Fachbereich Deutsch
 

Die Militärakademie Solitude [Wikipedia]
Herzog Karl Eugen v. Württemberg [Wikipedia]
Karlsschule u. Herzog [m. Bild]
Auf der Militärakademie

und "Die Räuber"
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Friedrich Schiller
10.11.1759 - 5.05.1805 [Schiller - Jahr 2005]

Der junge Dichter Schiller erscheint aufgrund seiner „militärischen" Schulzeit selber als einer, der wie Karl Moor in den „Räubern“ lautstark gegen die Zeitumstände protestiert.

Die Lebensgeschichte des jungen Schiller bietet eine Reihe von Anhaltspunkten dafür, dass in Karl Moor der Freiheitsdrang des Autors selber spricht. Viele Interpreten haben deshalb die „Räuber" auch biographisch gedeutet. Als der Herzog den Sohn seines Offiziers und Gartenverwalters Caspar Friedrich Schiller zur Militärakademie 'einzog' und bestimmte, dass der junge Friedrich Jura studieren sollte - die Eltern hatten Theologie vorgesehen -, endete die unbeschwerte Jugend des jungen Schiller. Schubarth, der kritische Dichter, den der Herzog wegen unverhüllter Äußerungen über seine Mätresse jahrelang auf dem Hohen Asperg gefangen hielt, hatte für die Militärakademie das Etikett „Sklavenplantage" geprägt. Arthur Kutscher führt in seiner 15-bändigen Ausgabe der Werke Schillers 1909 über die Erziehung in der Karlsschule aus:

Die Familie sollte ersetzt werden durch die Gemeinschaft der Schule. Und wie die Zöglinge aus der Verwandtschaft herausgenommen wurden, so wurden sie für die Erziehungsjahre auch überhaupt aus dem Leben herausgenommen und interniert zu ungestörter Entwicklung. Der Staat als Endzweck steht dahinter und ein entsprechendes Beamtentum. Die Bestrebungen des Herzogs Karl Eugen wollten im Besonderen willenlose, mechanische Kräfte erzeugen, die keinerlei Selbstzweck beanspruchen ...". 1) 

Schillers Eltern unterzeichneten denn auch nachträglich 1774 eine Verpflichtungserklärung, deren Wortlaut die Verpflichtungen einseitig auf Seiten des Zöglings festschrieb:

Nachdem es Seiner regierenden Herzoglichen Durchlaucht zu Würtemberg gnädigst gefällig gewesen, unsern Sohn Johann Christoph Friedrich Schiller in die Herzogliche Militär-Akademie zu unserer unterthänigsten Danksagung in Gnaden aufzunehmen, nach den Grundgesetzen dieses Herzoglichen Instituts aber erforderlich wird, dass ein dahin eintretender Elev sich gänzlich den Diensten des Herzoglichen Würtembergischen Hauses widmet, und ohne darüber zu erhaltende gnädigste Erlaubnis aus demselben zu tretten nicht gefügt seyn, auch hierüber von beederseitigen Aeltern ein Revers ausgestellt werde; so ... versprechen wir, dass obbenannter unser Sohn dieser Einrichtung so wohl, als allen übrigen Gesetzen und Anordnungen des Instituts auf das genaueste nachzuleben geflissen sein wird ...". 2)

Der Herzog persönlich korrigierte die Schulordnung und schrieb somit auch das Auftreten und den Tagesablauf der Zöglinge vor. Bis ins Einzelne gingen die Anordnungen. Nicht nur die Parade-Uniform, sondern das Nachthemd und die Zahl der Schnupftücher waren festgelegt. Alle Schüler hatten gleich militärisch auszusehen und waren zum Zopftragen verpflichtet. Per Formularvordruck wurde der Herzog täglich über alle Schüler und alle wichtigen Ereignisse auf dem Laufenden gehalten, und nicht selten erschien Carl Eugen in der Schule, um zu kontrollieren und zu regeln.

Franz Mehring beurteilt in seiner zum 100. Todestag des Dichters 1905 erschienenen Biographie „Schiller, ein Lebensbild für deutsche Arbeiter" den Zwang der Schule mit folgenden Worten:

Hündische Kriecherei vor dem Herzog war das belebende Prinzip der Anstalt, und an ihr tobte er nun seine despotischen Narreteien in dem Maße aus, wie sie ihm sonst eingeschränkt worden waren.
So auch presste er die Zöglinge, wie ehedem die Rekruten im Siebenjährigen Kriege, und unter den Opfern, die er gewaltsam dem Schoß ihrer Familien entriss, befand sich der dreizehnjährige Friedrich Schiller. Vergebens protestierte der Vater unter Berufung darauf, dass sein Sohn den geistlichen Beruf zu erwählen gedächte und eine Theologische Fakultät an der Militärakademie nicht bestünde; er wurde mit dem Bemerken abgewiesen, dass der Knabe dann Rechtswissenschaft studieren könnte. Als herzoglicher Offizier musste sich der Vater schließlich fügen und durfte noch froh sein, dass der Herzog versprach, den gezwungenen Zögling nach dem Austritt aus der Akademie besser zu versorgen, als es im geistlichen Stande möglich sein würde. Am 16. Januar 1772 wanderte der junge Schiller in die Karlsschule, und erst acht Jahre später, gegen Ende des Jahres 1780, hat er sie verlassen." 3)

