spruch- und Lehrdichtung des Zyklus zu. Doch schrieb er 1820, ein Jahr nach der ersten Veröffentlichung des Divan, noch fünf Gedichte für das Buch des Paradieses, die er 1827 in die Ausgabe letzter Hand aufnahm. 
Goethe teilte seinen West - östlichen Divan in zwölf Bücher ein, darunter die neun folgenden: 
Das Buch des Sängers,
Das Buch Hafis, 
Das Buch der Liebe,
Das Buch der Betrachtungen,
Das Buch des Unmuts,
Das Buch der Sprüche,
Das Buch Timur  
Das Buch Suleika
Das Schenkenbuch
Die Verwandtschaft zwischen den der orientalischen Poesie entlehnten Bildern und Gedanken und seiner eigenen Alterssicht sprach Goethe selbst in einem Brief an C. F. Zelter vom 2. Mai 1820 aus: »Diese mohammedanische Religion, Mythologie, Sitte geben Raum einer Poesie, wie sie meinen Jahren ziemt. Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdetreibens, Liebe, Neigung, zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale geläutert, sich symbolisch auflösend.« 
[Auszüge aus: Kindlers neues Literaturlexikon, Kindler Verlag GmbH]