Drama
Philoktetes
trägt ein weißes Festkleid, und er ist aufgeregt an diesem Märzmorgen.
Zum erstenmal darf er seinen Vater zu einem Theatertag während der
Dionysien zur Akropolis begleiten. Das verspricht ein großes Ereignis
zu werden.
Die Athener Hauptstraße ist an diesem Morgen noch belebter als sonst, und je näher sie der Akropolis kommen, desto dichter wird das Gedränge: Einheimische und Fremde, Männer und Frauen, Alte und Junge, Wohlhabende und Arme sind auf dem Weg zum großen Dionysos - Theater, in dem 14.000 Besucher Platz finden. Viele tragen kleine Bündel mit Konfekt und getrockneten Früchten, auch Krüge mit verdünntem Wein nehmen die Zuschauer zur Erfrischung mit ins Theater. Im Dreiviertelrund des Theatrons finden Philoktetes und sein Vater noch einen Mittelplatz. Als sie sich auf den harten Steinbänken niederlassen, bedauert Philoktetes, dass er entgegen dem Rat seines Vaters kein Sitzkissen mitgenommen hat. Doch der Anblick der Zuschauermenge fesselt ihn. In der ersten Reihe an der Orchestra nimmt gerade der Archon Eponymos, der diesen dreitägigen Dichterwettstreit veranstaltet, seinen Ehrenplatz ein. Jubel der Zuschauer begrüßt Isokrates, den Choregen des Dichters, dessen Stücke heute gespielt werden sollen. Es heißt, Isokrates habe sich verschuldet, um den Chor und die Schauspieler für die Aufführung angemessen ausstatten zu können. aber die Beamtenwahlen stehen bevor, und da wird sich diese Freigebigkeit für ihn sicherlich auszahlen. Da
kommen auch schon die ausgelosten Richter und der Dichter der Stücke
des heutigen Tages, ein gewisser Aischylos. Still wird es auf den Rängen,
als der Priester des Dionysos mit Gefolge zum Brandopferaltar schreitet
und dem Gott ein Ferkel darbringt. Philoktetes macht einen langen Hals,
doch er sitzt zu weit weg, um Einzelheiten erkennen zu können. Ungeduldig
erwartet er den Spielbeginn. Doch vorerst verkündet der Festspielleiter
laut die Namen der Athener, die sich im abgelaufenen Jahr um den Staat
verdient gemacht haben und dafür mit Kränzen geehrt werden. Philoktetes
gähnt.
Dann aber deutet Flötenspiel an, dass endlich das Spiel beginnt. Viele, vor allem ältere Zuschauer sind skeptisch. Keiner der alten Stoffe aus der Götterwelt oder der Macht des Schicksals ist angekündigt, sondern ein Stück, ein Drama über die Perserkriege, die doch erst ein paar Jahre zurückliegen. Eine Kriegsschilderung also. Philoktetes ist gespannt. Mit dumpfem Gesang zieht durch den Parodos ein Chor greiser Männer in die Orchestra ein. Er singt von persischen Kriegern, die gegen die Griechen ausgezogen sind, aber auch vom Gerücht ihrer Niederlage. Da erscheint auf dem erhöhten Proskenion die Königinmutter Atossa. Wie alle Frauenrollen im griechischen Theater wird sie von einem Mann gespielt. Ihre Gestalt ist überhöht durch die Kothurne, die stelzenartigen Schuhe, durch die Tonmaske mit der dazugehörigen Perücke, durch die Auspolsterung der Figur und durch das bis auf den Boden fallende reich verzierte farbige Bühnengewand mit den langen Ärmeln. Während Atossa noch ihren Albtraum schildert, tritt ein zweiter Schauspieler hinzu, der staubbedeckte Bote, der die vernichtende Botschaft bringt: Oh, welche Macht verdarb durch einen Schlag, Hört, Perser, hört, es fiel das ganze Heer. Atemraubende
Spannung ergreift alle im weiten Raum der Theaters, als der Bote vom Untergang
der Perser berichtet. Der große Sieg der Athener tritt den Zuschauern
im Spiel aus der Sicht des Feindes als vernichtende Niederlage entgegen.
Unten auf dem Proskenion erscheint der geschlagene Xerxes. Keiner kann
ihm den Schmerz über die Niederlage und die Last der Verantwortung
abnehmen. Aber jeder Zuschauer hört auch die Mahnung des Chores:
Als Sterblicher meinte er,
Ergriffen hören die Zuschauer die Worte des Dichters. Keiner jubelt über den errungenen Sieg. Auch Philoktetes hat einen Kloß im Hals. So beeindruckend hatte er sich Theater nicht vorgestellt. Die beiden folgenden Tragödien fesseln ihn nicht, und das abschließende heitere Satyrspiel findet er albern. Noch immer muss er an den geschlagenen Perserkönig denken. Als er gegen Abend an der Seite des Vaters das Theater verlässt, schweift sein Blick über das im letzten Sonnenglanz glitzernde Meer, wo vor acht Jahren die Perser untergingen, weil die Götter es beschlossen hatten. Text von Gerd Lobin und Martin Thunich
[Aus: Praxis Geschichte, Heft 4 (Juli)/1992,
Westermann Schulbuchverlag, Braunschweig. S. 38f.]
| Deutsch | |