Im Laufe der Studienjahre verschlechterten sich Schillers Ergebnisse, schon im dritten Jahr war einer der schlechtesten Schüler. Dasw hing damit zusammen, das er der Juristerei nichts abgewinnen konnte. 
Ende 1775 wurde die Akademie nach Stuttgart verlegt, dort wurde ein neues Lehrfach angeboten: Medizin. Der als Jurist nicht mehr tragbar gewordene Schiller wurde mit einem seiner nächsten Freunde, Wilhelm Petersen,  zur neuen Fakultät überwiesen. Hier blühte Schiller auf und begann zu schreiben. 
Mit dem 16-Jährigen Schiller beginnt eine neue entscheidende Generation des "Sturm und Drang". Schiller begann sein erstes großes Werk: "Die Räuber". Die eigentliche Entstehungszeit ist nicht mit Sicherheit zu umgrenzen, liegt aber wahrscheinlich in den letzten Studienjahren 1779/80. 
Der Anstoß zur Ausbildung der Räuber - Fabel kam für Schiller von einer Erzählung Daniel Christian Schubarts, der im Januar 1775 unter dem Titel "Zur Geschichte des menschlilchen Herzens" im "Schwäbischen Magazin" erschienen war. Zu der in der Vorlage gegebenen Grundfabel trat bei Schiller das tragische Motiv des "erhabenen Verbrechers" hinzu, vielleicht gefördert durch das Schicksal des schwäbischen Diebes und Straßenräubers Friedrich Schwan (1775 - 1760), des sogenannten Sonnenwirts, dessen Geschichte ihm wohl von seinem Psychologie - Professoer jakob Friedrich Abel vermittelt wurde, und die er später selbst in der Ezählung "Der Verercher aus verlorener Ehre" verarbeitete.
Mitte Dezember 1780 wurde Schiller als Arzt aus der Akademie entlassen. 
Nun war Schiller Regimentsmedikus. Aus einem der wenigen Briefe, die Schiller in dieser Zeit schrieb, geht
hervor, dass er zunächst an eine medizinisch Karriere dachte, obwohl ihn auch die Medizin nicht besonders interessierte. Schiller verbrachte fast 2 Jahre in dem kleinbürgerlichen Stuttgart, das er sein "Loch der Prüfung" nannte. 
Im Frühjahr 1781 glaubte Schiller endlich "Die Räuber" druckfertig zu haben, doch er fand keinen Verleger und musste auf eigene Kosten im Selbstverlag in Stuttgart drucken lassen. Dies auch wegen Umgehung der für alle Arbeiten der Akademieschüler notwendigen Druckerlaubnis, unter strenger Geheimhaltung der Drucklegung, anonym und mit geborgtem Geld. Die ersten sieben Bögen schickte er zum Buchhändler Schwan in Mannheim. Auf dessen Vorschlag überarbeitete er große Teile der Räuber.  Der Intendant des Mannheimer Theaters,  Dalberg,  bat um eine Bühnenbearbeitung "Der Räuber". 
Am 13.1.1782 wurden "Die Räuber" mit überwältigendem Erfolg im Mannheimer Hof- und Nationaltheater aufgeführt. SChiller war dazu heimlich und ohne Urlaub von Stuttgart nach Mannheim ins "Ausland" gereist. Iffland spielte den Franz Moor. 
Die außerordentliche Wirkung des Stückes auf der Bühne hält ein berühmter zeitgenössischer Bericht fest:
"Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht."
So bestätigt, ging Schiller an die Aufgabe, eine Veröffentlichung durch den Verleger Schwan vorzubereiten, deren Text der Bühnenfassung entsprechen sollte. 
Zuvor schon war eine "Zwote verbesserte Auflage" bei Tobias Löffler in Mannheim erschienen, die als eine Art Vrläufer der Bühnenbearbeitung von Schillers Hand gelten kann, die aber von ihm bald verworfen und später ganz vergessen worden ist. In dieser Ausgabe hatte der verleger das Titelblatt mit einer Löwenvignette verziert und ihr die Worte "in Tirannos" eingefügt. Ddieses Motto, dass mit den Räubern immer wieder verbunden werden sollte, musste dem Autor selbst damals höchst unangenehm sein, daa es an die Fehde Huttens gegen den württembergischen herzog erinnerte und dem Drama somit eine unbeabsichtigte politische Tendenz gab.

Karl Moor vollzieht also stellvertretend für den Autor und dessen Mitschüler die Revolte. Ausgehend von den Erlebnissen des Kadavergehorsams scheint das Leipziger Studentenmilieu für Schillers Freiheitsdrang der angemessene Rahmen zu sein. Die geistige Flucht aus der reglementierten Welt in die Räuberfreiheit der Böhmischen Wälder war für Schiller die adäquate Antwort.
 

1) Arthur Kutscher, Einleitung zu: Schillers Werke. Vollständige Ausgabe in fünfzehn Teilen, Berlin u.a. 1909, Bd. 1, S. XXI-CXCVII, Zitat S. XXXI.
2) Abdruck bei F. Pfäfflin/E. Dambacher, Schiller. Ständige Ausstellung des Schiller-Nationalmuseums, Marbach 1980, S. 28.
3) Franz Mehring, Schiller. Ein Lebensbild für deutsche Arbeiter [1905], Ausgabe von W. Heist, Berlin o.J., S. 20 f.; zitiert nach: Martin H. Ludwig, Friedrich Schiller. Die Räuber, Analysen und Reflexionen, S. 33 f.


Fortsetzung: Flucht aus Stuttgart | Oggersheim | Bauerbach


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