Ein Bauer und seine Frau.
Abends in ihrer Schlafkammer.
DER MANN: Frau, liegst du? so tu ich das Licht aus. Dehne dich zu guter
Letzt noch einmal recht in deinem Bette. Morgen wird's gepfandet. Der Fürst
hat's verprasst.
DIE FRAU: Lieber Gott!
DER MANN indem er sich niederlegt: Bedenk einmal das wenige, was wir
ihm gegeben haben, gegen das Geld, was er durchbringt; so reicht es kaum
zu einem Trunke seines köstlichen Weins zu.
DIE FRAU: Das ist erschrecklich, wegen eines Trunkes zwei Leute unglücklich
machen! Und das tut einer, der nicht einmal durstig ist! Die Fürsten
können ja nie recht durstig sein.
DER MANN: Aber wahrhaftig! wenn auch in dem Kirchengebet das kommt:
"Unsern durchlauchtigen Landesherren und sein hohes Haus", so kann ich
nicht mitbeten. Das hieße Gott spotten, und er lässt sich nicht
spotten.
DIE FRAU: Freilich nicht! - Ach! ich bin in diesem Bette geboren, und,
Wilhelm, Wilhelm! es ist unser Brautbett!
DER MANN springt auf: Bedächte ich nicht meine arme Seele, so
nähm ich mein Strumpfband, betete ein gläubig Vaterunser, und
hinge mich an diesen Bettpfosten.
DIE FRAU schlägt ein Kreuz: Gott sei mit uns! - Da hättest
du dich schön gerächt!
DER MANN: Meinst du nicht? - Wenn ich so stürbe, so würdest
du doch wenigstens einmal seufzen!
DIE FRAU: Ach Mann!
DER MANN: Und unser Junge würde schreien! Nicht?
DIE FRAU: Gewiss!
DER MANN: Gut! An jenem Tage ich, dieses Seufzen und Schreien auf einer
Seite - der Fürst auf der andern! Ich dächte, ich wäre gerächt.
DIE FRAU: Wenn du an jenen Tag denkst, wie kannst du so reden? Da seid
ihr, der Fürst und du, ja einander gleich.
DER MANN: Das wolle Gott nicht! Siehe, ich gehe aus der Welt, wie ich
über Feld gehe, allein, als ein armer Mann. Aber der Fürst geht
heraus, wie er reist, in einem großen Gefolge. Denn alle Flüche,
Gewinsel und Seufzer, die er auf sich lud, folgen ihm nach.
DIE FRAU: Desto besser! - So sieh doch dies Leben als einen heißen
Erntetag an! - Darauf schmeckt die Ruhe so süß; und dort ist
Ruhe von Ewigkeit zu Ewigkeit.
DER MANN legt sich wieder nieder: Amen! Du hast recht, Frau. Lass sie
das Bette nehmen, die Unsterblichkeit können sie mir doch nicht nehmen!
Schlaf wohl.
DIE FRAU: Und der Fürst und der Vogt sind ja auch unsterblich.
- Gute Nacht! Ach, morgen Abend sagen wir uns die der auf Erde!
Aufgaben:
- Welche Situation wird als Ausgangspunkt für diese kurze Dialogszene
gewählt?
- Untersuchen Sie, welche religiösen Fragen das bäuerliche
Ehepaar bespricht und welche Ansichten dabei vertreten werden.
© H. Kerber 1995 | 2007 | 2009
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