| Ein Abend auf dem Oktoberfest
„Unter einer Wiesenbraut versteht man in München
ein Fräulein, das man an einem Oktoberfestbesuch kennen lernt, und
zu dem die Bande der Sympathie je nach Veranlagung und Umständen mehr
oder weniger intimer geschlungen werden. Meistens wird die Wiesenbraut
vom Standpunkt des Herrn aus gesehen — aber die Geliebte samt der Sehnsucht.
die in der Wiesenbraut leben, werden selten respektiert. Oft will die Wiesenbraut
nur lustig sein und sonst nichts, häufig will sie sonst auch noch
etwas: nie aber denkt sie momentan materiell. Aber in der Wiesenbraut lebt
häufig die Sehnsucht, dass es immer ein Oktoberfest geben soll: immer
so ein Abend: immer eine Achterbahn: immer die Abnormitäten; immer
Hippodrom im Kreise. Seit es eine Oktoberfestwiese gibt, seit der Zeit
gibt es eine Wiesenbraut. Die Wiesenbraut verlässt die Ihren, verlässt
ihr Milljöh, geht mit Herren, die sie nicht kennt, interessiert sich
wenig für den Charakter, mehr für die Vergnügungen. Die
Wiesenbraut denkt nicht an den Tod. Die Wiesenbraut opfert ihren Bräutigam,
sie denkt nicht, sie lebt. Sie verliert ihre Liebe wegen einem Amüsement.
Sie vergisst, wohin sie gehört. Und der Kreis um die Wiesenbraut empfindet
diese Störung. Er gerät durcheinander aus Enttäuschung.
Aber bald ordnet sich wieder alles - und die Wiesenbraut ist ausgeschaltet.
Nur im Märchen bekommt die Wiesenbraut einen Prinzen. In Wahrheit
versinkt sie in das Nichts, sobald die Wiese aufhört.“
[Aus einem Notizbuch Horváths
etwa 1930. In: Gesammelte Werke, Band 2, S. 659f]
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