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Fachbereich Deutsch
Drama

Friedrich Schiller
Die Räuber

Der Prozess gegen Karl
Karl Moor: Ein Adeliger als antifeudaler Rebell

„In Karl hat Schiller eine Möglichkeit vorgeführt, die speziell die fortschrittliche bürgerliche Intelligenz als Befreiung des Bürgertums aus seiner Fesselung durch die drückenden sozialen und politischen Verhältnisse der feudalabsolutistischen deutschen Kleinstaaterei sich vorstellte. Karl ist zwar Adeliger, vertritt aber die bürgerliche Sache: 'Im Hinblick auf die Rückständigkeit und Enge des deutschen Bürgertums sowie die größeren Bildungs- und politischen Wirkungsmöglichkeiten eines demokratisierten Teils des Adels gehört auch er, wie die meisten Geniegestalten des Sturm und Drang, der herrschenden Klasse an, vertritt jedoch die Ideen der bürgerlichen Aufklärung (...)' [H.-G. Thalheim]. Karl führt seinen Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse als Idealist und Moralist. Seinem Selbstverständnis nach kämpft er gegen den Feudalabsolutismus und dessen Auswirkungen auch im bürgerlichen Bereich als einen verrotteten Menschheitszustand; eben gegen jenes 'tintenklecksende Säkulum', vor dem ihm 'ekelt'. Er hat, ähnlich dem Autor Schiller, keine wirkliche Vorstellung von den materiellen Bedingungen der gesellschaftlichen Situation, in der er lebt und aus der heraus er kämpft.
Der zurückgebliebenen Entwicklung in den deutschen Kleinstaaten ist es zuzuschreiben, dass der Rebell nur als isolierter Einzelkämpfer gezeigt wird, dass die antifeudale Revolte Sache moralisch besonders hochstehender und entschlossener Einzelner bleibt. Allerdings ist im Stück nicht völlig ausgespart, dass eine solche Revolte etwas mit den Volksmassen zu tun hat. Dieses Problem ist in den Räubern aber gewissermaßen auf den Kopf gestellt. So lässt Schiller seinen Helden Karl zwar immer wieder für die durch den Feudalismus entrechteten und unterdrückten Angehörigen v.a. der unteren Schichten kämpfen, nirgends aber in Verbindung mit ihnen. D.h. die Revolte ist nicht von der Absicht getragen, diese Massen zu mobilisieren. Dass diese Perspektive nicht in das Modell Schillers von einer offenen antifeudalen Klassenauseinandersetzung eingegangen ist, erklärt sich aus dem Bild, das ein Angehöriger der bürgerlichen Intelligenz in Deutschland vom Zustand dieser Massen gewinnen musste: nämlich das der Verelendung bzw. der leidenden Unterdrücktheit. Demgemäß erscheinen die Bauern, Plebejer, kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden notwendig als Objekte der Befreiung, nicht aber als deren mögliches Subjekt. Dies Bild der Volksmassen, das als Oberflächeneindruck durchaus zutreffend war, verhinderte durch seine deprimierenden Züge auf der einen Seite also den Gedanken an ihre Mobilisierung für den antifeudalen Kampf. Auf der anderen Seite verstärkte es den Eindruck von der Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände und der Notwendigkeit einer Befreiung aus ihnen. Dieser Widerspruch ließ sich für einen bürgerlichen Kopf nur dahingehend auflösen, dass er diese Befreiung als moralische Handlung eines beispielgebenden Individuums konzipierte.
Folgerichtig lässt Schiller seinen Helden auf der Ebene der antifeudalen Auseinandersetzung ein Beispiel idealer republikanischer Tugenden geben, das ebenso folgerichtig an der moralisch aufgefassten Zurückgebliebenheit eines Teiles seiner eigenen Kampfgefährten wie der von ihm bekämpften Gesellschaft insgesamt (also auch der von ihm abstrakt vertretenen Volksmassen) scheitert: 'Das aus erklärbaren objektiven sozialen und politischen Gründen resultierende Fehlen einer revolutionären Massenbewegung wird von Schiller selbst zur religiös interpretierten moralischen Schuld des auf verlorenem Posten kämpfenden, gleichsam zu früh gekommenen Selbsthelfers' [H.G.Thaleim]."

(Das Räuberbuch. Die Rolle der Literaturwissenschaft in der Ideologie des deutschen Bürgertums am Beispiel von Schillers „Die Räuber", Frankfurt a.M., Verlag Roter Stern 1974, S. 63 f.)
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