| Der vierte Akt führt alle Handlungsträger nach Franken, in
den Umkreis des Stammschlosses derer von Moor. Dabei vermeidet es Schiller,
die beiden Brüder unmittelbar auf der Bühne zu konfrontieren.
Der Graf Brand (Pseudonym für Karl) ist zwar zu einem Abendessen auf
dem Schloss eingeladen und Franz schöpft Verdacht, hinter der Larve
des Grafen verberge sich ein anderer, diese Szene wird aber nicht als Handlung
dargestellt, sondern lediglich kurz von Franz referiert.
Nachdem Karl, der sich in das Elysium schuldloser Kindheit zurückgekehrt
wähnt, seine Heimat gefühlvoll begrüßt (IV,1) und
er in der Rolle des Grafen Brand zusammen mit Amalia die Ahnengalerie besichtigt
hat, erleben wir einen Franz, bei dem erste Zeichen einer inneren Unsicherheit
sichtbar werden. Daniel gegenüber verharrt er noch bei seiner Ablehnung
aller moralischen Kategorien, gibt den kaltblütigen Befehl zum Brudermord
und zeigt in dessen theoretischer Rechtfertigung noch einmal ein Beispiel
seines absolut (zynischen) materialistischen Menschenbildes. Deutlich sichtbar
ist aber auch, dass er von Angst und physischer Unruhe umgetrieben wird
(IV,2).
In IV,3 trifft Karl mit Daniel zusammen, Daniel erkennt ihn und offenbart
den Bruderbetrug; in IV,4 führt Schiller Karl und Amalia erneut zusammen,
wobei Schiller Amalia in zwiespältige Gefühlslagen versetzt:
Amalia hat sich in den Grafen Brand (der doch ihr Karl ist, ohne dass sie
es weiß) verliebt und wird so, indem sie sich Karl (der für
sie der Graf Brand ist) zuwendet, Karl untreu (s. H.v. Kleist, Amphitryon).
Von besonderer Bedeutung ist die fünfte Szene, die Karls innere
Verzweiflung, aber auch seine Selbsterhebung aufzeigt. Die SchülerInnen
sollten erkennen, dass
-
Karl angesichts des ihm zugefallenen Lebensschicksals und anlässlich
des Verschwörungsversuchs von Spiegelberg in eine schwere innere Krise
gerät, die ihn (Schiller ist auf dem Weg zu einem idealistischen Philosophen)
nach der Existenz Gottes und nach dem ausgleichenden Korrektiv im Jenseits
fragen lässt,
-
die Versuchung des Selbstmordes angesichts seiner scheinbar heillosen Situation
überstark wird,
-
er sich durch Rückbesinnung auf sich selbst aus persönlicher
Selbstachtung zur weiteren Räuberexistenz entscheidet,
-
das entdeckte Schicksal seines alten Vaters für ihn das Räuberhandwerk
adelt, so dass die private Rache für Franzens Schandtaten zugleich
als Rache für die verletzte Ordnung der Natur, des Kosmos erscheint.
(Einzelanalyse in IVAKT-5.TAF)
© H. Kerber 1995 | 2007 | 2009
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