Die Ironie
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Das Wort ist abgeleitet vom griech. eironeia = „Verstellung“ und besagt,
dass das Gesagte nicht wörtlich gemeint ist, ja vielleicht gerade
das Gegenteil bedeuten soll. In der Umgangssprache: „Das ist mir ein schönes
Wetter“, sagt man, wenn es regnet, und jeder versteht die Ironie. Die Ironie
wird, wenn sie nicht aus der Situation einsichtig ist, wesentlich auch
durch den Tonfall vermittelt. Oft ist sie eine Form des feineren Spotts:
das Verkehrte und Unechte wird umso stärker bloßgestellt, wenn
man sich den Anschein gibt, man halte es für gut und wahr.
Sokrates entwickelt im Gespräch
(sichtbar vor allem in den platonischen Dialogen) seine „Sokratische
Ironie“, indem er sich als ein scheinbar Nichtwissender (und Wissender,
dass er nichts weiß) von scheinbar Wissenden (und in Wirklichkeit
Nichtwissenden) „belehren“ lässt, um sie dabei durch ironische Fragen
in die Enge zu treiben und zu überführen. Die Ironie des Sokrates
entsprang seiner eigenen Aporie (seinem Zweifel) und stand im Dienste der
Wahrheit.
Bei den Romantikern wird die Ironie
die Grundlage der Kunstkritik. Tieck
verstand unter Ironie das freie Spiel des Künstlers mit seinem Stoff,
das „über dem Stück Stehen“ (vgl. „Der
gestiefelte Kater“, wo der Dichter selbst auftritt und das Publikum
ins Stück mit einbezogen wird, die Distanz also aufgehoben und die
Wirklichkeit des Stückes als Fiktion, als Spiel erwiesen, aber auch
die Realität der ernsthaften Zuschauer ironisiert wird. Das moderne
antiillusionistische Theater, etwa bei Wilder
oder Brecht, greift auf solche Mittel
zurück. (Episches Theater).
In der romantischen Ironie prägen sich zwei Aspekte
aus:
• die der Freiheit des romantischen Geistes, des poetischen Ichs (Schlegel:
„Die romantische Poesie kann am meisten zwischen
dem Dargestellten und dem Darstellenden auf den Flügeln der poetischen
Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren
und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen.“), aber
auch
• als Ausdruck des Wissens, dass der Künstler das angestrebte
unendliche Ziel nicht zu erreichen vermag (Schlegel:
„Sie (die Ironie) enthält und erregt ein Gefühl
von dem unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten,
der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung.“).
Als Kunstmittel wird die Ironie vor allem auch von den Skeptikern in
der Literatur geschätzt. Th. Mann:
„Der epische Kunstgeist ist der Geist der Ironie“. Denn sie „nimmt
Abstand von den Dingen, . . . schwebt darüber und lächelt auf
sie herab, so sehr sie zugleich den Lauschenden oder Lesenden in sie verwickelt,
in sie einspinnt“. Sie lässt durchblicken, dass das Geschilderte
nicht der Kern der Dinge, vielmehr eine Einkleidungsform für das Eigentliche
ist. So werden z. B. in den „Josephs“-
Romanen Mythos und Historie des biblischen Berichtes immer wieder ironisch
aufgehoben und damit als Einkleidungen des allgemeinen Menschenwesens gezeigt.
Eine tragisch - ironische Situation ergibt sich häufig
im Drama; dramaturgisch wird sie auch dadurch herbeigeführt, dass
der Zuschauer „im Bilde“ ist, die Figur auf der Bühne aber nicht.
So befindet sich Wallenstein in einer
ironischen Situation von tiefer Tragik, als nach dem Abfall Octavios Buttler
hereinkommt und er ihn - zum erstenmal - als wahren Freund begrüßt
(„Wallensteins Tod“ III, 8. und 9. Auftritt).
Ein Extrem der Ironie ist der Sarkasmus. Weiterführende
Formen des dichterischen „Verarbeitenss“ der Ironie können die Parodie
(Tiecks „Gestiefelter Kater“: II. Akt Schluss, Parodie auf Mozarts „Zauberflöte“)
oder die Travestie (Nestroys Travestie auf Wagners „Tannhäuser“
und auf Hebbels „Judith“) sein. |
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©
H. Kerber 1991 / 2001 / 2004
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