| Gruppennormen und Konformität
„Gruppen pflegen ihren Mitgliedern Kontrollen aufzulegen, um die erlaubte
Reichweite ihres Verhaltens, ihrer Einstellungen und Beziehungen regulieren
zu können und um die Kontinuität der Gruppe zu gewährleisten.
Als Nebenprodukt der Interaktionen innerhalb der Gruppe entstehen Normen,
aus denen eine von allen geteilte Sicht von der Welt oder, anders ausgedrückt,
Gruppeneinstellungen und Gruppenvorstellungen entspringen. Wenn die Norm
oder der Standard sich einmal etabliert hat, üben sie einen verhaltenseinschränkenden
Einfluss auf die Mitglieder aus, denn sie erzeugen nicht nur den Druck,
die Norm zu beachten, sondern auch Hemmungen, sie zu durchbrechen. Gemeinsame
Normen stellen eines der hervorstechendsten Merkmale von Gruppen dar. [...]
Wenn das Individuum zum Mitglied einer von ihm positiv gewerteten Gruppe
werden will, wird es im Allgemeinen seine Denk- und Handlungsweisen und
Gefühle in Richtung auf die Gruppennormen verändern. Bei dieser
Veränderung spielen die Faktoren Interaktionshäufigkeit, Unsicherheit
über richtiges Verhalten und Gruppendruck eine wesentliche Rolle.
Ein Gruppenmitglied muss einen Teil seiner Individualität aufgeben,
wenn die Gruppe erhalten bleiben soll und ihre Ziele im gemeinsamen Vorgehen
erreichen will. Auf diese Weise entsteht der Gruppendruck, der die Gruppenkonformität
unter den Mitgliedern herbeiführt.
Die Gruppennormen erhalten ihre Ausgestaltung sowohl durch formellen
als auch unformellen Druck, der über die Kommunikation zwischen den
Gruppenmitgliedern weitergeleitet wird. Tatsächlich bezieht sich ein
Großteil der Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern auf den
Druck zu Konformität. [...] Wenn es der Gruppe nicht gelingt, den
Abweichenden zur Ordnung zu rufen, besteht die große Gefahr, dass
sie ihn von sich stößt. Außerdem wird die Anziehungskraft
der Gruppe auf das Mitglied dem Abweichungsversuch entgegenwirken. [...]
Gruppen mit hoher Kohäsion oder Anziehung versuchen, einen größeren
Einfluss über ihre abweichenden Mitglieder zu erringen als Gruppen
mit niedriger Kohäsion. Die direkte Kommunikation mit dem Abweichler
lässt einen sozialen Druck entstehen, der ihn zur Konformität
mit den Gruppennormen zwingt."
(Leon Mann, Sozialpsychologie, Weinheim/Basel,
Beltz 1976, S. 61 ff.)
© H. Kerber 1995 | 2007 | 2009
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