Sie sind hier:
Außerhalb der Frames mit "Reload" neues Menu laden!
Fachbereich Deutsch
Drama

Carl Zuckmayer
Der Hauptmann von Köpenick
 

Der Hauptmann von Köpenick
Die soziale und politische Wirklichkeit 
Es bleibt die Frage zu stellen, ob das Deutschland der Jahrhundertwende bzw. des Jahres 1910 tatsächlich so beschaffen war, wie uns Zuckmayer es vorstellt, ob sich Ähnliches tatsächlich einmal abgespielt habe. Dass zumindest der Kern des Dramas authentisch ist, belegt die mehrfach zitierte Notiz aus der Berliner „Täglichen Rundschau" vom 17.10.1906.
Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern eine von Tegel kommende Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse und fuhr mit einer Droschke davon. " 
(Impressumsseite der Fischer - Ausgabe)
Diese Angaben beziehen sich nur auf das spektakuläre Ereignis und erfassen nicht die ganze Vorgeschichte, nicht die wilhelminische Atmosphäre und nicht die Gesellschaftsanalyse, wie Zuckmayer sie bietet. Ein solcher Vergleich kann anhand des folgenden Geschichtstextes über den Wilhelminismus angestellt werden, indem Schlüsselbegriffe des Textes mit den Szenen, Ereignissen bzw. Personen des Dramas in Verbindung gebracht werden:

Das wilhelminische Deutschland
I. 
Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war Deutschland geteilt in Dutzende von Einzelstaaten, die einander oft als Konkurrenten gegenüberstanden. So ist es nicht verwunderlich, dass sich breite Schichten der Bevölkerung nach einer Einigung sehnten. Der Wunsch wurde Wirklichkeit mit der Gründung des Zweiten Kaiserreiches am 19.01.1871. Wichtige Voraussetzung war der militärische Sieg über Frankreich, das die deutsche Kleinstaaterei aufrechterhalten wollte, aber vor allem aufgrund der Niederlagen bei Sedan und Metz kapitulieren musste. Dieser Sieg hatte ein verstärktes Nationalbewusstsein zur Folge, das weite Teile im Deutschen Reich ergriff und zu einer hohen Bewertung alles Soldatischen führte. Seither war man stolz auf die jüngste Vergangenheit, an die der Sedanstag oder andere nationale Gedenktage erinnerten. Darüber hinaus sah man sich in direkter Verbindungslinie zu den Helden der mittelalterlichen Sagenwelt oder des Germanentums, wie Schulbücher aus der Zeit beweisen. Eine besondere Rolle spielte auch die Tatsache, dass der König von Preußen deutscher Kaiser wurde, da so die preußische Auffassung von Disziplin und mittelalterlichem Geist in ganz Deutschland Einzug fand. Hier knüpfte man an die Tradition berühmter Preußenkönige (z.B. Friedrich der Große = "Der alte Fritz“) an.

II. 
So fortschrittlich sich das Deutsche Reich auch in seiner Industrie und Wirtschaft zeigte, so rückständig blieb es in seinem gesellschaftlichen Aufbau. Adel, Militär und Besitzbürger beherrschten die öffentliche Meinung. Zur feinen „Gesellschaft“ konnte der Nichtadelige nur dann Zugang finden, wenn er einen militärischen Rang oder ein beachtliches Vermögen besaß (s. Zeitzeugen ). Offizier sein war in besonderem Maße erstrebenswert, obwohl damit aufgrund einer starren Ehrauffassung zahlreiche persönliche Einschränkungen verbunden waren. Auch Nichtadlige konnten in dieser Stellung zu überdurchschnittlichem Ansehen gelangen. Ganz allgemein galt nach einer Redewendung der Zeit: „Der Soldat ist der erste Mann im Staat." Allerdings rief diese Situation auch manche Kritik vor allem bei Schriftstellern (Anklage gegen Frank Wedekind wegen Majestätsbeleidigung) und Künstlern hervor. Eine Karikatur aus einer satirischen Zeitschrift von damals, dem "Simplizissimus", verspottet die offizielle Anschauung, wenn sie einen Offizier abbildet, der sich gegenüber frisch eingezogenen Rekruten wie folgt äußert: „Als Zivilisten seid ihr hergekommen, als Menschen geht ihr fort!" Hoch angesehen war auch jeder, der von Berufs wegen die staatliche Autorität vertrat. Darum brachte man den Reichs- und Landesbeamten großen Respekt entgegen, vor allem wenn ihre Bedeutung durch eine Uniform betont wurde. Die Pflichterfüllung und Unbestechlichkeit der Beamten galt mit Recht als vorbildlich, konnte jedoch auch dazu führen, dass sie sich und ihr Amt zu wichtig nahmen und ihre Vorschriften kleinlich und stur auslegten.

