| Persönlichkeitsprofil des Karl Moor
Vorgegebenheiten
Karl ist etwa 25-30 Jahre alt. Er ist der erstgeborene Sohn Maximilians
und deshalb als Thronfolger vorgesehen. In den letzten sechs Jahren war
er „Student" in Leipzig.
Kindheit und Jugend
Er genießt die ganze, liebevolle Zuwendung des Vaters, Amalias,
Daniels. Den vom Vater gewährten Freiraum füllt er mit unbändiger
Vitalität, tollt abenteuernd meist außerhalb des Schlosses,
steigt den Mädchen nach, teilt mit jedermann großspurig und
leichtsinnig sein Geld, liest Abenteuerromane statt der vorgesehenen Erbauungsliteratur.
Zur Rücksichtnahme wird er so gut wie nicht angehalten, vom Vater
auch nicht getadelt oder gestraft. Jedermann gewährt ihm die Befriedigung
seiner Begehren, auch Amalia, so dass er Frustrationstoleranz aufzubauen
nicht nötig hat.
Psychische Struktur
- Starkes, stabiles Selbstbewusstsein:
Ursachen:
* Er wurde stets nur geliebt.
* Stets hatte er eine unangefochtene soziale Position (Erstgeborener,
Thronerbe).
* Die Grenzen seiner Möglichkeiten wurden ihm nie aufgezeigt.
* Er hatte stets Erfolgserlebnisse, vor allem im Umgang mit Menschen,
die ihm spontan zufliegen.
- Großmannssucht:
In jeder Handlungssituation ist er wie selbstverständlich
der alle beherrschende Herr (er ergreift die Führung der von Spiegelberg
gegründeten Bande, er leitet Rollers Befreiung, er beherrscht in II,3
die Bande und den Pater, er nimmt die Bande von III,2 an für seine
Vergangenheitsbewältigung in Anspruch, er beherrscht die Situation
des Konflikts zwischen Amalia und der Bande).
- Phasenweise Depressionen:
Die vorherrschenden Phasen selbstbewussten, selbstsicheren, aktiven
Herrentums werden von Phasen kurzfristiger Depressionen unterbrochen, in
denen er an der Welt "verzweifelt".
- Geborgenheit - Sicherheit:
Ein Mittel des Verdrängens von Verzweiflung ist die Weckung
des Bewusstseins, letztlich unverletzbar geborgen zu sein: zunächst
- vermeintlich - in der Hut Maximilians, später - vermeintlich - in
der Treue der Bande, dann - vermeintlich - in der Führung Gottes.
- Idealismus:
Das zweite Mittel des Verdrängens von Verzweiflung ist die
- vermeintliche! - Gewissheit, dass er, und zwar er allein, weiß,
nach welchen moralischen und politischen Prinzipien die Welt geordnet sein
sollte, dass er daher der berufene Richter und Rächer der verkommenen
Menschheit, der ganzen Natur sei.
- Selbstgerechtigkeit:
Er hält sich stets für unschuldig an den grauenvollen
Folgen seiner Handlungen, Schuld haben stets die anderen (der Vater, der
Bruder, die Bande, der üble Zustand der Welt).
- Moralische Skrupellosigkeit:
Rational anerkennt er zwar moralische Werte wie soziale Gerechtigkeit,
Treue, Mut, Freiheit, Gleichheit (Idealismus!). Aber der Kern seiner Persönlichkeit
ist nicht von diesen Werten geprägt, er hat sie nicht so verinnerlicht
wie Franz, da er schon als Kind kaum zu Hause war. Daher zögert er
nicht, andere Menschen zu schädigen (Leipzig), zu morden (Bewohner
der Stadt, den Bruder, den Vater, Amalia), Freunde zu verlassen (Amalia,
die Bande), herrschsüchtig zu befehlen (die Bande), wenn es seinem
momentanen Begehren nützt.
