Saget Steine mir an, o sprecht ihr hohen
Paläste
Straßen redet ein Wort!
Genius regst du dich nicht?
Ja es ist alles beseelt in deinen heiligen
Mauern,
Ewige Roma, nur mir schweiget
noch alles so still.
O! wer flüstert mir zu, an welchem
Fenster erblick ich
Einst das holde Geschöpf
das mich versengt und erquickt.
Ahn' ich die Wege noch nicht, durch die
ich immer und immer
Zu ihr und von ihr zu gehn,
opfre die köstliche Zeit.
Noch betracht ich Paläst' und Kirchen,
Ruinen und Säulen,
Wie ein bedächtiger
Mann sich auf der Reise beträgt.
Doch bald ist es vorbei, dann wird ein
einziger Tempel,
Amors Tempel nur sein, der
den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom, doch ohne
die Liebe
Wäre die Welt nicht
die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.
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RÖMISCHE
ELEGIE III
Lass dich Geliebte
nicht reu'n dass du so schnell dich ergeben,
Glaub'
es, ich dencke nicht frech, dencke nicht niedrig von dir.
Vielfach wirken
die Pfeile des Amors, denn einige ritzen
Und
vom schleichenden Gift krancket auf Jahre das Herz;
Aber mächtig
befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe
Dringen
die andern ins Mark zünden auf einmal uns an.
In der heroischen
Zeit, da Götter und Göttinnen liebten,
Folgte
Begierde dem Blick, folgte Genuss der Begier.
Glaubst du es habe
sich lange die Göttinn der Liebe besonnen,
Als
im Idaeischen Hayn einst ihr Anchises gefiel?
Hätte Luna
gesäumt den schönen Schläfer zu küssen
O so
hätt ihn geschwind neidend Aurora geweckt.
Hero erblikte Leandern
beym lauten Fest und behende
Stürzte
der Liebende sich heiss in die nächtliche Fluth.
Rhea Sylvia wandelt
die fürstliche Jungfrau der Tyber
Wasser
zu schöpfen hinab, und sie belauschet der Gott.
So erzeugte sich
Mars zwey Söhne! - die Zwillinge träncket
Eine
Wölfinn und Rom nennt sich die Fürstinn der Welt.
RÖMISCHE
ELEGIE IV
Fromm sind wir Liebende, still verehren
wir alle Dämonen,
Wünschen uns jeglichen
Gott, jegliche Göttin geneigt.
Und so gleichen wir euch, o römische
Sieger! den Göttern
Aller Völker der Welt
bietet ihr Wohnungen an.
Habe sie schwarz und streng aus altem
Granit der Ägypter,
Oder ein Grieche sie weiß
reizend aus Marmor geformt.
Doch verdrießet es nicht die Ewigen,
wenn wir besonders
Weihrauch köstlicher
Art Einer der Göttlichen streu'n.
Ja wir bekennen euch gern, es bleiben
unsre Gebete,
Unser täglicher Dienst
Einer besonders geweiht.
Schalkhaft, munter und ernst begehen wir
heimliche Feste
Und das Schweigen geziemt
allen Geweihten genau.
Eher lockten wir selbst an die Fersen,
durch grässliche Taten,
Uns die Erinnyen her, wagten
es eher des Zeus
Hartes Gericht an rollenden Rädern
und Felsen zu dulden,
Als dem reizenden Dienst
unser Gemüt zu entziehn.
Diese Göttin, sie heißt Gelegenheit!
Lernet sie kennen,
Sie erscheinet euch oft immer
in andrer Gestalt.
Tochter des Proteus möchte sie sein,
mit Thetis gezeuget,
Deren verwandelte List manchen
Heroen betrog.
So betrügt nun die Tochter den Unerfahrnen,
den Blöden,
Schlummernde necket sie stets,
Wachende fliegt sie vorbei;
Gern ergibt sie sich nur dem raschen tätigen
Manne,
Dieser findet sie zahm, spielend
und zärtlich und hold.
Einst erschien sie auch mir, ein bräunliches
Mädchen, die Haare
Fielen ihr dunkel und reich
über die Stirne herab.
Kurze Locken ringelten sich ums zierliche
Hälschen,
Ungeflochtenes Haar krauste
vom Scheitel sich auf.
Und ich verkannte sie nicht, ergriff die
Eilende, lieblich
Gab sie Umarmung und Kuss
bald mir gelehrig zurück.
O wie war ich beglückt! - Doch stille,
die Zeit ist vorüber,
Und umwunden bin ich, römische
Flechten, von euch.
RÖMISCHE
ELEGIE V
Froh empfind' ich
mich nun auf klassischem Boden begeistert,
Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.
Ich befolge den
Rath, durchblättere die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand täglich mit neuem Genuss.
Aber die Nächte
hindurch hält Amor mich anders beschäftigt,
Werd' ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt.
Und belehr' ich
mich nicht? wenn ich des lieblichen Busens
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab.
Dann versteh ich
erst recht den Marmor, ich denk' und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug', fühle mit sehender Hand.
Raubt die Liebste
denn gleich mir einige Stunden des Tages;
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht
immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen,
Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel.
Oftmals hab' ich
auch schon in ihren Armen gedichtet
Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,
Ihr auf den Rücken
gezählt, sie athmet in lieblichem Schlummer
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins tiefste die Brust.
Amor schüret
indes die Lampe und denket der Zeiten,
Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn1) gethan.
[88 KB] 1) Die "Triumvirn" sind die
römischen Dichter
Catull [87-54 v.Chr.], Tibull [+ 19 v.Chr.] und
Properz [50-15 v.Chr.].
Interpretation Tafelbilder
/ Folien [Angelika Kaufmann
| Christiane Vulpius | Faustina
]
Zur Lyrik der Klassik
Klassik: Mit
dem Wort "klassisch" (lat. "classicus") wurden in der Antike die
mustergültigen
Autoren bezeichnet. In der deutschen Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts
fasste man die Epoche zwischen Goethes Italienreise (1786) und Schillers
Tod (1805) als ("Weimarer") "Klassik"
zusammen und sah in ihr den Höhepunkt der deutschen Dichtung. Mit
der Lösung aus dem Strurm-und Drang-Kreis orientierten sich Schiller
und Goethe
an den literarischen Mustern der Antike und knüpften mit ihren Ideen
der Humanität, der Toleranz, des Maßes wieder an die Aufklärung
an. Was Goethe selber unter "Klassik" verstand, lässt sich an seiner
Fünften
Römischen Elegie erkennen, die 1795 in Schillers Monatsschrift
"Die Horen", also lange nach der Italienischen Reise, abgedruckt wurde.