| Diese Angaben beziehen sich nur auf das spektakuläre Ereignis
und erfassen nicht die ganze Vorgeschichte, nicht die wilhelminische Atmosphäre
und nicht die Gesellschaftsanalyse, wie Zuckmayer sie bietet. Ein solcher
Vergleich kann anhand des folgenden Geschichtstextes über den Wilhelminismus
angestellt werden, indem Schlüsselbegriffe des Textes mit den Szenen,
Ereignissen bzw. Personen des Dramas in Verbindung gebracht werden:
Das wilhelminische Deutschland
I.
Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war Deutschland
geteilt in Dutzende von Einzelstaaten, die einander oft als Konkurrenten
gegenüberstanden. So ist es nicht verwunderlich, dass sich breite
Schichten der Bevölkerung nach einer Einigung sehnten. Der Wunsch
wurde Wirklichkeit mit der Gründung des Zweiten Kaiserreiches am
19.01.1871. Wichtige Voraussetzung war der militärische Sieg über
Frankreich, das die deutsche Kleinstaaterei aufrechterhalten wollte, aber
vor allem aufgrund der Niederlagen bei Sedan und Metz kapitulieren musste.
Dieser Sieg hatte ein verstärktes Nationalbewusstsein zur Folge,
das weite Teile im Deutschen Reich ergriff und zu einer hohen Bewertung
alles Soldatischen führte. Seither war man stolz auf die jüngste
Vergangenheit, an die der Sedanstag oder andere nationale Gedenktage
erinnerten. Darüber hinaus sah man sich in direkter Verbindungslinie
zu den Helden der mittelalterlichen Sagenwelt oder des Germanentums,
wie Schulbücher aus der Zeit beweisen. Eine besondere Rolle spielte
auch die Tatsache, dass der König von Preußen deutscher Kaiser
wurde, da so die preußische Auffassung von Disziplin und mittelalterlichem
Geist in ganz Deutschland Einzug fand. Hier knüpfte man an die Tradition
berühmter Preußenkönige (z.B. Friedrich der Große
= "Der alte Fritz“) an.
II.
So fortschrittlich sich das Deutsche Reich auch in seiner Industrie
und Wirtschaft zeigte, so rückständig blieb es in seinem gesellschaftlichen
Aufbau. Adel, Militär und Besitzbürger beherrschten die
öffentliche Meinung. Zur feinen „Gesellschaft“ konnte der Nichtadelige
nur dann Zugang finden, wenn er einen militärischen Rang oder ein
beachtliches Vermögen besaß (s. Zeitzeugen
). Offizier sein war in besonderem Maße erstrebenswert, obwohl damit
aufgrund einer starren Ehrauffassung zahlreiche persönliche
Einschränkungen verbunden waren. Auch Nichtadlige konnten in dieser
Stellung zu überdurchschnittlichem Ansehen gelangen. Ganz allgemein
galt nach einer Redewendung der Zeit: „Der Soldat
ist der erste Mann im Staat." Allerdings rief diese Situation auch
manche Kritik vor allem bei Schriftstellern
(Anklage gegen Frank Wedekind wegen
Majestätsbeleidigung) und Künstlern hervor. Eine Karikatur
aus einer satirischen Zeitschrift von damals, dem "Simplizissimus",
verspottet die offizielle Anschauung, wenn sie einen Offizier abbildet,
der sich gegenüber frisch eingezogenen Rekruten wie folgt äußert:
„Als Zivilisten seid ihr hergekommen, als Menschen
geht ihr fort!" Hoch angesehen war auch jeder, der von Berufs wegen
die staatliche Autorität vertrat. Darum brachte man den Reichs- und
Landesbeamten großen Respekt entgegen, vor allem wenn ihre Bedeutung
durch eine Uniform betont wurde. Die Pflichterfüllung und Unbestechlichkeit
der Beamten galt mit Recht als vorbildlich, konnte jedoch auch dazu
führen, dass sie sich und ihr Amt zu wichtig nahmen und ihre Vorschriften
kleinlich und stur auslegten.
III.
Das Gesamtergebnis war ein streng hierarchisch gegliedertes Gesellschaftssystem,
dessen unverrückbare Stützen die Obrigkeitsgläubigkeit
und der Gehorsam der Bürger waren. Sinnbild dieser Staatsauffassung
war Wilhelm II., nach dem die ganze
Epoche ihren Namen hat (Wilhelminismus, s. WilhemII,
Hunnenrede und Militarsmus).
Er regierte von 1888 bis 1918 und war in seiner Vorliebe für prunkvolle
Uniformen, Manöver, schneidige Tonart und markige Reden über
die führende Rolle des preußischdeutschen Wesens in der Welt
ein Vorbild für jeden "guten Deutschen". Mit dem Reichstag (Parlament)
stand er auf Kriegsfuß, da er in seiner obrigkeitsstaatlichen
Gesinnung demokratische Bestrebungen ablehnte. Die Folge war, dass
er besonders die in politischer Opposition stehenden Sozialdemokraten
als "vaterlandslose Gesellen" oder "rote
Rotten" öffentlich anprangerte. Diese Einstellung teilten in
der Regel Militärs und Beamte wie überhaupt das Bürgertum.
Nicht alle verstanden sich indes als Verfechter eines solchen Staates,
am wenigsten die Arbeiterschaft, die die geringsten Rechte genoss, und
die Bevölkerung der 1870 wiedereroberten Gebiete Elsaß - Lothringen.
Auch hier unternahmen Regierung und Kaiser wenig, um die Ursachen dieser
Miss - Stimmung zu beseitigen. So blieb es z.B. ungeahndet, dass 1913 in
Zabern ein preußischer Leutnant elsässische Zivilisten, die
gegen Übergriffe des Militärs protestiert hatten, willkürlich
und ohne Rechtsgrundlage verhaften ließ.
Zur selben Zeit schickte sich das Deutsche Reich an, in Übersee
Koloniengebiete zu erobern. Der Kaiser unterstützte mit seinen
"säbelrasselnden" Reden diese Absichten (s. Redeauszuege).
So ergaben sich Konflikte mit anderen europäischen Staaten,
die ähnliche Ziele verfolgten. Das Ergebnis war eine Reihe politischer
Krisen, die seit 1905 immer wieder die Gefahr eines Weltkrieges heraufbeschworen.
Als beispielsweise Frankreich 1911 in Marokko endgültig Fuß
fasste, entsandte Deutschland ein Kanonenboot vor die nordafrikanische
Küste (s. Marokkokrise). Der Konflikt
konnte zwar noch einmal beigelegt werden, die internationalen Spannungen
verschärften sich jedoch und endeten schließlich im 1. Weltkrieg
(1914 1918)
Aufgaben:
1. Welche geschichtlichen Zustände und Ereignisse hat Zuckmayer
aufgegriffen?
2. Nenne die jeweilige Szene (Seitenangabe) und gib eine kurze stichwortartige
Darstellung des jeweils angesprochenen Sachverhalts. |