Der Hauptmann von Köpenick
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Literarische
Bearbeitungen des Stoffes
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Der Gedanke, die Köpenickiade literarisch auszuwerten, lag auf
der Hand.
Bereits am 17. Oktober 1906 hatte Paul Block im Feuilleton der Abendausgabe
des Berliner Tageblatts geschrieben:
„Der falsche Hauptmann von Köpenick hat in jedem Falle
seine Rolle gut gespielt. Er hat sich zum Helden einer tollen Posse gemacht,
deren Hauptwitz, wie jeder wirklich gute Witz, einen ernsten Hintergrund
besitzt. Wir merken, dass unsere Vorliebe für militärisches Gepränge
und Gepräge, die jedem Preußen im Blute steckt, in den letzten
Jahren allzu reichliche Nahrung erhalten hat. Deshalb müssen wir fortan
unsern Respekt etwas schweigen lassen. [...] Und wenn aus der Operette
mit dem Schauplatz Köpenick, über die alle Welt lachen wird und
die wir deshalb trotz ihrem inneren Ernst am besten auch komisch nehmen,
unwahrscheinlich genug diese vernünftige Wirkung für Zeit und
Land entsteht: dann lasse man den Herrn Hauptmann, falls man ihn kriegen
sollte, ruhig laufen. Man könnte ihm sogar ein Geschenk geben. Er
ist auf seine Art ein Erzieher des Volkes gewesen, und das Honorar von
4000 Mark, das er sich selbst genommen hat, ist lumpig genug. Nicht unmöglich
auch, dass er für einen ehrlicheren Beruf hervorragend geeignet wäre,
zum Beispiel als Bühnendichter. Die ganze Anlage seines Streiches
zeigt dramatische Begabung. Und der Gedanke, den Bürgermeister, der
sich als Leutnant entpuppt, bei seiner Leutnantsehre festzuhalten
durch das schleunigst abverlangte Ehrenwort nicht zu fliehen , dieser
Gedanke ist so genial - humorvoll, dass der [Gerhart] Hauptmann von Schreiberhau
den Hauptmann von Köpenick um ihn beneiden könnte."
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Die ersten literarischen Bearbeitungen der Köpenickiade ließen
nicht sehr lange auf sich warten.
In der Vossischen Zeitung vom 18.
Oktober 1906 erschien, frei nach Detlev von Liliencron, das Gedicht „Der
Hauptmann kommt!", aus dem hier zwei Strophen folgen:
Im Städtchen tönt der Krieger Tritt
Gar lustig im Paradeschritt,
Und selbstbewusst und kerzengrad'
Marschieren sie zur großen Tat,
Voran der Herre Hauptmann.
.....................................
Auf Ordnung hält der Hauptmann auch,
Er zählt nach Revidentenbrauch
Den Kasseninhalt ganz genau
Und steckt die Scheine braun und blau
Sodann in seine Tasche.
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Ebenfalls in Anlehnung an Detlev von Liliencron hieß es in der
Prager
Bohemia:
„Der Schelmenstreich von Köpenick"
..................................................
Der Hauptmann naht mit stolzem Sinn,
Die Schuppenketten unterm Kinn,
Die Schärpe schnürt den schlanken Leib,
Beim Zeus! das ist kein Zeitvertreib,
Und dann det viele Jelde!
(zitiert nach Wolfgang Heidelmeyer (Hrsg.), Der
Fall Köpenick, Akten und zeitgenössische Dokumente zur Geschichte
einer preußischen Moritat. Frankfurt/M. und Hamburg, Fischer Bücherei
1968, S. 86) |
Moritaten
Während in den beiden obigen Gedichten lediglich die komische
Seite der Köpenickiade berücksichtigt wird, sind einige kritische
Betrachtungen in Der Hauptmann von Köpenick.
Eine schaurig - traurige Geschichte vom beschränkten Untertanenverstande
mit Versen von Hans Hyan (der später das Vorwort zu Wilhelm
Voigts Erinnerungen schrieb) und Bildern von Paul
Haase eingeflossen. Das erste Zehntausend dieses Hauptmanns
von Köpenick erschien bereits am 27. Oktober 1906.
Am 28. Oktober 1906 veröffentlichte der Berliner humoristische
Schriftsteller Fedor Freund die „Schauermär
von Köpenick" in der Berliner
Illustrirten Zeitung. Hier wurde im Stil der Moritaten berichtet:
Höret Leute die Geschichte
Von dem großen Gaunertrick
Der gelang dem frechen Wichte
In der Spreestadt Köpenick.
Seht ihn hier auf diesem Bilde,
Der die Räuberei vollbracht
Als er Böses führt im Schilde
Und die Tat hat ausgedacht.
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| Aus den angeführten Zeugnissen aus Zeitungen geht hervor, welch
überwältigendes Echo die Tat des Wilhelm Voigt auslöste.
Das Ausland, beziehungsweise die nichtdeutschsprachige Presse sparte ebenfalls
nicht mit Kommentaren, schriftstellerischen oder gar dichterischen Bemühungen.
Das geht aus der Tatsache hervor, dass Albert
Brinitzer noch im Jahre 1906 ein Büchlein herausgeben konnte
mit dem Titel: Denkwürdigkeiten des Hauptmanns
von Köpenick. Der „Räuber - Hauptmann" in der internationalen
Karikatur und Satire.
