| Karl Moor: Ein
Adeliger als antifeudaler Rebell
„In Karl hat Schiller eine Möglichkeit vorgeführt, die speziell
die fortschrittliche bürgerliche Intelligenz als Befreiung des Bürgertums
aus seiner Fesselung durch die drückenden sozialen und politischen
Verhältnisse der feudalabsolutistischen deutschen Kleinstaaterei sich
vorstellte. Karl ist zwar Adeliger, vertritt aber die bürgerliche
Sache: 'Im Hinblick auf die Rückständigkeit und Enge des deutschen
Bürgertums sowie die größeren Bildungs- und politischen
Wirkungsmöglichkeiten eines demokratisierten Teils des Adels gehört
auch er, wie die meisten Geniegestalten des Sturm und Drang, der herrschenden
Klasse an, vertritt jedoch die Ideen der bürgerlichen Aufklärung
(...)' [H.-G. Thalheim]. Karl führt seinen Kampf gegen die bestehenden
Verhältnisse als Idealist und Moralist. Seinem Selbstverständnis
nach kämpft er gegen den Feudalabsolutismus und dessen Auswirkungen
auch im bürgerlichen Bereich als einen verrotteten Menschheitszustand;
eben gegen jenes 'tintenklecksende Säkulum', vor dem ihm 'ekelt'.
Er hat, ähnlich dem Autor Schiller, keine wirkliche Vorstellung von
den materiellen Bedingungen der gesellschaftlichen Situation, in der er
lebt und aus der heraus er kämpft.
Der zurückgebliebenen Entwicklung in den deutschen Kleinstaaten
ist es zuzuschreiben, dass der Rebell nur als isolierter Einzelkämpfer
gezeigt wird, dass die antifeudale Revolte Sache moralisch besonders hochstehender
und entschlossener Einzelner bleibt. Allerdings ist im Stück nicht
völlig ausgespart, dass eine solche Revolte etwas mit den Volksmassen
zu tun hat. Dieses Problem ist in den Räubern aber gewissermaßen
auf den Kopf gestellt. So lässt Schiller seinen Helden Karl zwar immer
wieder für die durch den Feudalismus entrechteten und unterdrückten
Angehörigen v.a. der unteren Schichten kämpfen, nirgends aber
in Verbindung mit ihnen. D.h. die Revolte ist nicht von der Absicht getragen,
diese Massen zu mobilisieren. Dass diese Perspektive nicht in das Modell
Schillers von einer offenen antifeudalen Klassenauseinandersetzung eingegangen
ist, erklärt sich aus dem Bild, das ein Angehöriger der bürgerlichen
Intelligenz in Deutschland vom Zustand dieser Massen gewinnen musste: nämlich
das der Verelendung bzw. der leidenden Unterdrücktheit. Demgemäß
erscheinen die Bauern, Plebejer, kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden
notwendig als Objekte der Befreiung, nicht aber als deren mögliches
Subjekt. Dies Bild der Volksmassen, das als Oberflächeneindruck durchaus
zutreffend war, verhinderte durch seine deprimierenden Züge auf der
einen Seite also den Gedanken an ihre Mobilisierung für den antifeudalen
Kampf. Auf der anderen Seite verstärkte es den Eindruck von der Unhaltbarkeit
der gegenwärtigen Zustände und der Notwendigkeit einer Befreiung
aus ihnen. Dieser Widerspruch ließ sich für einen bürgerlichen
Kopf nur dahingehend auflösen, dass er diese Befreiung als moralische
Handlung eines beispielgebenden Individuums konzipierte.
Folgerichtig lässt Schiller seinen Helden auf der Ebene der antifeudalen
Auseinandersetzung ein Beispiel idealer republikanischer Tugenden geben,
das ebenso folgerichtig an der moralisch aufgefassten Zurückgebliebenheit
eines Teiles seiner eigenen Kampfgefährten wie der von ihm bekämpften
Gesellschaft insgesamt (also auch der von ihm abstrakt vertretenen Volksmassen)
scheitert: 'Das aus erklärbaren objektiven sozialen und politischen
Gründen resultierende Fehlen einer revolutionären Massenbewegung
wird von Schiller selbst zur religiös interpretierten moralischen
Schuld des auf verlorenem Posten kämpfenden, gleichsam zu früh
gekommenen Selbsthelfers' [H.G.Thaleim]."
(Das Räuberbuch. Die Rolle der Literaturwissenschaft
in der Ideologie des deutschen Bürgertums am Beispiel von Schillers
„Die Räuber", Frankfurt a.M., Verlag Roter Stern 1974, S. 63 f.)
© H. Kerber 1995 | 2007 | 2009
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