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Fachbereich Deutsch
Drama

Carl Zuckmayer
Der Hauptmann von Köpenick
 

Der Hauptmann von Köpenick
Die Sprache Voigts
Voigts Sprache verrät Herzenwärme und Einbildungskraft. Der Abgrund, der ihn von den Repräsentanten der Gesellschaft trennt, wird besonders augenfällig in I,14. In dieser Szene sind Voigt und Hoprecht darüber uneins, wie sie dem ihnen beiden vom System angetanen Unrecht begegnen sollen. Nicht nur, als Voigt den wertneutralen administrativen Begriff gegen das emotional geladene Wort ausspielt: ‚Jck seh ja gar keene Heimat mehr, vor lauter Bezirke!!", sondern auch als er und Hoprecht denselben Ausdruck verwenden, wird dieser Abgrund sichtbar. 
Das Wort „Heimat“ erhält zum Beispiel eine ganz andere Bedeutung, wenn es von Hoprecht kommt. Für ihn haben „Heimat" und „Vaterland“ denselben vagen Inhalt wie die abstrakten Begriffe „Pflicht", „Recht“ oder „Ordnung"; sie beinhalten lediglich eine Idee, der alle seine Handlungen unterworfen sind. 
Wilhelm Voigt dagegen gebraucht das Wort „Heimat" in einem völlig anderen Zusammenhang, in dem es mehr als nur nominale Bedeutung hat. Seine Geschichte, die er im Polizeibüro in Potsdam erzählt (I,2), verrät uns, dass er mit „Heimat" die Sprache, die dort gesprochen wird, die Leute die dort leben, und das Heimweh, das man als im Ausland Lebender fühlt, verbindet. „Heimat" bedeutet also für ihn eine sehr reale und konkrete Erfahrung, die nichts mit Horprechts abstraktem und blutleerem Ideal zu tun hat. Es ist ebenfalls nicht ohne Bedeutung, dass Hoprecht nur im Zusammenhang mit dem Sterben an die Heimat denkt, während es Voigt darum geht, in ihr zu leben. Dieser Unterschied der Auffassung des Heimatbegriffs deutet die verborgene zerstörerische Gewalt an, die der Voreingenommenheit zugunsten abstrakter Ideen auf Kosten konkreter Beziehungen innewohnt. . .
Voigts schöpferische Fähigkeiten äußern sich schon zu Beginn des Stückes in seiner Geschicklichkeit im sprachlichen Ausdruck - lange ehe sie in seiner Tat zum Ausdruck kommen. Bei seiner ersten Begegnung mit dem Oberwachtmeister in I,2 zeigt Voigt seine bemerkenswerte Sprachgewandtheit indem er den Erklärungen des Beamten unerwartete und originelle Wendungen gibt. Gewandt verdreht er die offiziellen Klischees auf überraschende Weise; wir bemerken das zum Beispiel, als er den Ausdruck „schwerer Junge" mit seinem Gewichtsverlust in der „Plötze" kontrastiert. Ein weiteres Beispiel ist sein Kommentar zu der redensartlichen Phrase: „Wer einmal auf die schiefe Bahn gerät ...", die er auf solche Weise ergänzt, dass ihre stillschweigende Verdammung eines Menschen für sein ganzes Leben, unabhängig von seinem späteren Verhalten, veranschaulicht wird. Voigt verwirrt den Beamten völlig, als er seinen Versuch, einen gefälschten Pass zu gebrauchen, mit den Worten des Beamten beschreibt, der gesagt hatte: „Was in Ihren Personalakten steht, das ist Ihnen so festgewachsen wie die Nase im Gesicht." Voigt benutzt diese Worte dann etwas später zur Schilderung seines Versuchs, ein neues Leben unter falschem Namen zu beginnen: „Da wollt ick mir nu de Neese aus det Jesichte reißen. Aber det hat nich jegangen." Alle diese Beispiele weisen auf Voigts Fähigkeit hin, auf Herausforderungen seiner Umgebung auf höchst unerwartete Weise zu antworten. In II,12 stellt Voigt sein schauspielerisches Talent für das kranke Mädchen zur Schau, als er die Hofsänger imitiert. Aber wiederum ist das einfache Wort „Hofsänger", an das er eine Assoziationsreihe knüpft, der Ausgangspunkt seiner Verwandlung: „Det sind de Hofsänger. Auch Hofraben jenannt. Die singen bei Hof, weißte, und denn wirft der Kaiser 'n Groschen runter, damit se wieder aufhören."

[Nach: E. Speidel, The Stage as Metaphysical Institution: Zuckmayer's Dramas ‚Schinderhannes' and ‚Der Hauptmann von Köpenick', S. 433 - 435)

© H. Kerber 1991 / 2004
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