Der Hauptmann von Köpenick
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ZEITUNGSMELDUNGEN
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Die Zeitungen kommentierten
das außergewöhnliche Ereignis je nach ihrer politischen Einstellun.
Der sozialdemokratische
Vorwärts
schrieb am 18. Oktober 1906:
„Die Welt lacht. Über die deutschen Grenzen hinaus, über
den englischen Kanal und den atlantischen Ozean dringt ein schrilles Hohngelächter.
Die Welt lacht auf Kosten des preußischen Junkerstaats. Die Achtung,
die deutsche Wissenschaft, deutsch Industrie sich im Auslande erworben
haben, erstickt in einem spöttischen Gelächter.“
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Selbst bürgerliche Blätter nahmen den aufsehenerregenden
Vorfall zum Anlass, Kritik an der übertriebenen Hochschätzung
der Offiziersuniform zu üben. Unter der Überschrift „Des Königs
Rock" berichtet die Abendausgabe der Vossischen
Zeitung vom 19. Oktober 1906:
„Eigentlich muss es Wunder nehmen, dass der Gauner im Offiziersrock
noch immer eine Seltenheit ist. Vielleicht wird es nach dem Köpenicker
Schelmenstück anders. Denn die Mitglieder der Verbrecherzunft haben
erfahren, wie leicht sie das gewagteste Unternehmen durchführen können,
wenn sie die Uniform angezogen haben. Der Respekt vor den Epaulettes ist
den Deutschen durch Gesetz und Verwaltung seit Menschengedenken anerzogen
worden. In der Tat, des Königs Rock, oder vielmehr der Offiziersrock
ist eine rechtliche, vom Gesetz privilegierte Einrichtung, ganz unabhängig
von der Person, die in dem Rocke steckt. [...]
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Ähnlich hieß es in der Abendausgabe des Berliner
Tageblatts vom 17. Oktober 1906 unter dem Titel „Fetischuniform":
„Es ist ein beschämendes Zeichen für Bürgersinn,
Mannesmut vor Königsthronen, Rechtsstaat, Konstitutionalismus und
wie die schönen Worte alle heißen mögen, aber es ist nun
einmal eine Tatsache, dass in Preußen die Uniform herrscht und regiert.
Vor der Uniform liegen alle auf dem Bauch, die sogenannte ‚Gesellschaft',
die Behörden vom Minister bis zum letzten Nachtwächter, das Bürgertum
und die Masse des Volkes auch. Das kann man in den freien Volksstaaten
des Westens nicht begreifen, das versteht man auch in Süddeutschland
nicht, aber in Preußen ist es so. Wer die Uniform trägt, der
siegt, nicht weil er besser oder klüger oder weitsichtiger wäre
als die anderen, sondern weil er uniformiert ist. Trotzdem hätte der
Gauner sein Ziel nicht erreichen können, wenn dem preußischen
Soldaten nicht systematisch das Denken abgewöhnt würde."
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Am 17. Oktober schreibt Paul Block im Feuilleton der Abendausgabe
des Berliner Tageblatts:
„Der falsche Hauptmann von Köpenick hat in jedem Falle
seine Rolle gut gespielt. Er hat sich zum Helden einer tollen Posse gemacht,
deren Hauptwitz, wie jeder wirklich gute Witz, einen ernsten Hintergrund
besitzt. Wir merken, dass unsere Vorliebe für militärisches Gepränge
und Gepräge, die jedem Preußen im Blute steckt, in den letzten
Jahren allzu reichliche Nahrung erhalten hat. Deshalb müssen wir fortan
unsern Respekt etwas schweigen lassen. [...] Und wenn aus der Operette
mit dem Schauplatz Köpenick, über die alle Welt lachen wird und
die wir deshalb trotz ihrem inneren Ernst am besten auch komisch nehmen,
unwahrscheinlich genug diese vernünftige Wirkung für Zeit und
Land entsteht: dann lasse man den Herrn Hauptmann, falls man ihn kriegen
sollte, ruhig laufen. Man könnte ihm sogar ein Geschenk geben. Er
ist auf seine Art ein Erzieher des Volkes gewesen, und das Honorar von
4000 Mark, das er sich selbst genommen hat, ist lumpig genug. Nicht unmöglich
auch, dass er für einen ehrlicheren Beruf hervorragend geeignet wäre,
zum Beispiel als Bühnendichter. Die ganze Anlage seines Streiches
zeigt dramatische Begabung. Und der Gedanke, den Bürgermeister, der
sich als Leutnant entpuppt, bei seiner Leutnantsehre festzuhalten - durch
das schleunigst abverlangte Ehrenwort nicht zu fliehen -, dieser Gedanke
ist so genial - humorvoll, dass der [Gerhart] Hauptmann von Schreiberhau
den Hauptmann von Köpenick um ihn beneiden könnte."
