"Schillers gewöhnliche Kleidung
bestand in einem dürftigen grauen
Rock, und der Zubehör entsprach
in Stoff und Anordnung keineswegs
auch nur den bescheidenen Anfor-
derungen des Schönheitssinnes.
Neben diesen Mängeln der Toilette
machte seine reizlose Gestalt und
der häufige Gebrauch des Spaniol-
tabaks einen ungnünstigen
Eindruck." [Schauspielerin Sophie
Albrecht anlässlich ihrer kurzen
Bekanntschaft mit Schiller in
Frankfurt] |
Friedrich Schiller
Die Flucht aus Stuttgart |
Oggersheim | Bauerbach
"Fiesko", "Kabale und Liebe"
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10.11.1759 - 5.05.1805 [Schiller -
Jahr 2005]
Als der Herzog von Schillers Ausflügen [im Juli 1782 war er ein
zweites Mal nach Mannheim gereist] nach Mannheim erfahren hatte, musste
Schiller 14 Tage in Arrest zubringen. Im August 1782 verbietet ihm der
Herzog jedwege schriftstellerische Tätigkeit. Damit war der Bruch
vollzogen. So beschloss Schiller Mitte September 1782 anlässlich einer
prunkvoller Feier zu Ehren des Großfürsten Paul von Russland,
des späteren Zaren, während einer Hofjagd in der Nacht vom 22.
zum 23. September zu fliehen. Zusammen mit seinem Freund Andreas
Streicher gelang ihm die Flucht nach Mannheim.
Dort angekommen, präsentierte er seinen Freunden und dem Regisseur
Meyer
seine neues Drama "Die Verschwörung des Fiesco
zu Genua". Der erhoffte Erfolg bei den Freunden blieb aber aus.
Meyer bestätigte aber, dass der "Fiesco" für eine Bühnenaufführung
weit besser als die Räuber ausgearbeitet war. So wollte man alles
in Bewegung setzten, um das Stück bald auf die Bühne zu bringen.
Doch dazu kam es nicht; man vermutet, dass der Herzog den Flüchtling
verfolgen ließ.
Deshalb ging Schillers und Streichers Flucht zunächst weiter über
Frankfurt
nach
Oggersheim.
Dort mieteten sie sich im Gasthof incognito ein [Oktober bis Dezember 1782].
Auf Einladung der Mutter (seiner späteren Gönnerin Henriette
von Wolzogen, zeitweise wohnhaft in Meiningen)
seines Akademiekameraden Wolzogen [dieser
heiratet später Caroline von Lengefeld, geschiedene von Beulwitz]
reist Schiller nach Bauerbach in Thüringen
und findet dort Asyl als Doktor Ritter. Er verweilt dort vom 07.12.1782-
24.07.1783.
Bauerbach, ein kleines Dorf in der Nähe von Meiningen, mitten
im Wald gelegen. Das alte Gutsgebäude, das die Wolzogens
Ende des siebzehnten Jahrhunderts gekauft hatten, war verfallen. Henriette
hatte für sich und ihre Kinder zusätzlich ein Bauernhaus erworben
und renovieren lassen, eine bequeme, aber bescheidene Unterkunft. Die Einwohnerschaft,
ungefähr dreihundert Seelen, bestand zur einen Hälfte aus abgabepflichtigen
Kleinbauern, zur anderen aus Juden, die gegen ein Schutzgeld hier leben
durften und ihrem Kleingewerbe nachgingen.
Der Winter hat schon begonnen, als Schiller am 7. Dezember 1782 in
Bauerbach eintrifft. Es liegt tiefer Schnee, das Dorf ist von seiner Umgebung
abgeschnitten. Eine große Stille umfängt Schiller, dem zumute
ist wie einem Schiffbrüchigen, der sich mühsam aus den Wellen
gekämpft hat (an Schwan, 8. Dezember 1782). Es ist für alles
gesorgt. Das Haus ist geputzt, im Kamin brennt ein Feuer, Bettwäsche
liegt bereit, die Speisekammer ist gefüllt.
Die Zuflucht in Bauerbach erlebt Schiller als Einkehr bei sich selbst.
Nunmehr
bin ich, schreibt er unmittelbar nach seiner Ankunft am 8. Dezember
1782 an Schwan, in der Verfassung ganz meiner Seele zu leben, und ich
werde sie sehr benutzen. In diesem einsamen Winter, abgeschnitten von
der übrigen Welt, ist er entschlossen nur Dichter zu sein. Keine
Bedürfnisse ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen
soll meine dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen
stören, schreibt er am selben Tag an Andreas
Streicher.
Als Doktor Ritter ist er hier einquartiert, die Leute im Dorf merken
bald, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt; es ist ein Geheimnis um
ihn, man sucht es zu ergründen, es gibt Gerüchte, doch im ganzen
begegnet man ihm freundlich und hilfsbereit. Man beobachtet genau, wie
die Lampe noch bis tief in die Nacht brennt, man sieht ihn schon am frühen
Morgen im Garten hantieren und sich bewegen. Merkwürdig kommt es den
Bauern vor, dass er bei Gewitter gewöhnlich das Haus verlässt
und einen nahen Hügel erklimmt. Er scheint keine Angst vor Blitz und
Donner zu haben. Er fragt die Leute aus über Geschichten und Sagen
aus der Gegend. Beim Gottesdienst trifft man ihn auch an. Bereits nach
wenigen Wochen dringt er in der Gemeinde auf eine Neuerung: das alte Gesangbuch
soll durch ein neues, das mehr Gellertsche Lieder enthält, ersetzt
werden.
