Die Epoche des Barock

Nominaldefinition: wahrscheinlich aus dem portugiesischen barucca, eine Juweliersbezeichnung für unregelmäßig geformte Perlen

I Kunst und Architektur 

Unter Barock versteht man eine Stilrichtung in der bildenden Kunst und Architektur in Europa und den spanisch/portugiesischen Kolonien in Lateinamerika des 17.Jahrhunderts. Die Ausläufer sind bis gegen Mitte des 18. Jahrhunderts zu beobachten. Die letzte Periode wird aufgrund ihrer anmutigen, verspielteren Ausprägung als Rokoko davon abgegrenzt. Erst im 19. Jahrhundert begann sich der Terminus auch als Epochenbezeichnung durchzusetzen. 
Ausgehend von Italien, kam der Barockstil als Ausdrucksmittel eines gegenreformatorischen und absolutistischen Repräsentationsbedürfnisses von katholischer Kirche und Feudaladel besonders in den katholischen Ländern Europas zur vollen Entfaltung, während er in den nordeuropäischen Ländern in Form eines barocken Klassizismus eine eigenständige Ausprägung erfuhr. Im Zuge der Missionsbestrebungen des Jesuitenordens gelangte er bis nach Lateinamerika, wo mit Salvador de Bahia in Brasilien eine ganze Barockstadt entstand.

Fischer von Erlach
Karlskirche in Wien (1717-1737)
Als Meisterwerk des bedeutendsten österreichischen Barockarchi-
tekten Johann Bernhard Fischer von Erlach gilt die Wiener Karls-
kirche, mit der die Kunst des Habsburger Reiches einen Höhepunkt 
erlebte. In ihrer architektonischen Konzeption verbindet sie durch 
Anklänge an den antiken Kuppelbau religiöse mit imperialer Symbolik.

Deutscher und österreichischer Barock 

Historische Ereignisse wie der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) in Deutschland und die türkische Invasion in Österreich verzögerten die Ausbildung der Barockkunst in diesen Ländern. Hier kam der Spätbarock erst ab 1700 zu einer glanzvollen Entfaltung. Herausragende deutsche Barockmaler waren Adam Elsheimer, der 1600 nach Rom ging, die klassische Malerei studierte und von den italienischen Malern beeinflusst wurde, und Johann Liss, der 1621 nach Venedig reiste und in Italien arbeitete. Johann Baptist Zimmermann und Cosmas Damian Asam, letzterer von Pozzo in Rom ausgebildet, waren die bekanntesten Freskanten ihrer Zeit.
Die deutsche und österreichische Bildhauerkunst des 17. Jahrhunderts orientierte sich nach wie vor an der Spätgotik beziehungsweise am Manierismus. Der Überlinger Altar (1613-1619) von Jörg Zürn zeugt von der Kontinuität der alpenländischen Holzschnitzkunst. Der Altar der Lutherischen Pfarrkirche in Insterburg (1623) von Ludwig Münstermann zeigt Einflüsse des Manierismus.
Balthasar Permoser aus Kammer bei Traunstein übernahm Stilelemente des italienischen Hochbarock und wurde zum führenden Barockbildhauer in Dresden, wo seine Skulpturen für die von Matthäus Pöppelmann geschaffene Erweiterung des Dresdner Schlosses (Zwinger, begonnen 1711) zum prachtvollen Erscheinungsbild des gesamten Komplexes beitrugen.
Auch in Wien erhielt die Barockarchitektur wie in Dresden große Förderung durch den Hof. Der Baumeister Johann Bernhard Fischer von Erlach stellte mit seinem Meisterwerk, der Wiener Karlskirche (1716-1737), unter Beweis, dass er die italienischen Vorbilder gekonnt umzusetzen verstand.
Andreas Schlüter, der 1699 das Berliner Stadtschloss vollendete (1950 gesprengt), und W. von Knobelsdorff, der das Schloss Sanssouci in Potsdam und die Berliner Oper baute, waren die größten preußischen Barockbaumeister. Der bedeutendste Barockbau Süddeutschlands dürfte die Würzburger Residenz sein, die nach Plänen von Balthasar Neumann errichtet wurde und Deckengemälde von Tiepolo besitzt.