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Im Bericht des Berliner Lokal-Anzeigers
vom 17.Oktober 1906 schwingt dagegen schon ein bisschen Bewunderung mit:
"Ein Vorfall, wie er in der heimischen Verbrechergeschichte
seinesgleichen sucht (...) hat sich am gestrigen Abend in dem benachbarten
Köpenick zugetragen. Dort hat ein Gauner in der Maske eines Garde
- Offiziers mit Hilfe einer Abteilung Soldaten, die er durch eine gefälschte
Kabinettsorder täuschte, den Bürgermeister und den Stadt - Rendanten
im Rathaus verhaftet, beide unter militärischer Bewachung nach Berlin
transportieren lassen und dann die Stadtkasse, in der sich etwas über
4 000 Mark in bar befanden, ausgeraubt. Polizei und Gendarmerie sind in
fieberhafter Tätigkeit, des Gauners, der mit seinem Raube unangefochten
entkam, habhaft zu werden."
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Nur die konservative Neue Preußische
Zeitung („Kreuzzeitung"; Motto; „Vorwärts mit Gott für
König und Vaterland") konnte oder wollte in ihrer Abendausgabe vom
18. Oktober 1906 keine Lehre aus dem Fall Köpenick ziehen:
„Der Gaunerstreich in Köpenick wird bereits zu einer politischen
Sensation aufgebauscht. Namentlich soll er gegen den Militarismus ausgenutzt
werden . [...]. Wer daraus, dass ein Pseudohauptmann ein paar Soldaten
unter seine Kommandogewalt bringen und zu einem Verbrechen gebrauchen konnte,
den Schluss ziehen will, dass in Preußen die Pflicht des militärischen
Gehorsams überspannt werde, der nenne uns doch ein Heer, in dem der
Soldat bei jedem Dienstbefehl die schriftliche Autorisation seiner Vorgesetzten
[...] nachprüfen darf oder muss . [...] Was aber bei den Soldaten
begreiflich ist, das ist bei den Herren von der Köpenicker Stadtverwaltung
doch kaum begreiflich.“
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Die Verhaftung Wilhelm Voigts erfolgte am 26. Oktober 1906. Die Polizei
war vielen falschen Spuren gefolgt und wurde erst durch einen ehemaligen
Mithäftling des Schusters auf die richtige Fährte gebracht. Nach
der Verhaftung Wilhelm Voigts verstärkte sich das Lachen der Öffentlichkeit:
„Es war die zweite große Welle; sie war noch stärker
als die erste, weil die Blamage viel größer war als ursprünglich
gedacht: Kein ehemaliger Offizier, kein raffinierter Hochstapler, sondern
ein alter Gauner, der nie den Rock des Königs hatte tragen dürfen,
hatte Soldaten, Beamte und einen Bürgermeister hereingelegt. Viele
Zeitungen nannten ihn nun den liebenswertesten aller Gauner'."
(Gerhard Prause, Der wenig bekannte zweite Teil
der Köpenickiade, In: Niemand hat Kolumbus ausgelacht. Überarbeitete
Ausgabe Frankfurt/M. und Hamburg: Fischer Bücherei 1969, S. 169-188;
hier: S. 177) |
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©
H. Kerber 1991 / 2004
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