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Fachbereich Deutsch
Drama

Friedrich Schiller
Die Räuber

Der Prozess gegen Karl
Persönlichkeitsprofil des Karl Moor

Vorgegebenheiten

Karl ist etwa 25-30 Jahre alt. Er ist der erstgeborene Sohn Maximilians und deshalb als Thronfolger vorgesehen. In den letzten sechs Jahren war er „Student" in Leipzig.

Kindheit und Jugend

Er genießt die ganze, liebevolle Zuwendung des Vaters, Amalias, Daniels. Den vom Vater gewährten Freiraum füllt er mit unbändiger Vitalität, tollt abenteuernd meist außerhalb des Schlosses, steigt den Mädchen nach, teilt mit jedermann großspurig und leichtsinnig sein Geld, liest Abenteuerromane statt der vorgesehenen Erbauungsliteratur. Zur Rücksichtnahme wird er so gut wie nicht angehalten, vom Vater auch nicht getadelt oder gestraft. Jedermann gewährt ihm die Befriedigung seiner Begehren, auch Amalia, so dass er Frustrationstoleranz aufzubauen nicht nötig hat.

Psychische Struktur

- Starkes, stabiles Selbstbewusstsein:

Ursachen:
* Er wurde stets nur geliebt.
* Stets hatte er eine unangefochtene soziale Position (Erstgeborener, Thronerbe).
* Die Grenzen seiner Möglichkeiten wurden ihm nie aufgezeigt.
* Er hatte stets Erfolgserlebnisse, vor allem im Umgang mit Menschen, die ihm spontan zufliegen.

- Großmannssucht:
 In jeder Handlungssituation ist er wie selbstverständlich der alle beherrschende Herr (er ergreift die Führung der von Spiegelberg gegründeten Bande, er leitet Rollers Befreiung, er beherrscht in II,3 die Bande und den Pater, er nimmt die Bande von III,2 an für seine Vergangenheitsbewältigung in Anspruch, er beherrscht die Situation des Konflikts zwischen Amalia und der Bande).

- Phasenweise Depressionen:
 Die vorherrschenden Phasen selbstbewussten, selbstsicheren, aktiven Herrentums werden von Phasen kurzfristiger Depressionen unterbrochen, in denen er an der Welt "verzweifelt".

- Geborgenheit - Sicherheit:
 Ein Mittel des Verdrängens von Verzweiflung ist die Weckung des Bewusstseins, letztlich unverletzbar geborgen zu sein: zunächst - vermeintlich - in der Hut Maximilians, später - vermeintlich - in der Treue der Bande, dann - vermeintlich - in der Führung Gottes.

- Idealismus:
 Das zweite Mittel des Verdrängens von Verzweiflung ist die - vermeintliche! - Gewissheit, dass er, und zwar er allein, weiß, nach welchen moralischen und politischen Prinzipien die Welt geordnet sein sollte, dass er daher der berufene Richter und Rächer der verkommenen Menschheit, der ganzen Natur sei.

- Selbstgerechtigkeit:
 Er hält sich stets für unschuldig an den grauenvollen Folgen seiner Handlungen, Schuld haben stets die anderen (der Vater, der Bruder, die Bande, der üble Zustand der Welt).

- Moralische Skrupellosigkeit:
 Rational anerkennt er zwar moralische Werte wie soziale Gerechtigkeit, Treue, Mut, Freiheit, Gleichheit (Idealismus!). Aber der Kern seiner Persönlichkeit ist nicht von diesen Werten geprägt, er hat sie nicht so verinnerlicht wie Franz, da er schon als Kind kaum zu Hause war. Daher zögert er nicht, andere Menschen zu schädigen (Leipzig), zu morden (Bewohner der Stadt, den Bruder, den Vater, Amalia), Freunde zu verlassen (Amalia, die Bande), herrschsüchtig zu befehlen (die Bande), wenn es seinem momentanen Begehren nützt.