II. Literatur

Schloss Versailles
Ein ausgewogener Sinn für Proportion und Komposition kennzeichnet 
den Umbau von Schloss Versailles, die architektonische Demonstration 
der Macht des französischen Absolutismus. Der größte europäische 
Schlosskomplex wirkte vorbildhaft auf Anlage und Baustil verschiedener 
kleinerer Residenzen des 18. Jahrhunderts.
In der Liateratur ist der Barock ein Epochen- und Stilbegriff, der herzuleiten ist entweder vom mittellateinischen baroco (Merkwort für einen später als abstrus empfundenen scholastischen Syllogismus) oder dem portugiesischen pérola barroca (Fachausdruck der Juweliere für eine Perle von unregelmäßiger, schiefrunder Form), wurde das Adjektiv barock im 18. und 19. Jahrhundert als Geschmacksbegriff mit meist abwertender Bedeutung (bizarr, grotesk, schwülstig) verwendet. Barock als Epochen- und Stilbegriff setzte sich 1860 in der Kunstgeschichte durch (negativ konnotiert etwa bei Jacob Burckhardt) und wurde dann unter dem Einfluss von Heinrich Wölfflins Kunstgeschichtlichen Grundbegriffen (1915) von der deutschen Literaturwissenschaft übernommen. Barock bezeichnet hier zunächst einerseits einen durch bestimmte Merkmale charakterisierten Stil (ausgeprägte Rhetorisierung der Sprache, gesteigerte Bildlichkeit, Artistik der Form), andererseits die Epoche zwischen Reformationszeit bzw. Renaissance und Aufklärung, in der dieser Stil dominant zu sein schien. Während Barock als Stilbegriff heute kaum noch eine Rolle spielt, hat er sich in der deutschen Literaturgeschichte als Epochenbegriff für die Periode von etwa 1600 bis 1720 weitgehend behauptet. In anderen europäischen Philologien hat er, wenn überhaupt, meist nur eine begrenzte Bedeutung erhalten, etwa für die Phänomene der préciosité in Frankreich und der italienischen und spanischen Argutia-Bewegung (Marinismus, Gongorismus).

Epoche 

Die Literatur des deutschen Barock entfaltet sich vor dem Hintergrund einer krisenhaften geschichtlichen Periode, wobei der historischen Umbruchssituation (konfessionelle Auseinandersetzungen, Dreißigjähriger Krieg, Zerfall des Reiches, Herausbildung des frühmodernen, absolutistischen Territorialstaates) eine höchst widerspruchsvolle religiöse, philosophische und wissenschaftliche Entwicklung entspricht. Dies zeigt sich u. a. in dem Nebeneinander von christlicher Weltauffassung und modernen, vom Humanismus zur Aufklärung tradierten Doktrinen, von religiösem Dogmatismus und mystischen oder neuplatonisch-paracelsischen Strömungen bzw. neuen wissenschaftlichen Ansätzen. Eine breite Wirkung auch auf die Dichtung ging von der überkonfessionellen, auf praktische Lebensbewältigung gerichteten Philosophie des christlichen Stoizismus aus, wie sie der Niederländer Justus Lipsius formuliert hatte (De constantia, 1584).

Gian Lorenzo Bernini
Die Verzückung der heiligen Teresa von Avila
(1645-1652), Santa Maria della Vi
Als einer der bedeutendsten Bildhauer des 
Barock verstand es Bernini meisterhaft, 
Lichtwirkungen für dramatische Inszenierungen 
zu nutzen, wie bei dieser Skulpturengruppe, 
die eine Vision der spanischen Mystikerin Teresa 
(Theresia) von Avila darstellt.
Konfession und Literatur 

