Johann Wolfgang von Goethe
    Das Lied der Parzen
    Iphigenie auf Tauris, IV, 5

    O dass in meinem Busen nicht zuletzt
    Ein Widerwillen keime  der Titanen,
    Der alten Götter tiefer Haß auf euch,
    Olympier, nicht auch die zarte Brust
    Mit Geierklauen fasse! Rettet mich
    Und rettet euer Bild in meiner Seele!

    Vor meinen Ohren tönt das alte Lied -
    Vergessen hatt' ich's und vergaß es gern -,
    Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen,
    Als Tantalus vom goldnen Stuhle fiel:
    Sie litten mit dem edlen Freunde; grimmig
    War ihre Brust, und furchtbar ihr Gesang.
    In unsrer Jugend sang's die Amme mir
    Und den Geschwistern vor, ich merkt' es wohl.
.
               Es fürchte die Götter
               Das Menschengeschlecht!
               Sie halten die Herrschaft
               In ewigen Händen,
               Und können sie brauchen,
               Wie's ihnen gefällt.

               Der fürchte sie doppelt,
               Den je sie erheben!
               Auf Klippen und Wolken
               Sind Stühle bereitet
               Um goldene Tische.
 
 
 

Erhebet ein Zwist sich,
So stürzen die Gäste,
Geschmäht und geschändet,
In nächtliche Tiefen
Und harren vergebens,
Im Finstern gebunden,
Gerechten Gerichtes.

Sie aber, sie bleiben
In ewigen Festen
An goldenen Tischen.
Sie schreiten vom Berge
Zu Bergen hinüber:
Aus Schlünden der Tiefe
Dampft ihnen der Atem
Erstickter Titanen,
Gleich Opfergerüchen,
Ein leichtes Gewölke.

Es wenden die Herrscher
Ihr segnendes Auge
Von ganzen Geschlechtern
Und meiden, im Enkel
Die ehmals geliebten,
Still redenden Züge
Des Ahnherrn zu sehn.

So sangen die Parzen;
Es horcht der Verbannte
In nächtlichen Höhlen,
Der Alte, die Lieder,
Denkt Kinder und Enkel
Und schüttelt das Haupt.

[Goethe: Iphigenie auf Tauris, S. 77 ff. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 22092 (vgl. Goethe-HA Bd. 5, S. 53 ff.)]