Johann Wolfgang von Goethe
Wanderers Nachtlied / Ein Gleiches
Im Februar 1776 schrieb Goethe vom "Ettersberg" aus einen Brief an Frau von Stein und fügte diesem das folgende Gedicht bei:

Wanderers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist, 
Alle Freud (Alles Leid) und Schmerzen stillest, 
Den, der doppelt elend ist, 
Doppelt mit Erquickung füllest; 
Ach,ich bin des Treibens müde! 
Was soll all die Qual (der Schmerz) und Lust? 
Süßer Friede, 
Komm,ach komm in meine Brust! 
[39 KB]

Vier Jahre später, am Abend des 6. September 1780, entstand auf dem "Kickelhahn" ein ähnliches Gedicht, dem Goethe auch den gleichen Namen gab.
Er schrieb es an die Holzwand einer Jagdhütte:
Wanderers Nachtlied 
(Ein Gleiches)

Über allen Gipfeln 
Ist Ruh, 
In allen Wipfeln 
Spürest du 
Kaum einen Hauch; 
Die Vögelein schweigen im Walde, 
Warte nur, balde 
Ruhest du auch. 
[34 KB]

Struktur - Folie

Es schien ihm so wichtig zu sein, dass er die Inschrift 1813 noch einmal erneuerte.

Etwa ein halbes Jahr vor seinem Tod, im August 1831, besuchte er mit seinem damaligen Begleiter, dem Bergingenieur Mahr, die Hütte noch ein letztes Mal. Goethe stieg sofort in das obere Stockwerk, um zu schauen, ob sein Gedicht an der Holzwand noch zu lesen war. Mahr berichtet:
Goethe überlas diese wenigen Verse, und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in sanftem, wehmütigem Ton: Ja: warte nur, balde ruhest du auch! schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düsteren Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: Nun wollen wir wieder gehen!
s. eine Erlebnis des Verfassers