„Voigts Sprache verrät Herzenwärme und Einbildungskraft.
Der Abgrund, der ihn von den Repräsentanten der Gesellschaft trennt,
wird besonders augenfällig in I,14. In
dieser Szene sind Voigt und Hoprecht
darüber uneins, wie sie dem ihnen beiden vom System angetanen Unrecht
begegnen sollen. Nicht nur, als Voigt den wertneutralen administrativen
Begriff gegen das emotional geladene Wort ausspielt: ‚Jck
seh ja gar keene Heimat mehr, vor lauter Bezirke!!", sondern auch
als er und Hoprecht denselben Ausdruck verwenden, wird dieser Abgrund sichtbar.
Das Wort „Heimat“ erhält zum
Beispiel eine ganz andere Bedeutung, wenn es von Hoprecht kommt. Für
ihn haben „Heimat" und „Vaterland“ denselben vagen Inhalt wie die abstrakten
Begriffe „Pflicht", „Recht“ oder „Ordnung"; sie beinhalten lediglich eine
Idee, der alle seine Handlungen unterworfen sind.
Wilhelm Voigt dagegen gebraucht
das Wort „Heimat" in einem völlig anderen Zusammenhang, in dem es
mehr als nur nominale Bedeutung hat. Seine Geschichte, die er im Polizeibüro
in Potsdam erzählt (I,2), verrät
uns, dass er mit „Heimat" die Sprache,
die dort gesprochen wird, die Leute die dort leben, und das Heimweh,
das man als im Ausland Lebender fühlt, verbindet. „Heimat" bedeutet
also für ihn eine sehr reale und konkrete Erfahrung, die nichts
mit Horprechts abstraktem und blutleerem Ideal zu tun hat. Es ist ebenfalls
nicht ohne Bedeutung, dass Hoprecht nur im Zusammenhang mit dem Sterben
an die Heimat denkt, während es Voigt darum geht, in ihr zu leben.
Dieser Unterschied der Auffassung des Heimatbegriffs deutet die verborgene
zerstörerische Gewalt an, die der Voreingenommenheit zugunsten abstrakter
Ideen auf Kosten konkreter Beziehungen innewohnt. . .
Voigts schöpferische Fähigkeiten äußern sich schon
zu Beginn des Stückes in seiner Geschicklichkeit im sprachlichen
Ausdruck - lange ehe sie in seiner Tat zum Ausdruck kommen. Bei seiner
ersten Begegnung mit dem Oberwachtmeister
in I,2 zeigt Voigt seine bemerkenswerte Sprachgewandtheit
indem er den Erklärungen des Beamten unerwartete und originelle Wendungen
gibt. Gewandt verdreht er die offiziellen Klischees auf überraschende
Weise; wir bemerken das zum Beispiel, als er den Ausdruck „schwerer
Junge" mit seinem Gewichtsverlust in der „Plötze" kontrastiert.
Ein weiteres Beispiel ist sein Kommentar zu der redensartlichen Phrase:
„Wer einmal auf die schiefe Bahn gerät ...",
die er auf solche Weise ergänzt, dass ihre stillschweigende Verdammung
eines Menschen für sein ganzes Leben, unabhängig von seinem späteren
Verhalten, veranschaulicht wird. Voigt verwirrt den Beamten völlig,
als er seinen Versuch, einen gefälschten Pass zu gebrauchen, mit den
Worten des Beamten beschreibt, der gesagt hatte: „Was
in Ihren Personalakten steht, das ist Ihnen so festgewachsen wie die Nase
im Gesicht." Voigt benutzt diese Worte dann etwas später zur
Schilderung seines Versuchs, ein neues Leben unter falschem Namen zu beginnen:
„Da wollt ick mir nu de Neese aus det Jesichte reißen.
Aber det hat nich jegangen." Alle diese Beispiele weisen auf Voigts
Fähigkeit hin, auf Herausforderungen seiner Umgebung auf höchst
unerwartete Weise zu antworten. In II,12 stellt
Voigt sein schauspielerisches Talent für das kranke Mädchen
zur Schau, als er die Hofsänger imitiert. Aber wiederum ist das einfache
Wort „Hofsänger", an das er eine
Assoziationsreihe knüpft, der Ausgangspunkt seiner Verwandlung:
„Det sind de Hofsänger. Auch Hofraben jenannt.
Die singen bei Hof, weißte, und denn wirft der Kaiser 'n Groschen
runter, damit se wieder aufhören."
[Nach: E. Speidel, The Stage as Metaphysical
Institution: Zuckmayer's Dramas ‚Schinderhannes' and ‚Der Hauptmann von
Köpenick', S. 433 - 435) |