- Rücksichtslosigkeit:
 Er wirbt nie um die Gunst von Menschen, wer nicht von sich aus mit ihm ist, ist für ihn uninteressant oder sein Gegner. Wer sich ihm hingibt, wird fallengelassen, wenn er nicht mehr gebraucht wird (aus Leipzig schreibt er offensichtlich nur einmal an den Vater, an Amalia gar nicht; in V will er den Vater und Amalia und schließlich die Bande [vorher schon mehrmals] einfach verlassen).

Entwicklung

I,1
Mittellos, am Rande der Gesellschaft, steckbrieflich gesucht, erwartet Karl - wie in seiner Kindheit - die für ihn selbstverständliche Verzeihung Maximilians, um aus seinen Schwierigkeiten fliehen und unter der Hut des Vaters zu neuen "Vergnügen" aufbrechen zu können, nämlich zu "seiner Amalia" und zur Herstellung der "Republik" Deutschland. Das weitere Schicksal seiner bisherigen Abenteuer-Genossen interessiert ihn nicht (Rücksichtslosigkeit). Der Fluchbrief des Vaters bewirkt nicht die Änderung seines seit der Kindheit gewohnten Lebensstils, nicht den Versuch, das Wohlwollen des Vaters zu erringen (Selbstwertbewusstsein, Selbstgerechtigkeit), nicht den Versuch, wenigstens Amalias Nähe zu suchen, sondern momentane Depression, anschließend selbstgerechte Aktivität in Fortsetzung seines bisherigen Verhaltens und vor allem ein Eintauchen in die neue Geborgenheit der Bandentreue. Die Führung der von Spiegelberg gegründeten Bande (!) übernimmt er wie selbstverständlich (Handlungssicherheit, Großmannssucht), lässt die Mitglieder Treue schwören, gibt der Bande moralische Binnengesetze: "Treue", "Gehorsam", Standhaftigkeit", "Freiheit" (Idealismus) und steckt ihr das nur für ihn sinnvolle Ziel: "Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war" (moralisch skrupelloser Aktivismus). Von Anfang an verknüpft Karl einen hochgestochenen moralischen Anspruch mit skrupellosem, amoralischem Aktivismus.

II,3
Während seines einjährigen Rachefeldzuges hat Karl den Vater und Amalia verdrängt. Er hat seinem amoralischen Aktivismus eine idealistische Rechtfertigungsideologie übergestülpt. Er und seine Bande seien das "Racheschwert der oberen Tribunale im Himmel", das leider "den Gerechten mit dem Bösewicht auffrisst". Er ahnt, dass er selbst moralisch schuldig geworden ist, und dass die Bandenmitglieder sich nur äußerlich seiner Ideologie beugen. Diese Konflikte - in sich: zwischen religiös-sittlicher Ideologie und seiner unmoralischen Wirklichkeit, in der Bande: zwischen seinem ideologischen Herrschaftsanspruch und den Interessen der Bandenmitglieder - will er unter Bruch seines Treueeids lösen und durch die Flucht (schon die zweite Fluchtabsicht) der Bande entkommen. Seine Flucht wird aber durch einen äußeren Umstand, durch die Armee, verhindert. Diese Gefahrensituation aktiviert (wie in I,2) seine Großmannssucht: Er will sich ausliefern. Mit diesem Verfahren geht er keinerlei Risiko ein. Liefert ihn die Bande aus, so ist dies der Höhepunkt seines selbstgerechten Herrentums, das nur an den elenden Mitmenschen scheitert ("Ihr seid nicht Moor ... Ihr wart elende Werkzeuge meiner größeren Pläne ... Verächtlich wie der Strick in der Hand des Henkers."); liefert ihn die Bande nicht aus, so hat er sich neuerdings sein Herr-Sein bestätigt. Die Bande liefert ihn nicht aus, er hat sich selbst bestätigen können; die von ihm geschaffene idealistische Binnenmoralität der Bande hat sich - scheinbar - bewährt. Die ideologische Rechtfertigung für die Verbrechen der Bande hat sich - scheinbar - als wahr erwiesen. Aber Karl hat sich auch noch mehr an die Bande gebunden.

