Johann Wolfgang von Goethe
RÖMISCHE ELEGIE 

Saget Steine mir an, o sprecht ihr hohen Paläste 
   Straßen redet ein Wort! Genius regst du dich nicht?
Ja es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern, 
   Ewige Roma, nur mir schweiget noch alles so still. 
O! wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich 
   Einst das holde Geschöpf das mich versengt und erquickt.
Ahn' ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer 
   Zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit. 
Noch betracht ich Paläst' und Kirchen, Ruinen und Säulen, 
   Wie ein bedächtiger Mann sich auf der Reise beträgt.
Doch bald ist es vorbei, dann wird ein einziger Tempel, 
   Amors Tempel nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom, doch ohne die Liebe 
   Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.
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RÖMISCHE ELEGIE III

Lass dich Geliebte nicht reu'n dass du so schnell dich ergeben,
   Glaub' es, ich dencke nicht frech, dencke nicht niedrig von dir.
Vielfach wirken die Pfeile des Amors, denn einige ritzen
   Und vom schleichenden Gift krancket auf Jahre das Herz;
Aber mächtig befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe
   Dringen die andern ins Mark zünden auf einmal uns an.

In der heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten,
   Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuss der Begier.
Glaubst du es habe sich lange die Göttinn der Liebe besonnen,
   Als im Idaeischen Hayn einst ihr Anchises gefiel?
Hätte Luna gesäumt den schönen Schläfer zu küssen
   O so hätt ihn geschwind neidend Aurora geweckt.
Hero erblikte Leandern beym lauten Fest und behende
   Stürzte der Liebende sich heiss in die nächtliche Fluth.
Rhea Sylvia wandelt die fürstliche Jungfrau der Tyber
   Wasser zu schöpfen hinab, und sie belauschet der Gott.

So erzeugte sich Mars zwey Söhne! - die Zwillinge träncket
   Eine Wölfinn und Rom nennt sich die Fürstinn der Welt.


RÖMISCHE ELEGIE IV 

Fromm sind wir Liebende, still verehren wir alle Dämonen, 
   Wünschen uns jeglichen Gott, jegliche Göttin geneigt. 
Und so gleichen wir euch, o römische Sieger! den Göttern 
   Aller Völker der Welt bietet ihr Wohnungen an. 
Habe sie schwarz und streng aus altem Granit der Ägypter, 
   Oder ein Grieche sie weiß reizend aus Marmor geformt. 
Doch verdrießet es nicht die Ewigen, wenn wir besonders 
   Weihrauch köstlicher Art Einer der Göttlichen streu'n. 
Ja wir bekennen euch gern, es bleiben unsre Gebete, 
   Unser täglicher Dienst Einer besonders geweiht. 
Schalkhaft, munter und ernst begehen wir heimliche Feste 
   Und das Schweigen geziemt allen Geweihten genau. 
Eher lockten wir selbst an die Fersen, durch grässliche Taten,
   Uns die Erinnyen her, wagten es eher des Zeus 
Hartes Gericht an rollenden Rädern und Felsen zu dulden, 
   Als dem reizenden Dienst unser Gemüt zu entziehn. 
Diese Göttin, sie heißt Gelegenheit! Lernet sie kennen, 
   Sie erscheinet euch oft immer in andrer Gestalt. 
Tochter des Proteus möchte sie sein, mit Thetis gezeuget, 
   Deren verwandelte List manchen Heroen betrog. 
So betrügt nun die Tochter den Unerfahrnen, den Blöden, 
   Schlummernde necket sie stets, Wachende fliegt sie vorbei; 
Gern ergibt sie sich nur dem raschen tätigen Manne, 
   Dieser findet sie zahm, spielend und zärtlich und hold. 
Einst erschien sie auch mir, ein bräunliches Mädchen, die Haare 
   Fielen ihr dunkel und reich über die Stirne herab. 
Kurze Locken ringelten sich ums zierliche Hälschen, 
   Ungeflochtenes Haar krauste vom Scheitel sich auf. 
Und ich verkannte sie nicht, ergriff die Eilende, lieblich 
   Gab sie Umarmung und Kuss bald mir gelehrig zurück. 
O wie war ich beglückt! - Doch stille, die Zeit ist vorüber, 
  Und umwunden bin ich, römische Flechten, von euch.


RÖMISCHE ELEGIE V

Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert, 
    Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir. 
Ich befolge den Rath, durchblättere die Werke der Alten 
    Mit geschäftiger Hand täglich mit neuem Genuss. 
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt, 
    Werd' ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt. 
Und belehr' ich mich nicht? wenn ich des lieblichen Busens 
    Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab. 
Dann versteh ich erst recht den Marmor, ich denk' und vergleiche, 
    Sehe mit fühlendem Aug', fühle mit sehender Hand. 
Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages; 
    Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin. 
Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen,
    Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel. 
Oftmals hab' ich auch schon in ihren Armen gedichtet 
    Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand, 
Ihr auf den Rücken gezählt, sie athmet in lieblichem Schlummer
    Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins tiefste die Brust. 
Amor schüret indes die Lampe und denket der Zeiten, 
    Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn1) gethan. 
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1) Die "Triumvirn" sind die römischen Dichter 
Catull [87-54 v.Chr.], Tibull [+ 19 v.Chr.] und Properz [50-15 v.Chr.].
Interpretation
Tafelbilder / Folien
[Angelika Kaufmann   |   Christiane Vulpius | Faustina ]
Zur Lyrik der Klassik

Klassik: Mit dem Wort "klassisch" (lat. "classicus") wurden in der Antike die mustergültigen Autoren bezeichnet. In der deutschen Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts fasste man die Epoche zwischen Goethes Italienreise (1786) und Schillers Tod (1805) als ("Weimarer") "Klassik" zusammen und sah in ihr den Höhepunkt der deutschen Dichtung. Mit der Lösung aus dem Strurm-und Drang-Kreis orientierten sich Schiller und Goethe an den literarischen Mustern der Antike und knüpften mit ihren Ideen der Humanität, der Toleranz, des Maßes wieder an die Aufklärung an. Was Goethe selber unter "Klassik" verstand, lässt sich an seiner Fünften Römischen Elegie erkennen, die 1795 in Schillers Monatsschrift "Die Horen", also lange nach der Italienischen Reise, abgedruckt wurde.