Henriette von Wolzogen hatte Schiller
für den Anfang an den Meininger Bibliothekar Wilhelm
Friedrich Hermann Reinwald gewiesen, der ihm Bücher besorgen
und ihn mit interessanten Menschen bekannt machen sollte. Schiller befreundete
sich mit diesem 22 Jahre älteren, hypochondrischen und pedantischen
Mann, vielleicht gerade deshalb, weil beider Temperamente so gegensätzlich
waren. Reinwald war ein literarisch gebildeter, sonst aber unbeholfener
und ängstlicher Mann, der nach vielen Jahren subalterner Tätigkeit
als Schreiber inzwischen die einigermaßen auskömmliche Stelle
eines Sekretärs der fürstlichen Bibliothek in Meiningen
bekleidete. Bienenfleißig und gewissenhaft hatte er die Bestände
der Bibliothek geordnet und katalogisiert. Seine Hingabe aber war ihm nicht
gelohnt worden: als die Ordnung hergestellt war, wurde die Leitung einem
jüngeren Magister übergeben, und Reinwald blieb Sekretarius.
Es war etwas Kümmerliches um diesen verbitterten Mann, der sich auskannte
in der Welt der Bücher, der ein wenig am literarischen Leben teilnahm,
indem er für Zeitschriften Rezensionen schrieb, der ein schmales Bändchen
»Poetische Launen, Erzählungen, Briefe und Miszellaneen«
veröffentlichte und Sprachstudien betrieb.
Dieser ältliche und grämliche Junggeselle lebte im Umgang
mit Schiller auf; die ihn vorher kannten, erkannten ihn kaum wieder, so
munter und beschwingt wirkte er nun. Ein Jahr später sollte er sogar
den Mut finden, um Schillers Schwester Christophine
zu werben, und zwar mit Erfolg, worüber Schiller nicht erfreut war,
weil er seiner Schwester einen weniger staubtrockenen und dafür heiteren
Menschen zum Ehemann wünschte.
Für die Bauerbacher Einsamkeit aber war Reinwald der richtige
Mann. Regelmäßig kam er von Meiningen herüber zu Besuch.
Manches Mal traf man sich auch auf halber Strecke in Maßfeld
und
ging dann zusammen zu Fuß entweder zu dem einen oder zu dem anderen
nach Hause. […]
[Aus: Rüdiger Safranski. Friedich Schiller
oder Die Erfindung des deutschen Idealismus, München - Wien (Carl
Hanser), 2004, S. 162f.] |
Reinwald war nicht die einzige Bekanntschaft, die Schiller in Bauerbach
machte. Henriette von Wolzogen, seine
Gönnerin war mit ihrer Tochter eingetroffen. Schiller war von dem
sechzehnjährigen Mädchen angetan. Er begleitete Mutter und Tochter
ins nahe gelegene Walldorf, wo Henriettes Bruder, der Oberforstmeister
Dietrich
Marschalk von Ostheim, lebte. Am Abend des 4. Januar 1783 kehrte
er zu Fuß nach Bauerbach zurück und schrieb in derselben Nacht
an Henriette einen Brief, deren überfließende Gefühle mehr
der Tochter als der Mutter galten. Schiller muss aber seine Gefühle
für die Tochter Charlotte zurückhalten,
da die Mutter Henriette für ihre Tochter nach einem standesgemäßen
Heiratskandidaten Ausschau hielt. Für standesgemäß aber
durfte sich der mittellose und flüchtige ehemalige Regimentsmedicus
wohl nicht halten. Zudem musste Henriette ihn bitten, einen Brief an sie
zu schreiben, der in Stuttgart zum Zweck der Spurenverwischungvorgezeigt
werden konnte, denn der Herzuog, ihr Gönner, durfte nicht erfahren,
dass sie den flüchtigen Schiller in ihrem Hause beherbergte. Außerdem
war für die Tochter Carl Philipp von Winkelmann
(ein Mitzögling aus der Karlsschule) als Heiratskandidat vorgesehen.
Dieses Verhältnis löste sich später wegen einer Impertinenz
dieses Herren wieder auf und Winkelmann trat in die Dienste der Holländisch
- Ostindischen Companie und ging nach Ceylon und Java, wo sich seine Spur
verliert.
In dieser Situation bekam Schiller von Dalberg aus Mannheim eine Anfrage,
wie es denn um seine Arbeit stehe und ob inzwischen ein neues Stück
fertiggestellt sei. Seit Oggersheim und vor allem seit den Standesproblemen
mit den Wolzogens arbeitete er verstärkt an Luise
Millerin [Kabale und Liebe].
Dabei konnte er sich an den beiden Stücken "Der
deutsche Hausvater" des Reichsfreiherren
von Gemmingen, das in Mannheim ein großer Erfolg gewesen
war, und an Lessings "Emilia
Galotti", das ein Jahrzehnt zuvor die deutschen Bühnen
erobert hatte, orientieren. Den Somm über [1783] arbeitete er die
"Millerin" für das Theater um und trat, als er damit fertig war, gegen
den Rat Reinwalds und Henriettes von Wolzogen, die ihm Weimar oder Berlin
als Wirkunsstätte empfahlen, die Reise nach
Mannheim an. Er wollte dort nicht auf Dauer bleiben, sondern nur
vor Ort über eine mögliche Aufführung des Stückes verhandeln.
Mit seiner "Millerin" im Gepäck kam Schiller am 27. Juli 1783
in Mannheim an.
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