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Fachbereich Deutsch
Drama

Carl Zuckmayer
Der Hauptmann von Köpenick
 

Der Hauptmann von Köpenick
Die Wirkungsgeschichte
Die Uraufführung des „Hauptmann von Köpenick“ fand am 5. März 1931 im Deutschen Theater, Berlin, unter der Regie Heinz Hilperts statt. Die Titelrolle spielte Werner Krauß. Carl Zuckmayer schreibt über den Erfolg seines Stückes:
„Werner Krauß spielte die Rolle hundertmal in Berlin, dann wurde sie von Max Adalbert übernommen, einem unendlich liebenswerten, verkauzten, schrulligen Volksschauspieler, der - ähnlich wie Buster Keaton - selbst niemals lachte und dadurch seine stupenden Humorwirkungen erzielte.
Er spielte den Voigt auch in der bald darauf folgenden, ersten Verfilmung. Es gab kaum ein Provinztheater, selbst wenn ein Teil des Opern- und Operettenpersonals für die vielen kleineren Chargen aushelfen musste, in dem das Stück nicht gegeben wurde. Direktoren und Intendanten spielten mit Vorliebe den Hauptmann selbst - so Gustav Lindemann in Düsseldorf, Gatte der ehrwürdigen Theaterfürstin Luise Dumont. Diese Aufführungen liefen in ganz Deutschland weiter, fast zwei Jahre lang, bis zum Ende des Januar 1933." 
(Als wär's ein Stück von mir, S. 445)

„Die Wirkung des ‚Hauptmann von Köpenick’ war tiefer und nachhaltiger als die des ‚Fröhlichen Weinberg’. Das Stück wurde, von Freund und Feind, als das Politikum begriffen, als das es gemeint war .[…] Gerade dass hier auch die Gegenseite, das Militär vor allem, nicht blindlings verdammt und verteufelt, sondern mit dem Versuch zu dramatischer Gerechtigkeit dargestellt wurde, machte das Stück und sein Anliegen glaubwürdiger und ließ nicht das Misstrauen und den üblen Nachgeschmack aufkommen, den betonte, einseitige Tendenz oder ‚Propaganda’ immer verursacht. Es gab keine Theaterskandale, doch wütende Beschimpfungen von Seiten der Nazipresse […] - ich warf sie in den Papierkorb und hielt mich an die anderen, die zustimmenden und bestärkenden, die bis zum Schluss in der Überzahl waren." 
(Als wär´s ein Stück von mir, S. 517f.).

1933 wurde das Stück verboten und erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Deutschland gespielt. lm Allgemeinen wurde sowohl der Berliner Aufführung als auch dem Stück selbst großes Lob gespendet. Es fehlte allerdings nicht an kritischen Stimmen, die die Tendenzlosigkeit des Dramas (Herbert Ihering), seine „Karikatur unserer militärischen Vergangenheit" (F. Düsel; ähnlich Paul Fechter) und gar seine ungenügende dramatische Qualität bemängelten (Basler National - Zeitung). Die maßgebenden Berliner Kritiker, unter ihnen auch der bekannte und gefürchtete Alfred Kerr, betonten jedoch, dass Zuckmayers Stück seinen großen Publikumserfolg durchaus verdient habe.

Während des Zweiten Weltkriegs verschwand das Stück nicht völlig von der deutschsprachigen Bühne; Carl Zuckmayer berichtet in einem Interview mit Sibylle Werner von Aufführungen in Basel und in Bern zwischen 1933 und 1945. Nach Kriegsende konnte „Der Hauptmann von Köpenick“ noch einmal große Publikumserfolge feiern. In der Spielzeit 1948/49 erlebte das Stück 485 und in der Spielzeit 1951/52 242 Aufführungen. Damit stand es an zweiter (1948/49), beziehungsweise fünfter Stelle (1951/52) der Rangliste erfolgreicher Schauspiele auf den Bühnen der Bundesrepublik und Westberlins (Der Spiegel, 7. September 1955, S. 40). Obwohl „Der Hauptmann von Köpenick“ in den folgenden Jahren etwas an Popularität verlor, wurde das Stück dennoch wiederholt inszeniert. Die zweite Verfilmung des Dramas (Regie: Helmut Käutner; Titelrolle: Heinz Rühmann; s. Dateien: Verfilmungen und Verfilmung_Ruehmann) war einer der größten deutschen Kassenerfolge, und durch das Fernsehen wurde es ebenfalls einem größeren Publikum nahe gebracht.
Immer wieder interessierten sich bekannte Schauspieler für die Titelrolle: Werner Krauß, der Wilhelm Voigt auch nach dein Zweiten Weltkrieg spielte, Max Adalbert (1931), Paul Bildt, Heinz Rühmann (1956:im Film und im Theater), Rudolf Platte (1960), Carl Raddatz, Werner Hinz (1966), Joseph Offenbach, Harald Juhnke (1997) traten als Wilhelm Voig auf; Werner Hinz schätzte das Stück 