III. 
Das Gesamtergebnis war ein streng hierarchisch gegliedertes Gesellschaftssystem, dessen unverrückbare Stützen die Obrigkeitsgläubigkeit und der Gehorsam der Bürger waren. Sinnbild dieser Staatsauffassung war Wilhelm II., nach dem die ganze Epoche ihren Namen hat (Wilhelminismus, s. WilhemII, Hunnenrede und Militarsmus). Er regierte von 1888 bis 1918 und war in seiner Vorliebe für prunkvolle Uniformen, Manöver, schneidige Tonart und markige Reden über die führende Rolle des preußischdeutschen Wesens in der Welt ein Vorbild für jeden "guten Deutschen". Mit dem Reichstag (Parlament) stand er auf Kriegsfuß, da er in seiner obrigkeitsstaatlichen Gesinnung demokratische Bestrebungen ablehnte. Die Folge war, dass er besonders die in politischer Opposition stehenden Sozialdemokraten als "vaterlandslose Gesellen" oder "rote Rotten" öffentlich anprangerte. Diese Einstellung teilten in der Regel Militärs und Beamte wie überhaupt das Bürgertum. Nicht alle verstanden sich indes als Verfechter eines solchen Staates, am wenigsten die Arbeiterschaft, die die geringsten Rechte genoss, und die Bevölkerung der 1870 wiedereroberten Gebiete Elsaß - Lothringen. Auch hier unternahmen Regierung und Kaiser wenig, um die Ursachen dieser Miss - Stimmung zu beseitigen. So blieb es z.B. ungeahndet, dass 1913 in Zabern ein preußischer Leutnant elsässische Zivilisten, die gegen Übergriffe des Militärs protestiert hatten, willkürlich und ohne Rechtsgrundlage verhaften ließ.
Zur selben Zeit schickte sich das Deutsche Reich an, in Übersee Koloniengebiete zu erobern. Der Kaiser unterstützte mit seinen "säbelrasselnden" Reden diese Absichten (s. Redeauszuege). So ergaben sich Konflikte mit anderen europäischen Staaten, die ähnliche Ziele verfolgten. Das Ergebnis war eine Reihe politischer Krisen, die seit 1905 immer wieder die Gefahr eines Weltkrieges heraufbeschworen. Als beispielsweise Frankreich 1911 in Marokko endgültig Fuß fasste, entsandte Deutschland ein Kanonenboot vor die nordafrikanische Küste (s. Marokkokrise). Der Konflikt konnte zwar noch einmal beigelegt werden, die internationalen Spannungen verschärften sich jedoch und endeten schließlich im 1. Weltkrieg (1914 1918)

Aufgaben:
1. Welche geschichtlichen Zustände und Ereignisse hat Zuckmayer aufgegriffen? 
2. Nenne die jeweilige Szene (Seitenangabe) und gib eine kurze stichwortartige Darstellung des jeweils angesprochenen Sachverhalts.

© H. Kerber 1991 / 2004
  Seit ###

.

Deutsch
Lyrik
Schulseite