Bearbeitungen für das Theater / Lebensbilder
Den ersten Schritt von Moritaten und ähnlichen Produkten zu einer
Bearbeitung
für das Theater tat Hans von Lavarenz
mit seinem Der Hauptmann von Köpenick. Ein
Lustspiel in 4 Aufzügen (Berlin 1906). Eine Aufführung
dieses Lustspiels lässt sich nicht nachweisen.
Dagegen gibt der Neue Theater - Almanach Auskunft über drei "Der
Hauptmann von Cöpenick" betitelte Stücke, die sämtlich in
Süddeutschland
und im Raum der österreichisch - ungarischen Monarchie aufgeführt
wurden. Die Untertitel lassen darauf schließen, dass das Possenhafte
und Komische bei diesen Bearbeitungen im Vordergrund stand.
Es handelt sich um:
* Der Hauptmann von Cöpenick.
Einakter von Adolf Schlegel (zuerst
aufgeführt in Triest am 9. November 1906),
* Der Hauptmann von Cöpenick
von Fritz Fischer - Schlotthauers.
Eine satirisch - burleske - musikalische Tragikomödie in einem tollen
Akt (uraufgeführt vorn Mainzer Stadttheater am 21. November 1906)
und
* Der Hauptmann von Cöpenick,
Lustspiel in 3 Akten von A. Adolphus
(A. Czecke), das im Innsbrucker Stadttheater am 31. Januar 1907 seine erste
Aufführung erlebte.
Auch der von einem Kieler Varieté 1908 in Szene gesetzte
Hauptmann
von Köpenick mag nicht mehr vorgestellt haben als eine
drastische Posse. Wilhelm Voigt hatte so schreibt er in einem
vom 14. September 1908 datierten Brief an einen Herrn Kalnberg
„großes Verlangen und Interesse , sich die Vorstellung, anzusehen.
Obwohl er eigens nach Kiel reiste, um der Aufführung beizuwohnen,
wurde ihm von den Behörden das Betreten des Zuschauerraumes untersagt,
da man einen Auflauf befürchtete.
Wilhelm Voigt steuerte seine eigene
Darstellung der Köpenickiade bei: Wie ich
Hauptmann von Köpenick wurde. Mein Lebensbild (1909). Das
Buch, das in Zusammenarbeit mit dem damals sehr bekannten Kriminalschriftsteller
Hans Hyan entstand, erzählt den Lebensweg Voigts von seiner traurigen
Kindheit in Tilsit an. Im Gegensatz zu den bisher erwähnten Bearbeitungen
der Köpenickiade enthält das Buch wenig Humor. Wilhelm Voigt
hält sich etwas auf seine militärischen Kenntnisse zugute und
bagatellisiert den Kassenraub, indem er das Motiv der Passbeschaffung stark
in den Vordergrund schiebt. Das Buch verkaufte sich gut; 1931 kam eine
Neuausgabe heraus.
Nach der Veröffentlichung von Wilhelm Voigts Lebensbild schien
vorerst kein weiterer Bedarf an literarischen Köpenickiaden zu bestehen.
Rottländers Der
Hauptmann von Köpenick. Ein Schauspiel in 5 Aufzügen
(Leipzig 1912) kann als eine Art Nachzügler betrachtet werden.
Erst um 1930 beginnt man sich erneut mit dem falschen Hauptmann zu
beschäftigen.
Wilhelm Schäfers Roman Der
Hauptmann von Köpenick erscheint 1930 in München.
Dem Auftritt Wilhelm Voigts als Hauptmann widmet Schäfer nur die letzten
Kapitel seines Romans, im vorhergehenden Teil wird das nur von wenigen
Lichtblicken erhellte kümmerliche Vagabundenleben Wilhelm Voigts breit
entrollt. Dabei gelingt es dem Romancier, eine einleuchtende psychologische
Begründung für die Rache des gedemütigten Wilhelm Voigt
an den Behörden zu geben. Abgesehen von des Schusters eigener Darstellung
ist dieser Roman der erste literarische Versuch einer tiefer gehenden Beschäftigung
mit der Köpenickiade und ihrer Hauptperson. Obwohl sich Schäfers
Roman nicht an Popularität mit Zuckmayers Drama messen kann, sprechen
doch verschiedene Neuauflagen des Romans, die in den fünfziger Jahren
erschienen, für ein anhaltendes Interesse an diesem Werk.
Gegenüber der ernsthaften Beschäftigung mit der Person Wilhelm
Voigts stellt Karl Sibers 1931 erschienenes
Stück Der falsche Hauptmann von Köpenick.
Wahres Lustspiel einen Rückfall in den populären Schwank
dar.
Laut eigenem Zeugnis wollte sich Zuckmayer
bei der Abfassung seines Dramas von literarischen Einflüssen freihalten.
Eine Abhängigkeit Zuckmayers von den genannten Quellen - soweit sie
ihm überhaupt bekannt waren - kann daher nicht angenommen werden.
Auf eine Anfrage antwortete C. Zuckmayer:
„Das Buch von Schäfer habe ich mir vorsichtshalber
erst nach Vollendung und Aufführung des Stücks angeschaut, wollte
keine andren literarischen Einflüsse, auch nicht unbewusster Art,
und fand es dann eher langweilig. Meine Quellen waren die Ausgaben der
Voss[ischen] Zeitung von 1906 und Witzblätter aus der Zeit. Auch eine
Kopie der Gerichtsakten, die aber nichts andres ergab."
(Sibylle Werner, Der Hauptmann von Köpenick,
Wirklichkeit und Dichtung am Beispiel des Dramas von Karl Zuckmayer, University
of Maryland 1954, S. 102)
Bearbeitungen.doc
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©
H. Kerber 1991 / 2004
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