„als eine der so wenigen deutschen Komödien und spielte besonders gern Menschen, die eine Entwicklung, ein Schicksal haben. Wilhelm Voigt vereinigt ... viele deutsche leidende Helden in sich. Da spukt der Woyzeck wie der Kohlhaas in dem armen Luder -aber auch der Eulenspiegel“ (Theater 1966, S. 145)
Neben Zustimmung fehlte es nicht an kritischen Äußerungen; auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem Nazi - Regime kreidete man von marxistischer Seite Carl Zuckmayer „erschütternde Ahnungslosigkeit" in politischen Dingen an (Paul Rilla), und die Berliner Kritik nannte das Stück „Papas Theater" (Friedrich Luft) und „sentimentales Rührstück" (Ernst Wendt). Gegen solch negative Beurteilung erhoben sich andere Stimmen, die den Hauptmann von Köpenick noch keineswegs als abgemustert ansahen (Georg Hensel). Der Erfolg guter Inszenierungen bei der Kritik und beim Publikum gab denjenigen Auftrieb, die von der Qualität des Stückes überzeugt waren. Werner Hinz, der die Titelrolle in der überaus erfolgreichen Inszenierung von Hans Schweikart am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg im Frühjahr 1966 spielte, gab seiner Vorliebe für das Stück mit folgenden Worten Ausdruck: 
„Ich wollte beweisen, wie unrecht jene hatten, die das Stück, Zuckmayers deutsches ‚Märchen', vor wenigen Jahren ad acta legen wollten. Der Beweis ist gelungen: Presse und Kasse gaben mir Recht." (Theater 1966, S. 145)


Laut einer Auskunft Carl Zuckmayers gegenüber Sibylle Werner wurde „Der Hauptmann von Köpenick“ schon vor 1933 im Ausland aufgeführt - einschließlich Moskaus im Jahre 1932. Die Aufführungen des Stückes durch das Schiller Theater in New York (1964) und London (1970), und schließlich die äußerst gelungene Premiere einer neuen englischen Bearbeitung des Stückes durch den Dramatiker John Mortimer - die erste englische Übersetzung von David Portman erschien bereits 1932 - ließen die Hoffnung aufkommen, dass „Der Hauptmann von Köpenick“ auch im Repertoire der angelsächsischen Bühnen seinen Platz finden werde. DIE ZEIT vom 23. März 1971, S. 9, berichtete in einer Notiz aus London:

