| „Nur der Pöbel, der es für erlaubt hält, einen
Juden zu hintergehen, gibt ihm schuld, dass er nach seinem Gesetze fremde
Glaubensgenossen betrügen dürfe, und nur verfolgungssüchtige
Priester haben Märchen von dem Vorurteil der Juden gesammelt, die
nur ihre eigenen beweisen. Die der Menschlichkeit wie der Politik gleich
widersprechenden Grundsätze der Ausschließung, welche das Gepräge
der finsteren Jahrhunderte tragen, sind der Aufklärung unserer Zeit
unwürdig und verdienen schon längst nicht mehr, befolgt zu werden.
Unseren festgegründeten Staaten müsste jeder Bürger willkommen
sein, der die Gesetze beobachtet und durch seinen Fleiß den Reichtum
des Staates vermehrt. Auch der Jude hat auf diesen Genuss, auf diese Liebe
Anspruch. Seine Religion macht ihn ihrer nicht unwürdig, da er bei
ihrer strengsten Befolgung ein guter Bürger sein kann. Ich wage es,
selbst die standhafte Anhänglichkeit an die nach ihrem Glauben ihren
Vätern verliehene Lehre von Gott dem jüdischen Charakter als
einen guten Zug anzurechnen. Was der Christ Blindheit und verstockte Hartnäckigkeit
nennt, ist beim Juden standhafte Beharrlichkeit bei dem, was er einmal
als göttliches Gebot glaubt. Wer kann sich versagen, den Juden hoch
zu achten, den keine Marter bewegen konnte, von seiner Religionsvorschrift
abzugehen, und den Nichtswürdigen zu verachten, der um des Vorteils
willen sich [von ihr] lossagt und den christlichen Glauben mit den Lippen
bekennt? Schon allein die Anhänglichkeit an den uralten Glauben gibt
dem Charakter der Juden eine Festigkeit, die auch zur Bildung ihrer Moralität
überhaupt vorteilhaft ist. Ihre Armen fallen dem Staate nicht zur
Last; die ganze Gemeinde nimmt sich ihrer an. Das häusliche Leben
genießen sie mit mehr Einfachheit. Sie sind meistens gute Ehemänner
und Hausväter. Der Luxus ist auch unter ihren Reichen noch lange nicht
wo weit gestiegen als bei den Christen vom gleichen Vermögen. Dem
Staate sind sie überall ergeben, und sie haben oft in Gefahren einen
Eifer bewiesen, den man von so wenig begünstigten Gliedern der Gesellschaft
nicht erwarten sollte [...]".
(J. Höxter: Quellenbuch zur jüdischen
Geschichte und Literatur, Frankfurt a.M. 1930, Bd. 4, S. 157 f.)
© H. Kerber 1995 | 2007 | 2009
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