III,2
Karl wird sich seiner psychisch-sozialen Wirklichkeit bewusst:

  1. Sein einziger Vertrauter, Roller, ist im Kampf gefallen. Er selbst ist in der von ihm selbst als unmoralisch erkannten Bande ("umlagert von Mördern") einsam.
  2. Er kann sich von der Bande, der er Treue geschworen hat, nicht trennen, ohne sich selbst moralisch aufzugeben ("angeschmiedet an das Laster mit eisernen Banden").
  3. Nach der Tötung von 83 "kleine Leuten" in der Stadt und 300 Soldaten während der Schlacht haben er und die Bande keinen Rückhalt mehr in der einfachen Bevölkerung ("Die ganze Welt ist eine Familie, ich allein der Verstoßene"), daher haben sie keine Chance, auf die Dauer zu überleben ("Es wird alles zugrunde gehen.").
  4. Die ideologische Rechtfertigung der Bande lässt sich nicht halten, denn sie selbst ist amoralisch ("Mörder", Nattern"), und sie kann ihre angeblich sittlich-religiös-politische Mission nicht mehr erfüllen (dem Menschen "schlägt fehl, was ihn den Göttern gleichmacht").
In dieser depressiven Phase sehnt er sich erstmalig wieder nach dem Vater und Amalia, doch er weiß, dass ihm auch der Rückzug nach Hause versperrt ist durch seine Bindung an die Bande ("Mir nicht der süße Name Kind (!), nimmer der Geliebten schmachtender (!) Blick"). Er erkennt seine moralische Wirklichkeit ("ich so hässlich ..., ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde"), doch er erkennt noch nicht, dass er selbst die Ursache dieser Ungeheuerlichkeit ist. Noch immer sind die Umstände schuld, daher formuliert er passivisch: "dem Menschen schlägt fehl, was ihn den Göttern gleich macht"; er sieht sich "umlagert von Mördern, von Nattern umzischt, angeschmiedet an das Laster". Sein vergangenes und weiteres Leben erscheint ihm immer noch fremdbestimmt.
In Kosinski begegnet ihm seine eigene Geschichte. Hierdurch kommt zwar seine Selbsterkenntnis einen Schritt weiter (Anlass für die Gründung der Bande sei "Verzweiflung" gewesen, nicht Idealismus), aber immer noch bleibt er relativ schuldlos ("man kann sich täuschen").
Diese Phase der deprimierenden Selbsterkenntnis beendet Karl in typischer Weise: Durch Aktivität des Herren-Menschen. Herrisch befiehlt er den Aufbruch der ganzen Bande, um Amalia zu sehen, nicht den Vater (!). Nicht Liebe ist das Motiv seiner Rückkehr - er hatte Amalia offensichtlich mehr als ein Jahr vergessen -, sondern Aktivismus, der weiteres Nachdenken verhindert, verbrämt mit überheblichem Erlösergehabe ("Sie weint, sie vertrauert ihr Leben."). Bandenmitglieder, die einen Moment zögern, Erfüllungsgehilfen seiner Launen zu sein, fährt er "heftig" an: "Verräter!".

IV,1
Die Angst, die Karl vor der Begegnung mit dem Vater ergreift, erstickt er zunächst in lamentierendem Selbstmitleid, dann in total egozentrischem Aktivismus. Obwohl er weiß, dass er nur "eine Stunde" wird bleiben können, interessieren ihn die Empfindungen, die er bei Vater und Amalia auslösen könnte, nicht.

IV,2
Vor dem Bild des Vaters erlebt Karl sein "Letztes Gericht", erkennt er einen Teil seiner Schuld: "Ich, ich hab ihn getötet." Jedoch wieder bricht er diesen Erkenntnisprozess durch Flucht ab.

