Johann Wolfgang von Goethe
Römische Elegie V

Klassik: Mit dem Wort "klassisch" (lat. "classicus") wurden in der Antike die mustergültigen Autoren bezeichnet. In der deutschen Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts fasste man die Epoche zwischen Goethes Italienreise (1786) und Schillers Tod (1805) als („Weimarer") „Klassik" zusammen und sah in ihr den Höhepunkt der deutschen Dichtung. Mit der Lösung aus dem Sturm - und Drang - Kreis orientierten sich Schiller und Goethe an den literarischen Mustern der Antike und knüpften mit ihren Ideen der Humanität, der Toleranz, des Maßes wieder an die Aufklärung an. Was Goethe selber unter "Klassik" verstand, lässt sich an seiner fünften Römischen Elegie erkennen, die 1795 in Schillers Monatsschrift "Die Horen", also lange nach der Italienischen Reise, abgedruckt wurde.
Das Gedicht ist nicht „auf klassischem Boden" (1) entstanden, sondern in der nachitalienischen Zeit unter dem Eindruck der Revolutionsereignisse in Frankreich, aber auch persönlicher Erlebnisse (Verbindung mit Christiane Vulpius). Es hält nicht ein einzelnes Erlebnis fest, sondern bringt den Bewusstseinswandel zum Ausdruck, den Goethe seit der Reise durchgemacht hat: Er ist sinnlich empfänglicher geworden für die Wirklichkeit, die nun "lauter und reizender" (2) zu ihm spricht, sowohl für die Gegenwart ("Mitwelt" 2) wie für die Antike ("Vorwelt" 2). Sein Lebensgefühl umfasst nun beides. Damit erfüllt die Elegie das Programm der "Horen", das Schiller so formuliert:

"Je mehr das beschränkte Interesse der Gegenwart die Gemüter in Spannung setzt, einengt und unterjocht, desto dringender wird das Bedürfnis, durch ein allgemeines und höheres Interesse an dem, was rein menschlich und über allem Einfluss der Zeiten erhaben ist, sie wieder in Freiheit zu setzen und die politisch geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen."

Wie hier das Programm die Wiedervereinigung des Getrennten 

  • im politischen Bereich anzielt, so die Elegie auch 
  • im Menschlichen (Vernunft und Sinnlichkeit) und 
  • Kulturellen (Altertum und Gegenwart). 
Durch die beiden letzten Verse fügt sich das lyrische Ich in die antike Tradition der Liebeselegie ein (die "Triumvirn" sind die römischen Dichter Catull [87-54 v.Chr.], Tibull [+ 19 v.Chr.] und Properz [50-15 v.Chr.]). Aber das Thema ist nicht die Liebe, sondern die Rezeption der antiken Kultur durch das lyrische Ich. Die Reihe der Verben zeigt gleichsam das Verfahren, das dieses Rezeption leitet:
"empfinden" (1), "durchblättern" (3), "sich belehren" (7), "spähen" (8), (die Hand) "hinableiten" (8), "verstehen", "denken", "vergleichen" (9), "sehen", "fühlen" (10; durch Chiasmus und Wiederholung verknüpft), "küssen", "(vernünftig) sprechen" (13), "denken" (14), "dichten" (15), "(Versmaß zählen" (16/17).
Denken, Lesen, Lernen, Vergleichen und sinnlich Spähen, Sehen, Fühlen, Liebe sind also zusammengehörige Handlungen; Nachsinnen und Sinnlichkeit dürfen genauso wenig auseinandergerissen werden wie Gegenwart und Vergangenheit. Diese Einsicht in die Ganzheit der menschlichen Fähigkeiten und in die Ganzheit unserer geschichtlichen Welt verdeutlicht die Elegie damit, dass in ihr die Eroberung der Geliebten und die Aneignung Roms, seiner Literatur (3) und seiner antiken Bildwerke (9), identisch sind. Es sind Erlebnis (Italienreise), Idee (Ganzheit von Geist und Sinnlichkeit, Augenblick und Geschichte) und Bild (Liebesnacht) zum Symbol verschmolzen. 

Tafelbild / Struktur
Form