Die politisch-konfessionelle Spaltung des Reiches schlug sich auch im kulturell-literarischen Bereich nieder und führte zu einer weitgehend getrennten Entwicklung von protestantischer und katholischer Literatur
Die katholischen Autoren verweigerten sich bis auf wenige Ausnahmen der Sprach- und Literaturreform zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Sie setzten vielmehr eine der (katholischen) europäischen Tradition verpflichtete neulateinische Produktion fort. Dies lässt sich an den Rhetoriken bzw. Poetiken von Jacobus Pontanus und Jacob Masen sowie an der Lyrik Jacob Baldes ebenso ablesen wie an den Jesuitendramen Jacob Gretsers, Jacob Bidermanns, Nicolaus von Avancinis und anderer. Mit Blick auf ein breites Publikum entstand zugleich im Dienst der katholischen Reformbewegung (Gegenreformation) eine der süddeutschen Sprachtradition verpflichtete volkssprachliche Literatur vorwiegend religiösen Charakters, darunter eine sprachmächtige Predigtliteratur (Beispiel: Abraham a Sancta Clara) und ein vielfach der geistlichen Bukolik (Hirtendichtung) verpflichtetes Liedschaffen von großer poetischer Kraft (Friedrich Spee, Laurentius von Schnüffis u. a. ).
Dagegen hatte sich die protestantische Literatur um Martin Opitz und um die Sprachgesellschaften (Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft nach italienischem Vorbild 1617) vor allem das Ziel gesetzt, die deutsche Literatur auf der Grundlage humanistischer Auffassungen zu erneuern und so den Anschluss an die volkssprachlichen europäischen Renaissanceliteraturen zu gewinnen. Dabei trafen literarische und nationale Gesichtspunkte zusammen und verliehen der Entwicklung eine besondere Dynamik. Neulateinische Traditionen bestanden auch hier weiter, doch in einem sich kontinuierlich verringerndem Ausmaß. Träger der Reform waren – mit der Unterstützung interessierter Fürsten – die humanistisch gebildeten Gelehrten in den Städten und an den Höfen (nobilitas litteraria). Damit wurde nun auch für die deutschsprachige Literatur die humanistische Poetik mit ihrer Idee eines engen Zusammenhangs von Rhetorik und Dichtung verbindlich; an die Stelle der einheimischen deutschsprachigen Literaturtradition trat das Formen-, Themen- und Gattungsspektrum der Antike und der europäischen Renaissance.

Dominikus und Johann Baptist 
Zimmermann: Wieskirche
Die von 1745 bis 1754 erbaute 
Wallfahrtskirche Die Wies in der 
oberbayerischen Gemeinde 
Steingaden ist eines der heraus-
ragenden Beispiele europäischer 
Rokoko-Architektur. 

Gattungen 
 
Die Geschichte der meisten Gattungen begann als Rezeptionsgeschichte. 
Am frühesten gelang es bei den lyrischen Gattungen (einen umfassenden Lyrikbegriff kannte man noch nicht), sich die poetischen Mittel, den Formenkanon und die Themen der Vorbilder anzueignen und, darauf aufbauend, zu eigenständigen, später auch vom Manierismus beeinflussten Leistungen zu finden (Martin Opitz, Paul Fleming, Andreas Gryphius, Philipp von Zesen, Johannes Scheffler, Quirinus Kuhlmann, Christian Hofmann von Hofmannswaldau usw.). Auch die zum Teil heute noch lebendige protestantische Kirchenlieddichtung, obwohl in stärkerem Maß einheimischen Traditionen verpflichtet, orientierte sich an der neuen Poetik (Paul Gerhardt). 
Die Romanautoren kamen nach einigen kleineren Schäfer- und Liebesromanen (Beispiel hierfür ist Philipp von Zesens Adriatische Rosemund, 1645) zu bemerkenswert eigenständigen Lösungen für die großen Formen des höfisch-historischen Romans (Philipp von Zesen, Anton Ulrich von Braunschweig, Daniel Casper von Lohenstein usw.) und des Pikaro- oder Schelmenromans (Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch, 1668/1669; Johann Beer), die dann im galanten Roman bzw. im politischen Roman eine den gesellschaftlichen Wandel reflektierende Fortführung fanden.

Neben dem Roman entwickelte sich ein vielfältiges fiktionales und nichtfiktionales Prosaschrifttum. Eine kaum zu überschätzende Bedeutung kommt dabei der religiösen und erbaulichen Literatur beider Konfessionen – zahlenmäßig das wichtigste Segment des Literaturmarktes – und dem (natur-)mystischen Schrifttum zu. 
Inmitten einer vielfältigen Theaterpraxis, von der Wanderbühne der englischen Komödianten bis zum Hoftheater, repräsentiert das sogenannte Schlesische Kunstdrama die literarisch anspruchsvollste Form des Theaters in deutscher Sprache. Im Zentrum stehen Andreas Gryphius mit seinen auch politisch signifikanten christlich-stoischen Märtyrerdramen und anderen Manifestationen der "Vergänglichkeit menschlicher Sachen" sowie Daniel Casper von Lohenstein mit seinen die Problematik politischen Handelns im Licht moderner Klugheits- und Affektenlehren darstellenden Trauerspielen.

Aus: Microsoft® Encarta® 97 Enzyklopädie. © 1993-1996 Microsoft Corporation und frei bearbeitet.

barocenc.doc