- Rücksichtslosigkeit:
Er wirbt nie um die Gunst von Menschen, wer nicht von sich aus
mit ihm ist, ist für ihn uninteressant oder sein Gegner. Wer sich
ihm hingibt, wird fallengelassen, wenn er nicht mehr gebraucht wird (aus
Leipzig schreibt er offensichtlich nur einmal an den Vater, an Amalia gar
nicht; in V will er den Vater und Amalia und schließlich die Bande
[vorher schon mehrmals] einfach verlassen).
Entwicklung
I,1
Mittellos, am Rande der Gesellschaft, steckbrieflich gesucht, erwartet
Karl - wie in seiner Kindheit - die für ihn selbstverständliche
Verzeihung Maximilians, um aus seinen Schwierigkeiten fliehen und unter
der Hut des Vaters zu neuen "Vergnügen" aufbrechen zu können,
nämlich zu "seiner Amalia" und zur Herstellung der "Republik" Deutschland.
Das weitere Schicksal seiner bisherigen Abenteuer-Genossen interessiert
ihn nicht (Rücksichtslosigkeit). Der Fluchbrief des Vaters bewirkt
nicht die Änderung seines seit der Kindheit gewohnten Lebensstils,
nicht den Versuch, das Wohlwollen des Vaters zu erringen (Selbstwertbewusstsein,
Selbstgerechtigkeit), nicht den Versuch, wenigstens Amalias Nähe zu
suchen, sondern momentane Depression, anschließend selbstgerechte
Aktivität in Fortsetzung seines bisherigen Verhaltens und vor allem
ein Eintauchen in die neue Geborgenheit der Bandentreue. Die Führung
der von Spiegelberg gegründeten Bande (!) übernimmt er wie selbstverständlich
(Handlungssicherheit, Großmannssucht), lässt die Mitglieder
Treue schwören, gibt der Bande moralische Binnengesetze: "Treue",
"Gehorsam", Standhaftigkeit", "Freiheit" (Idealismus) und steckt ihr das
nur für ihn sinnvolle Ziel: "Blut und Tod soll mich vergessen lehren,
dass mir jemals etwas teuer war" (moralisch skrupelloser Aktivismus). Von
Anfang an verknüpft Karl einen hochgestochenen moralischen Anspruch
mit skrupellosem, amoralischem Aktivismus.
II,3
Während seines einjährigen Rachefeldzuges hat Karl den Vater
und Amalia verdrängt. Er hat seinem amoralischen Aktivismus eine idealistische
Rechtfertigungsideologie übergestülpt. Er und seine Bande seien
das "Racheschwert der oberen Tribunale im Himmel", das leider "den Gerechten
mit dem Bösewicht auffrisst". Er ahnt, dass er selbst moralisch schuldig
geworden ist, und dass die Bandenmitglieder sich nur äußerlich
seiner Ideologie beugen. Diese Konflikte - in sich: zwischen religiös-sittlicher
Ideologie und seiner unmoralischen Wirklichkeit, in der Bande: zwischen
seinem ideologischen Herrschaftsanspruch und den Interessen der Bandenmitglieder
- will er unter Bruch seines Treueeids lösen und durch die Flucht
(schon die zweite Fluchtabsicht) der Bande entkommen. Seine Flucht wird
aber durch einen äußeren Umstand, durch die Armee, verhindert.
Diese Gefahrensituation aktiviert (wie in I,2) seine Großmannssucht:
Er will sich ausliefern. Mit diesem Verfahren geht er keinerlei Risiko
ein. Liefert ihn die Bande aus, so ist dies der Höhepunkt seines selbstgerechten
Herrentums, das nur an den elenden Mitmenschen scheitert ("Ihr seid nicht
Moor ... Ihr wart elende Werkzeuge meiner größeren Pläne
... Verächtlich wie der Strick in der Hand des Henkers."); liefert
ihn die Bande nicht aus, so hat er sich neuerdings sein Herr-Sein bestätigt.
Die Bande liefert ihn nicht aus, er hat sich selbst bestätigen können;
die von ihm geschaffene idealistische Binnenmoralität der Bande hat
sich - scheinbar - bewährt. Die ideologische Rechtfertigung für
die Verbrechen der Bande hat sich - scheinbar - als wahr erwiesen. Aber
Karl hat sich auch noch mehr an die Bande gebunden.
