| Johann Wolfgang von Goethe
Goethe in Leipzig Der erotische Goethe? Johann Wolfgang
von Goethe, das Flaggschiff unter Deutschlands Dichtern, war schon
zu Lebzeiten ein Star. Sein Roman "Die Leiden
des jungen Werther" brachte den gerade 25-Jährigen ins
Maul der Leute. Napoleon hatte ihn sieben Mal gelesen und auf St. Helena
im Gepäck; selbst die Mönche auf dem Großen St. Bernhard
in der Schweiz kannten den Autor.
In Leipzig als Jura-Student, gerade mal sechzehn Jahre alt, schreibt er ganz im erotischen Stil der Zeit galante Gedichte. An meines Mädchens
Seite
Er kann genau beobachten, was somatisch abgeht, wenn die Seele kocht. Die Psychologie wird gerade erfunden. Goethes Blick ist dabei ganz männlich: denn dass ihr Auge Lust spricht, ist das, was er als Mann sich wünscht. Fast unglaublich ist die genaue Beobachtung der Einzelheiten. Dass die Brust durch die Liebe wächst, konnte Goethe auch aus der Bibel entnommen haben. Allerdings, damals in Altdeutschland, war das mit der Liebe außerhalb der Ehe nicht einfach: "Dies Glück (die Geliebte zu treffen) muss ich vermissen, die strenge Mutter wacht!" Mädchen blieben nie ohne Aufsicht. Er kann sich da Mut zusprechen; er versichert den Aufpassern: Wachsamkeit wird
euch nichts taugen,
Dabei weiß Goethe, wie sehr seine Dichtungen bloß Wunschphantasien sind, denn ohne Ring am Finger war kaum etwas möglich: Von kalten Weisen
rings umgeben
Der junge Goethe - er ist in Leipzig gerade mal sechzehn Jahre alt - ist aber schon voller altkluger Erkenntnisse: Weise, strenge
Mütter lehren:
Als Beispiel erzählt er die Geschichte von Ziblis; sie ist prüde, weil sie die Jagd dem Spiel mit Männern vorzieht. Damit ist auch die Handlung der langen Verserzählung vorgegeben: Sie muss von ihrer Jagdleidenschaft weg und zum Mann hin gebracht werden. Erst einmal aber muss sie einer versuchten Vergewaltigung durch einen Satyr entgehen: Als sie einst
tief im Gesträuche
Ziblis hat Glück, ein Retter findet sich, vertreibt den wilden Satyr-Faun und holt sich selbst seinen Lohn; Goethe bleibt dabei diskret. Worin der Lohn konkret besteht, überlässt er der Phantasie seiner weiblichen und männlichen Leser. Er schließt mit einem angemaßten Rat an die jungen Frauen: Mädchen,
fürchtet rauher Leute
Diese frühen Texte, die als Trockenschwimmübungen zu begreifen sind, können auch als Selbstvergewisserungen verstanden werden; Goethe macht sich selber Mut: So schwer ist's
nicht, wie ich geglaubt,
Das geht dann im 18. Jahrhundert so vonstatten: Da wagt's mein
Arm sie zu umschließen.
In diesem Stil kann man bei Goethe noch
eine ganze Menge erotisch-galanter Gedichte finden; auch sonst ist er in
der Leipziger Zeit nicht pingelig. Er hört Vorlesungen bei dem Literaturpapst
der damaligen Zeit, Gottsched, der
noch einmal spät geheiratet hatte, und er teilt einem Bekannten mit:
"Du weißt doch, er hat eine Frau. Er hat
wieder geheiratet, der alte Bock! Ganz Leipzig verachtet ihn."
Er aber, sag's
ihm, er kann mich im [!] Arsch
Hanswursts Hochzeit oder der Lauf der Welt Goethe greift mit diesem nie beendeten Stück alte deutsche grobianische Traditionen auf. Der Hochzeiter ist wenig an Essen und Trinken interessiert; er will gleich zur Sache kommen: Wie aber, was,
ihr horcht nicht mehr?
Schon damals also war dieses unreine Reimwort im Gebrauch. Der biedere Eckermann ist angemessen betroffen, er sieht "eine gewaltige productive Kraft bis zum Übermuth" und er bedauert bloß, dass es so über alle Grenzen hinausging, dass "selbst die Fragmente sich nicht mittheilen lassen." Man glaubte also aus Prüderie, den Text nicht veröffentlichen zu können; er wurde auch tatsächlich zu Goethes Lebzeiten nie gedruckt. So lagen diese Texte im Archiv. Übrigens sind damals schon all jene Worte im Gebrauch, die auch heute nicht im Wörterbuch stehen. Sie haben sich seither nicht geändert. Das Verzeichnis der Personen dieses nie beendeten Stücks ist lang, die Namen sind anspielungsreich: Ursel mit dem kalten Loch, Tante.
[Bearbeitet nach: Erwin Leibfried: Goethes geheimer G-Punkt. In: Penthouse Nr. 10, Oktober 1999] Erwin Leibfried, Dr. phil, ist Universitätsprofessor in Gießen, Arbeiten zur neueren deutschen Literatur und Literaturwissenschaft |