„Genau vierzig Jahre nach der deutschen Premiere feierte er jetzt sein Debüt in englischer Sprache und riss die englischen Theaterkritiker der großen Tages- und Wochenendzeitungen zu Sympathie- und Beifallskundgebungen von höchst unenglischer Überschwänglichkeit hin: Carl Zuckmayers ‚Hauptmann von Köpenick', der in einer flotten, fast revuehaften Aufführung vom Londoner Old Vic Theater herausgebracht wurde, in der es besonders Paul Scofield in der Titelrolle gelang, klarzumachen, dass, wie die Sunday Times schreibt, dieses Stück abgesehen von allem anderen dreierlei bietet: ‚viel Spaß; eine Großzügigkeit der persönlichen Einstellung, die nie in Sentimentalität ausrutscht; die eindeutige Erkenntnis, dass es sich hier um sehr viel mehr handelt als eine herzhafte, tröstliche Anekdote.“
Man mag im Londoner „Triumph für Köpenick" einen Beweis für die Vitalität des Stückes und eine Widerlegung derjenigen erblicken, die es wohl etwas voreilig tot gesagt hatten. Seine Bedeutung erschöpft sich [...] weder in seiner Bezugnahme auf Erscheinungen zur Zeit des historischen Hauptmanns von Köpenick und zur Zeit der Entstehung des Dramas noch in seiner Vorwegnahme von Erfahrungen der im Exil Lebenden. Denn dann wäre das Drama wohl heute lediglich als Relikt der Vergangenheit interessant. Wie schnell bestimmte gesellschaftliche Zustände und die durch sie hervorgebrachten Anschauungen dem Wandel der Zeit unterworfen sind, lässt sich gerade an einem Zentralproblem des Dramas von Zuckmayer ablesen: an der Verehrung der Uniform. Was 1906 und auch noch 1931 galt, hat heute wohl geringere Bedeutung. Bestimmte radikale Gruppen, die sich ganz ohne Zweifel in der Minderheit befinden und bewusst die Konfrontation mit der vom „Law - and - Order" - Denken beeinflussten Mehrheit suchen, haben geradezu eine Umwertung der bis noch vor kurzem gültigen Werte in Bezug auf das Verhältnis des Menschen zur Uniform vorzunehmen begonnen. Um diesen im Ansatz vorhandenen Wandel zu verdeutlichen, sei eine extreme Stimme angeführt: „Und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch [...].“ (Ulrike Meinhof; zitiert nach Die Zeit, 23. Februar 1971, S. 1)
Das Stück hat als dramatisch gestaltetes Bild einer besonders für junge Menschen schon vergangenen - allerdings noch nicht völlig bewältigten - Zeit durchaus seinen Wert. Es bleibt, trotz der „Mär aus Großvaters und Kaiser Wilhelms Zeiten", trotz der „Eulenspiegelei von anno dunnemals", trotz der „Maskerade der vorgespielten Autorität in jener Epoche von Schnauzbart und Pickelhaube", ein Symbol „für das noch nicht Vergangene, nämlich für bürgerliche Gutgläubigkeit, für das Fehlen von Gerechtigkeit und Vertrauen, für das Verschanzen hinter Vorschrift und Gesetz.“ - (FAZ, 21. September 1970)
 Somit lässt sich nicht übersehen, dass Zuckmayer Fragen aufwirft und Probleme anpackt, die dem Zeitgenossen durchaus vertraut sind - nicht zuletzt durch ihre Spiegelung in der Literatur. Es genüge, auf Zuckmayers Gestaltung des Armen, Geknechteten und von der Gesellschaft Ausgestoßenen hinzuweisen, wie er uns etwa auch in Büchners Woyzeck begegnet; man mag weiter daran erinnern, dass der geschundene Wilhelm Voigt sich schließlich gegen das ihm angetane Unrecht zur Wehr setzt, allerdings eher durch einen Eulenspiegelstreich als durch die Gewalttaten des Kleistschen Michael Kohlhaas; man denke schließlich an die kafkaeske Welt der allmächtigen und sich in nicht durchschaubaren Zuständigkeitsbereichen dem Zugang entziehenden Behörde, um die Nähe von Zuckmayers Drama zu großer Dichtung zu erkennen.
Ganz abgesehen davon, dass der Kampf eines allerdings wenig radikalen Außenseiters der Gesellschaft gegen die staatlichen Behörden in einer Zeit, die von vielfältigen Angriffen auf das Establishment geprägt ist, Sympathien unter Gleichgesinnten hervorzurufen vermag, wird im Hauptmann von Köpenick nicht zuletzt eine Grunderfahrung gesellschaftlichen Lebens dramatisch ins Bild gesetzt: Kleider machen Leute - mag es sich um eine Uniform oder um Zivilkleidung handeln.

[Bearbeitet auf der Grundlage von: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. Siegfried Mews, Der Hauptmann von Köpenick, Frankfurt/M. - Berlin -München (Moritz Diesterweg) 1972, S. 67 - 70]

Wirkungsgeschichte.doc
© H. Kerber 1991 / 2004
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