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Fachbereich Deutsch
Drama

Carl Zuckmayer
Der Hauptmann von Köpenick
 

Der Hauptmann von Köpenick
„Ein deutsches Märchen" 
Im Programmheft zur Aufführung des Hauptmann von Köpenick im Deutschen Theater Berlin (Spielzeit 1930/31) findet sich eine von Zuckmayer bewusst im Märchenton verfasste Schilderung der Laufbahn des Schusters Voigt:
„[...]. Als er sechsundfünfzig Jahre alt war, hatte er mehr als dreißig Jahre seines Lebens im Zuchthaus oder im Gefängnis verbracht, den Rest, der, zieht man die Kindheit ab, nicht mehr groß ist, teils im Ausland, teils in ewig aussichtslosem Kampf um eine Erlaubnis zum Leben.
Und als er wieder einmal in einem Ort, in dem es ihm fast gelungen wäre, Heimat zu finden, seine Ausweisung bekam, verschwand er ganz und war, da man ihn nirgends haben wollte, nicht mehr da.
Es lebte aber in der Stadt Berlin eine Uniform, gemacht vom besten Schneider zu Potsdam für einen Hauptmann vom Ersten Garderegiment zu Fuß. Die wollte auch keiner mehr haben, denn sie hatte ein gutes Alter auf dem Buckel und hatte bis zum Nähteplatzen ihre Pflicht getan. In einem Trödlerladen, der letzten Zuflucht alles Ausrangierten, trafen die beiden zusammen, und, da jeder allein zu nichts mehr nütze war, heirateten sie. So wurde der Hauptmann von Köpenick geboren.
Warum nun dieser vorbestrafte Schuster Wilhelm Voigt, der Mann ohne Pass und ohne Aufenthalt, nicht ins Wasser ging oder im Säuferheim verfaulte, sondern, mit einer alten Montur vermählt, ein ganz Anderer, Neuer, ward:
Wieso man ihn, das Stiefkind aller Amtsstuben, gleich nach dieser Hochzeit als ihren unumschränkten Herrn und Herrscher anschaute:
Weshalb gerade er, der Wilhelm Voigt, etwas gemerkt hatte, was sechzig Millionen guter Deutscher auch wussten, ohne etwas zu merken:
All das versucht das Schauspiel ‚Der Hauptmann von Köpenick' im Ablauf weniger Abendstunden zu zeigen.
Es hält und hängt sich nicht an die Einzelheiten tatsächlicher Geschehnisse, es zeichnet nicht die dürftigen Buchstaben der Dokumente nach, denn aus ihnen ist nur der äußere Ablauf, niemals das Wesen und die Quersumme eines Menschenlebens oder der irdischen Geschichte zu erkennen. Es will auch nicht mit den Leuten rechten, die die Verhältnisse gemacht haben, noch mit den Verhältnissen, aus denen die Leute wurden. Denn es ist ja nichts Neues, was es erzählt, sondern es ist ein deutsches Märchen und, wie alle Märchen, längst vorbei, vielleicht überhaupt nicht wahr? - und nur ein Gleichnis für das, was nicht vorbei ist! An dem Schluss und zu allem neuen Beginnen steht der Spruch aus den ,Bremer Stadtmusikanten' der Brüder Grimm: 'Komm mit! Etwas besseres als den Tod findest Du überall!'"
Von Ingeborg Engelsing - Malek werden Parallelen zwischen dem Märchen und Zuckmayers Drama angeführt:
„Zuckmayer geht nicht an den sozialen Problemen vorbei; doch versucht er, sie ohne Tendenz darzustellen und ihnen durch einen versöhnlichen Schluss und ein märchenhaftes Gewand ihre Schärfe zu nehmen.
Eine Deutung des Stückes als Märchen ist trotz des Berliner Großstadtmilieus durchaus möglich und soll hier versucht werden. Schon das Hauptthema, der Gehorsam der realen Welt gegenüber der Kraft, der auf Gott vertrauenden Seele, entspricht den von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen. [Ihnen hat Zuckmayer einen Essay, Die Brüder Grimm (1948), gewidmet, in dem er sich sowohl mit den Volksmärchen als mit der von den Brüdern Grimm gelebten ,Freiheit eines Christenmenschen' befasst.] Hier wie dort gibt es keinen echten Gegenspieler oder wahren menschlichen Konflikt. Der Held kämpft allein gegen das Böse, im Hauptmann von Köpenick gegen die anonyme und unbegreifliche Macht der Behörde. Aber wie im Märchen bahnt sich schließlich das Gute seine Bahn. Doch braucht der Held die Hilfe einer höheren Macht, um die von Menschen gemachten Verordnungen zu überwinden, die ihn zu verschlingen drohen. Wilhelm Voigt gleicht dem jüngsten und oft dümmsten Bruder im Märchen, dem es gelingt, den Zauber zu lösen. Die Uniform ist das Symbol der Menschenordnung, die nur dann erfolgreich bekämpft werden kann, wenn man sich ihrer Zauberkraft bedient. Sie entspricht etwa der Tarnkappe des bösen Zwerges. Der Pass ist das Zeichen der Freiheit und Menschlichkeit, das errungen werden soll und hat hier dieselbe Funktion wie die die Hand der Königstochter und das halbe Königreich. Voigts Zuchthauskumpan Kalle verkörpert die Versuchung des Bösen. Er steht nicht unter der göttlichen Ordnung und hat keinen Sinn für den Pass, das Symbol der Freiheit. Voigts Schwager Hoprecht ist der Kleingläubige, der Gott vor lauter Menschenordnung nicht sehen kann. So müssen Voigts Versuche, sich erst mit Kalles, dann mit Hoprechts Hilfe eine neue Existenz aufzubauen, scheitern. Erst als er sein Schicksal bewusst unter Gottes Führung stellt, kann er die Welt seinem Willen unterordnen. Wie im Märchen wird der Held allerlei Prüfungen unterzogen, die er schließlich besteht. Die Ironie des Stückes - und darin unterscheidet es sich vom Volksmärchen - besteht darin, dass es keine wahre Lösung hat, sondern nur in einem kurzen Augenblick des gegenseitigen Verständnisses endet." 
[lngeborg Engelsing - Malek, „Amor Fati“ in Zuckmayers Dramen, Konstanz (Rosengarten - Verlag) 1959, S. 49 - 50]
© H. Kerber 1991 / 2004
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