Sigmund Freud:
Normen, Triebe und Kultur
„Die Macht des Es drückt die eigentliche Lebensabsicht des Einzelwesens
aus. Sie besteht darin, seine mitgebrachten Bedürfnisse zu befriedigen.
Eine Absicht, sich am Leben zu erhalten und sich durch die Angst vor Gefahren
zu schützen, kann dem Es nicht zugeschrieben werden. Dies ist die
Aufgabe des Ichs, das auch die günstigste und gefahrloseste Art der
Befriedigung mit Rücksicht auf die Außenwelt herauszufinden
hat. Das Über-Ich mag neue Bedürfnisse geltend machen, seine
Hauptleistung bleibt aber die Einschränkung der Befriedigungen [...].
Die Vorstellung eines Ichs, das zwischen Es und Außenwelt vermittelt,
die Triebansprüche des einen übernimmt, um sie zur Befriedigung
zu führen, an dem anderen Wahrnehmungen macht, die es als Erinnerungen
verwertet, das auf seine Selbsterhaltung bedacht sich gegen überstarke
Zumutungen von beiden Seiten her zur Wehr setzt, dabei in all seinen Entscheidungen
von den Weisungen eines modifizierten Lustprinzips geleitet wird, diese
Vorstellung trifft eigentlich nur für das Ich bis zum Ende der ersten
Kindheitsperiode (um 5 Jahre) zu. Um diese Zeit hat sich eine wichtige
Veränderung vollzogen. Ein Stück der Außenwelt ist als
Objekt, wenigstens partiell, aufgegeben und dafür (durch Identifizierung)
ins Ich aufgenommen, also ein Bestandteil der Innenwelt geworden. Diese
neue psychische Instanz setzt die Funktion fort, die jene Personen der
Außenwelt ausgeübt hatten, sie beobachtet das Ich, gibt ihm
Befehle, richtet es und droht ihm mit Strafen, ganz wie die Eltern, deren
Stelle es eingenommen hat. Wir heißen diese Instanz das Über-Ich,
empfinden sie in ihren richterlichen Funktionen als unser Gewissen. Bemerkenswert
bleibt es, dass das Über-Ich häufig eine Strenge entfaltet, zu
der die realen Eltern nicht das Vorbild gegeben haben. Auch dass es das
Ich nicht nur wegen seiner Taten zur Rechenschaft zieht, sondern ebenso
wegen seiner Gedanken und unausgeführten Absichten, die ihm bekannt
zu sein scheinen."
(S. Freud: Gesammelte Werke im S. Fischer-Verlag,
Bd XIV; zit. nach: Konzepte 5, S. 13 f.)
© H. Kerber 1995 | 2007 | 2009
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