III,2
Karl wird sich seiner psychisch-sozialen Wirklichkeit bewusst:
-
Sein einziger Vertrauter, Roller, ist im Kampf gefallen. Er selbst ist
in der von ihm selbst als unmoralisch erkannten Bande ("umlagert von Mördern")
einsam.
-
Er kann sich von der Bande, der er Treue geschworen hat, nicht trennen,
ohne sich selbst moralisch aufzugeben ("angeschmiedet an das Laster mit
eisernen Banden").
-
Nach der Tötung von 83 "kleine Leuten" in der Stadt und 300 Soldaten
während der Schlacht haben er und die Bande keinen Rückhalt mehr
in der einfachen Bevölkerung ("Die ganze Welt ist eine Familie, ich
allein der Verstoßene"), daher haben sie keine Chance, auf die Dauer
zu überleben ("Es wird alles zugrunde gehen.").
-
Die ideologische Rechtfertigung der Bande lässt sich nicht halten,
denn sie selbst ist amoralisch ("Mörder", Nattern"), und sie kann
ihre angeblich sittlich-religiös-politische Mission nicht mehr erfüllen
(dem Menschen "schlägt fehl, was ihn den Göttern gleichmacht").
In dieser depressiven Phase sehnt er sich erstmalig wieder nach dem Vater
und Amalia, doch er weiß, dass ihm auch der Rückzug nach Hause
versperrt ist durch seine Bindung an die Bande ("Mir nicht der süße
Name Kind (!), nimmer der Geliebten schmachtender (!) Blick"). Er erkennt
seine moralische Wirklichkeit ("ich so hässlich ..., ein Ungeheuer
auf dieser herrlichen Erde"), doch er erkennt noch nicht, dass er selbst
die Ursache dieser Ungeheuerlichkeit ist. Noch immer sind die Umstände
schuld, daher formuliert er passivisch: "dem Menschen schlägt fehl,
was ihn den Göttern gleich macht"; er sieht sich "umlagert von Mördern,
von Nattern umzischt, angeschmiedet an das Laster". Sein vergangenes und
weiteres Leben erscheint ihm immer noch fremdbestimmt.
In Kosinski begegnet ihm seine eigene Geschichte. Hierdurch kommt zwar
seine Selbsterkenntnis einen Schritt weiter (Anlass für die Gründung
der Bande sei "Verzweiflung" gewesen, nicht Idealismus), aber immer noch
bleibt er relativ schuldlos ("man kann sich täuschen").
Diese Phase der deprimierenden Selbsterkenntnis beendet Karl in typischer
Weise: Durch Aktivität des Herren-Menschen. Herrisch befiehlt er den
Aufbruch der ganzen Bande, um Amalia zu sehen, nicht den Vater (!). Nicht
Liebe ist das Motiv seiner Rückkehr - er hatte Amalia offensichtlich
mehr als ein Jahr vergessen -, sondern Aktivismus, der weiteres Nachdenken
verhindert, verbrämt mit überheblichem Erlösergehabe ("Sie
weint, sie vertrauert ihr Leben."). Bandenmitglieder, die einen Moment
zögern, Erfüllungsgehilfen seiner Launen zu sein, fährt
er "heftig" an: "Verräter!".
IV,1
Die Angst, die Karl vor der Begegnung mit dem Vater ergreift, erstickt
er zunächst in lamentierendem Selbstmitleid, dann in total egozentrischem
Aktivismus. Obwohl er weiß, dass er nur "eine Stunde" wird bleiben
können, interessieren ihn die Empfindungen, die er bei Vater und Amalia
auslösen könnte, nicht.
IV,2
Vor dem Bild des Vaters erlebt Karl sein "Letztes Gericht", erkennt
er einen Teil seiner Schuld: "Ich, ich hab ihn getötet." Jedoch wieder
bricht er diesen Erkenntnisprozess durch Flucht ab.