IV,3
Karl erkennt durch Daniel, dass auch die biographische Rechtfertigung seiner Räuberexistenz, nämlich seine Verzweiflung über die Verstoßung durch den Vater, nicht stichhaltig ist. Zwar blitzt in ihm der Gedanke auf, dass er sich ja nach Erhalt des Verbannungsbriefes hätte dem Vater persönlich zu Füßen werfen können, doch diesen Gedanken verdrängt er. Er schiebt dem Bruder die Alleinschuld an all seinen Morden und Räubereien zu (Selbstgerechtigkeit), und er flieht in eine sentimentale Liebesstunde mit Amalia, um dann endgültig "hurtig" von dem Ort zu fliehen, der ihn zur Wahrhaftigkeit vor sich selbst zwingt.

IV,5
Der innere Verfall der Bande (Spiegelberg, Razmann, Schweizer) beraubt ihn seiner psychischen Geborgenheit in der Bande. Daher muss er sich wieder mit sich auseinandersetzen. Hier leistet er zum zweiten Mal die Erkenntnis seiner Schuld: "Nein! Ein Mann muss nicht straucheln ... Ich bin mein Himmel und meine Hölle." Der Erkenntnis seiner Schuld will er entfliehen, diesmal durch Selbstmord. Doch sein herrischer Trotz hindert ihn, sich selbst zu töten. Er will als Herr seiner selbst leben: "Die Qual erlahme an meinem Stolze. Ich will's vollenden." Vollenden will er seinen Lebensweg als Räuber und Mörder, den er sich selbst gewählt hat. Wie sein Bruder wird er erst hier vollständig "das Ungeheuer mit Majestät", das "das abscheuliche Laster reizet, um der Größe willen, die ihm anhänget, um der Kraft willen, die es erfordert." (Unterdrückte Vorrede)
Jedoch die Einsicht, dass er selbst die Ursache seines Schicksals ist, erträgt er nur kurze Zeit. Denn nachdem er die Geschichte seines Vaters gehört hat, hat er eine neue Fremdursache für sein Schicksal entdeckt: Gott hat ihn seinen Weg als Räuber und Mörder nehmen lassen, damit er im Auftrag Gottes Retter und Rächer des Vaters sei (Selbstgerechtigkeit). Im neu gewonnenen Bewusstsein seiner göttlichen Auserwähltheit beauftragt er herrisch-kultisch den Schweizer, Franz zu fangen.

V,2
Das Bewusstsein, in Gottes Führung geborgen zu sein, hält an: "habe Dank, Lenker der Dinge! ... Nun wär' ... alles überstanden." Karl glaubt, jeder Verantwortung für seine Verbrechen ledig, aus dem göttlichen Auftrag entlassen zu sein und sich von der Bande trennen zu können. Doch vor dem Vater, der für ihn unbetrügbare moralische Instanz ist, will er sich nicht verantworten müssen. Auch die Fluchtmöglichkeit, in Zukunft in Amalias Armen zu liegen, wird ihm genommen, indem die Bande die Erfüllung seines Treueeides einklagt. Um selbst sich nicht von anderen bestimmen zu lassen, um sein Herr-Sein zu bewahren (Die Bande hatte ihn an ihre eigenen Wunden für ihn erinnert), ermordet er Amalia und übergibt sich selbst der Justiz: Er bekennt sich zu seinen Verbrechen. Doch zugleich ist diese Selbstjustiz die steilste Aufgipfelung seiner Großmannssucht: Seine Verbrechen seien so groß (s. die Ähnlichkeit mit Franz), dass er "den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten" könnte. Seine Selbstjustiz ist ein "Opfer, das die unverletzbare Majestät der sittlichen Gesetze vor der ganzen Menschheit entfaltet".

© H. Kerber 1995 | 2007 | 2009

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