IV,3
Karl erkennt durch Daniel, dass auch die biographische Rechtfertigung
seiner Räuberexistenz, nämlich seine Verzweiflung über die
Verstoßung durch den Vater, nicht stichhaltig ist. Zwar blitzt in
ihm der Gedanke auf, dass er sich ja nach Erhalt des Verbannungsbriefes
hätte dem Vater persönlich zu Füßen werfen können,
doch diesen Gedanken verdrängt er. Er schiebt dem Bruder die Alleinschuld
an all seinen Morden und Räubereien zu (Selbstgerechtigkeit), und
er flieht in eine sentimentale Liebesstunde mit Amalia, um dann endgültig
"hurtig" von dem Ort zu fliehen, der ihn zur Wahrhaftigkeit vor sich selbst
zwingt.
IV,5
Der innere Verfall der Bande (Spiegelberg, Razmann, Schweizer) beraubt
ihn seiner psychischen Geborgenheit in der Bande. Daher muss er sich wieder
mit sich auseinandersetzen. Hier leistet er zum zweiten Mal die Erkenntnis
seiner Schuld: "Nein! Ein Mann muss nicht straucheln ... Ich bin mein Himmel
und meine Hölle." Der Erkenntnis seiner Schuld will er entfliehen,
diesmal durch Selbstmord. Doch sein herrischer Trotz hindert ihn, sich
selbst zu töten. Er will als Herr seiner selbst leben: "Die Qual erlahme
an meinem Stolze. Ich will's vollenden." Vollenden will er seinen Lebensweg
als Räuber und Mörder, den er sich selbst gewählt hat. Wie
sein Bruder wird er erst hier vollständig "das Ungeheuer mit Majestät",
das "das abscheuliche Laster reizet, um der Größe willen, die
ihm anhänget, um der Kraft willen, die es erfordert." (Unterdrückte
Vorrede)
Jedoch die Einsicht, dass er selbst die Ursache seines Schicksals ist,
erträgt er nur kurze Zeit. Denn nachdem er die Geschichte seines Vaters
gehört hat, hat er eine neue Fremdursache für sein Schicksal
entdeckt: Gott hat ihn seinen Weg als Räuber und Mörder nehmen
lassen, damit er im Auftrag Gottes Retter und Rächer des Vaters sei
(Selbstgerechtigkeit). Im neu gewonnenen Bewusstsein seiner göttlichen
Auserwähltheit beauftragt er herrisch-kultisch den Schweizer, Franz
zu fangen.
V,2
Das Bewusstsein, in Gottes Führung geborgen zu sein, hält
an: "habe Dank, Lenker der Dinge! ... Nun wär' ... alles überstanden."
Karl glaubt, jeder Verantwortung für seine Verbrechen ledig, aus dem
göttlichen Auftrag entlassen zu sein und sich von der Bande trennen
zu können. Doch vor dem Vater, der für ihn unbetrügbare
moralische Instanz ist, will er sich nicht verantworten müssen. Auch
die Fluchtmöglichkeit, in Zukunft in Amalias Armen zu liegen, wird
ihm genommen, indem die Bande die Erfüllung seines Treueeides einklagt.
Um selbst sich nicht von anderen bestimmen zu lassen, um sein Herr-Sein
zu bewahren (Die Bande hatte ihn an ihre eigenen Wunden für ihn erinnert),
ermordet er Amalia und übergibt sich selbst der Justiz: Er bekennt
sich zu seinen Verbrechen. Doch zugleich ist diese Selbstjustiz die steilste
Aufgipfelung seiner Großmannssucht: Seine Verbrechen seien so groß
(s. die Ähnlichkeit mit Franz), dass er "den ganzen Bau der sittlichen
Welt zugrunde richten" könnte. Seine Selbstjustiz ist ein "Opfer,
das die unverletzbare Majestät der sittlichen Gesetze vor der ganzen
Menschheit entfaltet".
© H. Kerber 1995 | 2007 | 2009
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